Full text: Hessenland (33.1919)

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frohen Brief der Freundin gegenüber ivie ge 
wöhnlich die Pöte und Stimmungen, in denen 
sein Dasein sich bewegt: „Meine traute Philip 
pine — oder darf ich nicht mehr so sagen? Ich 
kann Sie allenfalls auch „hoch zu verehrende 
Matrone" nennen. Indessen wird's Künste kosten 
mir das: traute Philippine, .Jungfer Philippine 
und all' die hundert Haus- und Gartenfleuretten 
der Tage, die vorüber sind, wie Ossian sagt, abzu 
gewöhnen und sollte Ihr Herr Gemahl der Haoron 
sein dabei zu ergrimmen und seitwärts auf sein 
schweres Mordgewehr zu blicken, so mag ich mir 
nur die Lust vergehen lassen, Sie einmal in 
Kassel in Ihrer neuen Herrlichkeit zu besuchen 
und so einen der alten St. Veitstänze mit Ihnen 
zu tanzen. Indessen kann Sie ja leicht denken, 
daß ich ein Behemoth, Leviathan oder Rhino 
ceros sein müßte, wenn ich mich nicht Ihres 
ehelichen Glücks freuen wollte. Versteht sich im 
Herzen — aber da kann Sie nun gar ge 
waltig oft blind ankommen, wenn Sie verlangt, 
daß ich diese Freude zu allen Zeiten zu Papier 
oder wohl gar in Verse bringen soll. Überhaupt 
hat sichs mit mir ausgeverst, ich lese nicht ein 
mal mehr Verse außer denjenigen, die ich für 
den Almanach ex officio lesen muß. So sehr 
ekelt mir täglich mehr vor dieser losen Speise. 
Das hat mich fast gelächert, daß Sie, Madonna 
Angelika, Ihres Herrn Gemahls Frömmigkeit so 
andächtig preiset. Sie hat doch wohl meiner armen 
Sündlichkeit dadurch keinen Hieb geben wollen? 
Ei nun! Dank Sie dem Himmel für den lieben 
frommen Mann. Je weniger Schläge kriegt Sie. 
— Besuchen will ich Sie denn doch wahrhaftig 
sobald' die schöne Jahreszeit wieder kommt. Nur 
das wird bei Ihrem Eheherrn vorher ausbedun 
gen, daß man noch ein bissel mit Philippine 
narrieren darf. Halte Sie ihm den Spruch des 
Weisen vor: 
Glaubts nur, Ihr gravitätischen Herrn, 
Gescheidte Leute narrieren gern. 
Wenn nun Ihr Gemahl kein gravitätischer Herr 
ist, sondern einer von den schnurrigen Knaben, 
wie Unsereiner, so empfehlen Sie mich seiner Ge 
wogenheit bestens, sonst aber komme meine Seele 
nicht in seinen Rat. Und hiermit sei Sie unserm 
Herrgott befohlen." Engelhards aber lassen sich 
nicht abweisen: „Ihr lieber närrischer Brief hat 
mir viel Freude gemacht — meinen Mann froute 
Ihr Brief so, daß er sich gewiß den nächsten wieder 
erbittet." Bürgers letzter Brief ist vom 12 . März 
1781, er enthält nur gute Ratschläge in Bezug 
auf die zweite Sammlung ihrer Gedichte. Aus 
ihren Dank erhielt Philippine keine Antwort mehr. 
Von den vielen Beziehungen, die Philippine 
mit ihrer Jugendzeit verbanden, überdauerten noch 
recht manche den, Abschied von Göttingen. Eine 
ganz besondrere Freude machte ihr Lavaters Be 
such, wahrscheinlich 1786 auf einer Reise nach 
Bremen. ©te beschreibt ihn später einmal: „Der 
edle Lavater, als er ein wenig bei mir gewesen 
war, zog den Vorhang, der des Sonnenbrands 
wegen beinahe zu war, selbst auf und sagte: „Mein 
liebes Weibele! Wir zwei wollen uns bei Hellem 
Tage recht ansehen und kennen lernen." Guter, 
einfacher Mensch, wie lieb, wie teilnehmend warst 
Du." Zur Erinnerung an diesen Besuch macht sie 
ihren Kindern ein Gedicht. 
Auch Jung Stilling stand im Verkehr mit ihr; 
es ist noch eine Karte vorhanden, auf der er 
eine durchreisende Dame „der edlen Philippine 
Engelhard-Gatterer als Geistesverwandte" emp 
fiehlt. Er unterzeichnete dabei als: „Ihr Freund 
Stilling-Jung." Am längsten von allen hielt sich 
die treue Freundschaft mit Therese Forster-Huber, 
wovon später noch mehr. 
1782 kam die zweite Sammlung ihrer Gedichte 
heraus, wieder bei Dietrich in Göttingen. Sie 
hatte einen vollen Erfolg. Die Liste der Sub 
skribenten war lang und durfte sie und ihren Gatten 
wohl mit Genugtuung erfüllen. Den Anfang 
machten zwanzig Mitglieder aus regierenden Häu 
sern, die damals freilzch noch sehr zahlreich in 
Deutschland waren. Auch sind wohl alle Namen 
der hessischen Adelsfamilien vertreten, ebenso viele 
vornehme Bürgerfamilien Kassels und der Um 
gegend. Göttinger Professoren und Namen aus 
der süddeutschen Heimat der Eltern, aus Erlangen, 
Gießen und Marburg, auch Preußen und Hanno 
veraner finden sich. 
Seitdem sah Kassel Philippinen als sein e Dich 
terin an. Das Bändchen ist wieder mit reizenden 
Kupfern von Chodowiecki geziert. So die „Quelle 
der Bekanntschaft", ein Stückchen hausbackenen 
Humors. Ein junges Mädchen begießt ihre Blumen 
am Fenster und überschüttet dabei aus Versehen 
einen feingekleideten jungen Mann tüchtig mit 
Wcksser. Die Mutter sieht's und besteht-darauf, 
ihn herauf zu nötigen. Dann muß die Demoiselle 
ihn eigenhändig sauber abtrocknen. Allerliebst ist 
das Bildchen, die gestrenge Mutter, der verlegene, 
aber doch beglückte Herr, das feine Mädchen mit 
gesenkten Blicken an ihm herumhantierend, alles 
unendlich fein und zierlich ausgeführt bis auf jedes 
Löckchen und die Schleifchen der kleinen Stelzschuhe. 
Gewidmet ist das Buch dem Landgrafen Fried 
rich II. von Hessen. 
Schnell hatte die Dichterin auch in der Gesell 
schaft Kassels festen Fuß gefaßt. In dem Buch
	        

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