Full text: Hessenland (33.1919)

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erste Anregung zu der erst unter Landgraf Wil 
helm IX. angelegten Wilhelmshöher Allee zu geben. 
Man muß nämlich wissen, daß zu damaliger Zeit 
die vornehme Welt von Kassel nur innerhalb der 
Stadt wohnte und selbst ihre Promenaden nur in 
den Alleen des Friedrichsplatzes oder in dem 
Auepark unternahm und selten weiter ging als 
uach Wilhelmshöhe, damals Weißenstein genannt. 
Vor den Toren Kassels wohnten in jener Zeit 
nur Gärtner und ganz arme Leute. Sie richtete 
sich hier ganz ländlich ein, hielt zwei Ziegen für 
ihre kleine Familie, zog Gemüse und dergleichen. 
Dies kühne Unternehmen der dichterischen Frau 
brachte in der Kasseler Gesellschaft einen wahren 
Sturm hervor. Die vornehmen Verwandten ihres 
Mannes, ihre Schwiegermutter, vornehmlich über 
deren Schwestern, Fräulein Priziers, Frau Regie 
rungssekretär Huno und andere hielten einen Fa 
milienrat und protestierten feierlich gegen den 
etwaigen Verdacht die auffälligen Ausschreitungen 
der Göttinger Dichterin zu billigen, setzten jedoch 
in der Sache selbst nichts durch und mußten schließ 
lich gute Miene zum bösen Spiel machen." 
Das Haus wurde zum Jugendparadies für 
ihre Kinder, und die Gäste fühlten sich wohl darin. 
Ein besonderer Hausfreund für Engelhards wurde 
damals .ein Offizier von Münchhausen, Dichter 
und Freund von Seume. Er gehörte zum Feld 
jägerkorps, das in der Nähe sein Quartier hatte. 
Häufig stellt er sich des Mends ein, und die Erzäh 
lungen von seiner Bekanntschaft mit Seume und von 
den Erlebnissen im amerikanischen Kriege, den er 
mitgemacht hatte, waren dann sehr unterhaltend. 
Wichtig für die Hausfrau wurden auch seine Ge 
spräche über die Dichtkunst. Eines Mends, als er 
die Hauskatze beobachtete, die sich in der warmen 
Ofenröhre ein Ruheplätzchen ausgesucht hatte, rief 
er lachend aus: „In diesem Hause ist doch alles 
genial, selbst die Katze!" 
Ja freilich ging es in Frau Philippineus Haus 
halt oft recht genialisch zu. Zwischen Wirtschaft 
und Kinderpflege hindurch arbeitete ihr Geist immer 
lebhaft weiter. Oft schrieb sie die besten Gedanken, 
Briefkonzepte und Gedichte auf die Rückseite einer 
gerade vorhandenere Rechnung, z. B. über das 
Flicken eines schwarzen Strohhuts. Auf Miets 
kontrakten , Witwengehaltsquittungen und dgl. 
fanden sich solche Entwürfe, bei denen sich die 
Zeilen überdenr noch kreuzten. Recht ein Bild 
ihres Lebens! Es war in ihr ein eigenes Gemisch 
von praktischem Sinn und Sparsamkeit auf der 
einen, von Poesie und Leichtlebigkeit auf der andern 
Seite. Wenn's nicht anders ging, setzte sie sich 
schnell entschlosserr über alle üblichen Fornren und 
gesellschaftlichen Sitten weg. Eines Tages- roollte 
es das Schicksal, daß sie ihr zweites Töchterchen 
badete und wickelte. Da fährt die landgräfliche 
Equipage vor. Schon ist die Landesmutter im 
Hausflur, da fliegt, von Philippinens Händen 
schnell zusammengerafft, ein Bündel Kinderrväsche 
und Windeln zum Fenster hinaus auf die Wil 
helmshöher Allee, während Badewännchen und 
Wiege schnell vom Mädchen fortgeschleppt werden 
und nun dem Eintritt der Landgräfin in die gute 
Stube kein Hindernis mehr im Wege steht.. 
Einst hatte sie sich eine Gesellschaft geladen, 
war aber mit den Vorbereitungen nicht zu rechter 
Zeit fertig geworden, so daß die ankommenden 
Gäste sie nicht'finden konnten und in den Garten 
traten, wo sie sich ziemlich deutlich über dies Be 
nehmen der Frau Kriegsrätin aussprachen. Diese 
saß im Erbsenbeet, und plötzlich ertönte ihre 
Stimme: „Die Frau Kriegsrätin pflückt Erbsen, 
und wenn Ihr sie nachher essen wollt,. müssen 
sie doch erst gepflückt werden!" Mitten in der ge- 
rührtesten Stimmung, etwa über den Verlust eines 
lieben Menschen, konnte sie, da sie immer alles 
bemerkte, was um sie her vorging, plötzlich aus 
rufen: „Schmier' nicht so dick, die Putter ist teuer!" 
Sie wollte sparsam sein, aber die Wirtschaftlichkeit 
sollte doch niemand bemerken: ..„Keine ausge 
zirkelte, oft die Gesundheit schädigende Sparsamkeit 
ängstige die Mitgenießenden." Auf Reinlichkeit 
war sie immer sehr bedacht, aber manch' ein Miß 
griff wird in ihrer Wirtschaft vorgekommen sein, 
denn sie arbeitete ohne System. Immer hatte sie 
eine Unzahl kleiner Besorgungen zu machen, die 
viel Zeit kosteten. Mends noch, mit der Laterne, 
suchte sie im Garten die Schnecken ab, und selbst 
aus der Ferne ermahnt sie in ihren Briefen, daß 
man ja dem Vogel im Käfig das Freßnäpfchen 
nicht verkehrt anhängt. Um alles recht preiswert 
zu bekommen, ging sie am liebsten selbst zu den 
Kaufleuten und behauptete, auf diese Weise immer 
am besten zu fahren; weil sie freundlich mit den 
Leuten sei, gäben sie ihr auch immer das Beste. 
Doch mag ihre Gutmütigkeit dabei oft getäuscht 
worden sein. Wenigstens im Verkehr mit den 
Dienstboten war dies oft der Fall. Sie war zu 
harmlos und ließ sich oft hinter das Licht führen, 
weil sie allen Menschen das Beste zutraute. Auch 
da, wo sie die Fehler deutlich sah, schritt sie nicht 
energisch ein. Sie klagte sich dann selbst an, daß 
sie mit Untergebenen schlecht auskäme, weil sie 
es nicht über sich vermöchte, durch Zwang etwas 
zu erreichen. Was Bürger einst von ihrer Künst 
sagte, gilt auch für ihr ganzes Dasein: „Sie, 
meine charnrante Jungfer, mag sich nur bestreben 
einerlei Flug halten zu lernen." Das hat 
sie nie gekonnt. Es blieb auch im Verkehr mit
	        

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