Volltext: Hessenland (33.1919)

sw«!. 47 
ausgezeichnete Vergleiche entstehen. Oder wäre die 
Bezeichnung der Fuchsie als Lchnälmer Mädchen 
«nicht treffend,' die des Weidenröschens (Mariä 
Bettstroh) und des Stiefmütterchens (Menschen 
gesichtehen) nicht zart und Ausdrücke wie Maria- 
hilfbrühe für dünnen Kaffee und Meerrettich- oder 
Moosanke für einen Nacken mit langem Haar nicht 
gelungen genug? Vielfach ist neben der bildlichen 
auch eine ältere unbildliche Bedeutung der Wörter 
im Gebrauch. So ist Muslappen eigentlich der 
Lappen zum Zudecken des eingetopften Sauer 
krautes, doch auch ein willensschwacher Mensch. 
Mistkieze ist zunächst Bezeichnung des zweirädrigen 
Mistwagens; aber auch der Einfältige muß sich 
diese liebevolle Benennung gefallen lassen. Noch 
einen Schritt weiter, nämlich in Aberglauben und 
Volkskunde hinein, kann schließlich die Wortbetrach 
tung führen. Ein Stück Aberglauben liegt vor, 
wenn ein Gerät sich melden, d. h. durch scheinbar 
grundlose Bewegungen den Tod des Besitzers an 
kündigen kann. Ein Stück Aberglaube steckt auch 
in dem Schmetterlingsnamen Milchdieb: denn 
nach dem Volksglauben sollen die Hexen, die mit 
Vorliebe die Milch verzaubern und deshalb Milch 
diebinnen, Molkenstehlerinnen usw. heißen, auch 
Schmetterlingsgestalt annehmen können, ja wohl 
gar in dieser Gestalt solchen Zauber ausüben. 
Wenn schon die bloße Stichwortzusammenstellung 
des Interessanten genug bietet, wieviel mehr wird 
es einst das fertige Wörterbuch tun! Möchte darum 
keiner, der dazu in der Lage ist, es sich verdrießen 
lassen, durch Mitteilung auch von scheinbar Un 
bedeutendem zu seiner Vollständigkeit beizutragen. 
Ist doch scheinbar Unbedeutendes in größerem 
Zusammenhang oft bedeutungsvoll! 
Die Zukunft des Wilhelmshöher und Wilhelmsthaler Schlosses'. 
Von Paul Heidelbach. 
Das Schicksal der ehemals königlichen Schlösser, 
deren Verwaltung seit Ausbruch der Revolution 
durch die Beschlagnahme «der Krongüter und des 
königlichen Vermögens auf das preußische Finanz 
ministerium übergegangen ist, hat seitdem wieder 
holt die Öffentlichkeit beschäfUgt. Von den Ber 
liner Schlössern wird 'das alte Schloß, das durch 
die letzten Kämpfe stark gelitten hat, vorläufig 
als Ganzes erhalten; später sollen einzelne Teile 
zu verschiedenen Zwecken «benutzt werden. Das 
Kronprinzliche Palais unter «den Linden wurde 
alsbald mit Truppen belegt, ebenso das benach 
barte Prinzessinenpalais, in dem man, wenn ich 
Nicht irre, die Einrichtung einer modernen Ge 
mäldegalerie plant. Das Schloß Kaiser Wil 
helms I. steht «unter dem Schutz des Polizeipräsi 
diums. Das frühere Palais des Prinzen August 
Wilhelm, in dem — wie in den Palais des 
Prinzen Friedrich Leopold und des Prinzen Al 
brecht — bisher verschiedene Behörden unterge 
bracht waren, wird voraussichtlich vom Präsi 
denten der Republik bezogen werden. Auch Schloß 
Bellevue wurde mit militärischen Bureaus be 
setzt. Das Schloß in Charlottenburg wurde Zen 
trallazarett. In ähnlicher Weise wurde ein Teil 
der Schlösser in «der Provinz benutzt. 
Nun hatte das Finanzministerium bereits zum 
Ausdruck gebracht, daß alle Gebäude, die als 
' Dieser Artikel war vor dem Erscheinen der vor 
trefflichen Ausführungen Ernst Zöllners „Die Kasseler 
Schlösser" (Kass. Tageblatt, 23. März 1919, Nr. 139) 
gesetzt. Der dort gemachte Vorschlag, im Kirch- und 
Weitzensteinflügel des Wilhelmshöher Schlosses eine städ 
tische Gemäldegalerie sowie ein Hessisches 'Denkmäler- 
Archiv zu errichten, verdient ernsthafte Beachtung. 
nationale Kunstdenkmäler erhalten werden sollen, 
von der unmittelbaren materiellen Verwertung 
ausgeschlossen bleiben. Aber schon tauchen aller 
hand Pläne auf, die uns nicht ganz ohne Sorge 
sein lassen. So soll die Landwirtschaftliche Hoch 
schule in Berlin in eines der schönsten Gebäude 
aus der friderizianischen Zeit, in die Orangerie 
im Park zu Sanssouci, verlegt werden. Nicht 
nur die Professoren der Hochschule, sondern auch 
ein erheblicher Teil der Potsdamer Bevölkerung 
treten, wie die „Deutsche Allgemeine Zeitung" 
meldet, für diesen Plan ein, dessen Ausführung 
natürlich auch unvermeidliche Umbauten im Ge 
folge haben würde. Es darf als selbstverständlich 
angenommen werden, daß das deutsche Volk eine 
derartige Entweihung nationalen Eigentums, die 
uns barbarischer machen würde als unsern Ruf und 
uns des Wenigen berauben will, das im Wandel 
der Zeit außerhalb des Alltäglichen noch dauernde 
Gültigkeit besitzt, schon im Keime zurückweisen muß, 
und in der Tat haben bereits namhafte Künstler 
öffentlich gegen diesen Plan Verwahrung eingelegt. 
Es bedarf keiner Hervorhebung, daß auch die 
Kunstschätze in den Schlössern Eigentum der Na 
tion bleiben müssen. Es geht nicht an, wie das 
in Berlin geschehen ist, Gemälde zu entfernen, 
die durch Überlieferung und Eigenart mit dem 
Ort, an dem -sie sich befinden, zusammenhängen. 
Auch der Vorschlag, Kunstschätze der Schlösser auf 
die Museen im Lande zu verteilen, müßte von 
Fall zu Fall ernstlich erwogen werden. Schon 
wies der ständige Ausschuß des Tages für Denkmal 
pflege auf die große Gefahr hin, daß hier uner 
setzliche Werte an Architektur und Ausstattung
	        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.