Full text: Hessenland (33.1919)

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schon angedeutet: die dekorative. Als echter 
Kolorist, der die Farbe in lockerem, breitem 
Vortrag gern in großen Flächen wirken läßt, 
kommt er häufig ganz folgerichtig und natur 
gemäß zu einer dekorativen Haltung. So gibt er 
— um wieder nur eine der reifsten Leistungen 
herauszugreifen — in einer „Frühling" genann 
ten Kvmposition mit drei weiblichen Akten ein 
Stück Malerei, das rein dekorativ, rein als Wand 
schmuck (etwa über einer Tür) gedacht ist. Noch 
ein weiteres Werk raumschmückender Kunst von 
seiner Hand soll nicht übersehen werden - ein Kir 
chenfenster, dessen Fläche vollständig (vielleicht zu 
vollständig im Hinblick aus das schöne Geteil am 
untern Rande) beherrscht ist von der leuchtenden 
Gestalt eines thronenden Christus. Der Überblick, 
den man in dieser Ausstellung über das Werk des 
in seiner Vaterstadt noch zu wenig bekannten 
Künstlers gewinnt, wird vervollständigt durch eifi 
halbes Dutzend charaktervoller Zeichnungen, „Ju 
dith und Holofernes", „Grablegung", „Am Fen 
ster" und andere, die man nicht missen möchte. 
Walter Schliephacke betont durch die Aus 
wahl, die er diesmal getroffen hat, stärker als 
sonst seirre Leistung auf dem Gebiete der Bildnis 
malerei. Da ist zunächst eine Serie von Kinder 
porträts; sie fallen sofort auf durch die frische 
Malweise. Und das verdient unterstrichen zu wer 
den. Denn man sieht selten Kinderbildnisse, die 
gute frische Malerei sind, sehr häufig dagegen 
solche, die deutlich alle Spuren des Kanipfes mit 
dem schwierigen Modell erkennen lassen. Nichts 
davon in diesen, übrigens auch farbig-malerisch 
reichen und reizvollen Porträts, die Leben und 
Ausdruck der kindlichen Form mit großer Unmittel 
barkeit wiederspiegeln. Dann nrehrere Frauen- 
und Männerbildnisse: u. a. ein Greismkopf, mit 
hingebender Treue in den Einzelformen durch 
modelliert und doch malerisch weich zusammen 
gehalten; weiter das Brustbild einer älterm Dame 
in Schwarz vor gelbem Vorhang, eine klare ziel 
sichere Bildnisarbeit; dann zwei Profilporträts 
einer jüngerm Dame, zart und sinnend im Aus 
druck und besonders interessant durch die malerische 
Auffassung, denn feinfühlig sind die Stimmungs 
werte der Farbe (grün und weiß — blau und 
rosa) benutzt, um dm Eindruck zu unterstützen, 
der vom Wesen der Dargestellten gegebm werden 
soll. Noch auf einem andern Sondergebiet ist 
Schliephacke diesmal reicher vertreten als auf 
früheren Ausstellungen: auf dem des Stillebens. 
Es handelt sich um Aquarelle, in denen viel 
Können und Eigenart steckt: frisch und flüssig ge 
malte Fruchtstücke, anmutige Garten- und Feld 
blumensträuße, impressionistisch angeschaut auf den 
Zusammenklang der farbigen Reize und dabei klar 
und lebmdig in der Wiedergabe der charakteristi 
schen und typischm Einzelformm. Im Gegensatz 
zu Heine geht übrigens Schliephacke — wenn man 
von seinm Aquarellm absieht — selten von rein 
koloristischm Gesichtspunkten aus. Das eigentliche 
Grundelement seiner malerischen Anschauung ist 
die gebrochme Farbe, der Ton in seiner uner 
schöpflichen Variabilität. Mit gesteigerter Fein 
fühligkeit folgt der Künstler dm intimen Schwin 
gungen, der unendlichen Melodie der Farbentöne 
in seinm dämmerigm Landschaften und Wald 
interieurs. Nur ein einziges ganz helles und 
ganz kühltoniges Gemälde ist unter seinen Freilicht- 
Arbeiten: eine Flußlandschaft mit einer großen 
Gruppe badmder nackter Fraum, umspielt von 
flimmemdem Licht und bewegter Luft. 
Friedrich F e n n e l erweist sich in einigen Land 
schaften (von denen zwei Partim aus dem Fulda 
tal zum Gegenstand haben) wieder als tüchtiger, 
realistisch-trmer Schilderer der heimatlichm Na 
tur. An seine Heimatschilderungm reihm sich dies 
mal ebenso objektiv beschreibende Darstellungen 
nordfranzösischer Landschaft, zumeist Ausschnitte 
aus der Umgebung von Laon. Ein Kriegsbild 
(Artilleriekampf um Fort Douaumont) gibt eine 
Vorstellung davon, wie sich eine derartige Kampf- 
Handlung dem Gelände unterordnet. Von guter 
Qualität ist das Bildchen einer im Freien stehen 
den niederhessischm Bäuerin; die Figur ist als 
tonig - malerische Erscheinung in der gegebenen 
Lichtsituation und im Zusammenhang mit der 
Umgebung empfunden. 
Philippine Engelhard. 
Eine deutsche Dichterin aus der guten alten Zeit. 
Von Elsbeth von Nathusius. 
(Fortsetzung.) 
Brachte ihr das Verhältnis zur Schwiegermutter 
manche Not, so blieb ihre Ehe bis zuletzt eine 
sehr glückliche und im ganzen harmonische, trotz 
der großen Verschiedenheit der Gatten. Denn 
Engelhard war als Sohn seiner Mutter so pe 
dantisch, daß er als junger Mann eine Viertel 
stunde damit zubringen konnte einen Fleck aus 
dem Rocke zu bürstm, währmd Philippine in
	        

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