Full text: Hessenland (33.1919)

Dingelstedt fügte dem Briefe die Randbemer 
kung hinzu: Mündlich erledigt 14. 3. 68 . 
Auch bei seiner zweiten Rhapsodenfahrt nach 
Wien im Jahre 1870 bittet Jordan in herzlichen 
Worten um Dingelstedts Teilnahme: 
Lieber Ungetreuer 
Kommen Sie wenigstens heut in meine Rhap 
sodie, die letzte aus „Hildebrants Heimkehr". 
Sie gehört zum Besten was ich zü bieten ver 
mag, ist von' dramatischer Gewalt und wirkt, 
vermöge der Charakteristik Etzels, nicht nur auf 
Frauen, sondern auch auf schwierige dem Zu 
hören abgeneigte Männer Ihres Schlages, wie 
ich aus wiederholter und ausnahmsloser Erfah 
rung sagen darf, hinreißend. Und, glauben Sie 
mir, der ich ein groß Stück von Ihnen in sehr 
selbstloser Weise wirklich lieb habe, auch lieb 
behalte trotz geringer Ermunterung: der in 
Ihnen unter dem Hof- und millionenlustigen 
Weltmann oft sehnsuchtsvoll und aufseufzend 
nothleidende ächte Poet, wird sich erquickt und 
gedeihlich erregt fühlen von dem Stück ächter 
und großer Poesie das ich Ihnen für heute 
Abend versprechen kann. 
Ihr 
Wien 10 März 1870. W. Jordan. 
Damit schließt der Briefwechsel zwischen beiden 
Dichtern. Jordans Anhänglichkeit an Dingelstedt 
und seine richtige Einschätzung von dessen Per 
sönlichkeit bezeugt schließlich noch das Gedicht, das 
er ihm unter der Überschrift „Federzeichnung" ge 
widmet hat (Letzte Lieder 1892 S. 179 f.): 
Ich kenn.' einen Mann, von Gesicht und Gestalt 
Gleich des Tacitus alten Germanen. 
Erfundnes zu schaun und des Wortes Gewalt 
Vererbten ihm kattische Ahnen. 
Zu singen begann er. Da horchte man auf 
Vom Gebirg bis zu Meeresgestaden; 
Denn es schien zu beginnen den Ruhmeslauf 
Ein Dichter von Gottes Gnaden. 
Doch wie glücklich in ihm sich alles verschmolz 
Zum Liebling der Musen, — das Eine 
War übel gemischt: sein löblicher Stolz 
Mit der Sucht nach blendendem Scheine. 
Er wußte gar wohl, toer fürstlicher Gunst 
Und höfischem Amt sich verpflichte, 
Der wachse nicht aus zum Meister der Kunst, 
Und blieb doch zu schwach zum Verzichte. 
Viel Treffliches schuf er, doch immer nur fast 
Erklomm er die oberste Stufe; 
Denn den letzten Aufschwung hemmte die Last 
Seines Schmuckes zum Nebenberufe. 
Wenn in glänzenden Fesseln sein Genius murrt, 
Dann lügt er ihn still mit dem Troste, 
Daß er Ehren und Adel „ohne Geburt" 
Statt unsterblichen Ruhmes erlöste. 
Nur zuweilen verrät er, beinahe verstummt, 
Durch ein Spottlied in seufzendem Tone, 
Daß der große Poet, der sich eitel vermummt, 
.Noch nicht völlig erstickt im Barone. 
Aus dem hessischen Kunstleben. 
Von Ern st Zöllner, Kassel. 
Drei Kasseler Maler haben die erste diesjährige 
Ausstellung des Kunstvereins mit Sammlungen 
ihrer Arbeiten beschickt: Karl Heine, der als 
Lehrer an der Erfurter Kunstgewerbeschule wirkt, 
Walter Schliep hacke, der seit kurzem aus 
dem Felde heimgekehrt ist, und FriedrichFen - 
n e l, der sich auch längere Zeit an der Westfront 
befunden hat. 
Die Kollektivausstellung Heines ist die um 
fangreichste; sie umfaßt Landschaften, Bildnisse, 
Akt- und andere figürliche Kompositionen. Alle 
diese Arbeiten zeigen einen Künstler, der wesent 
lich von der reinen Farbe ausgeht. Sei es, daß 
er Natureindrücke formt, sei es, daß er innere Ge 
sichte, Vorstellungen der Phantasie gestaltet: immer 
ist die reine Farbe sozusagen die Keimzelle der 
künstlerischen Konzeption, das Erste, das ursprüng 
lich Anreizende und das, was in seiner Verteilung 
auf der Fläche auch weiterhin bestimmend für die 
Durchführung der ganzen Bildidee bleibt. So ist 
z. B. die schöne kräftige Harmonie von Rot und 
Gelb das eigentlich malerische Thema der Land 
schaft „Garben vor roten Häusern". Die bevor 
zugte Farbe des Künstlers aber ist Blau. Blau 
beherrscht in einer ganzen Reihe seiner Bilder 
das Farbenerlebnis; alles andere ist auf diese 
Dominante abgestimmt. Ein weiblicher Halbakt 
ist mit außerordentlich dekorativer Wirkung vor 
einen ungeteilten völlig tiefblauen Hintergrund 
gesetzt. Ein lichteres Blau (mit Weiß) gibt dem 
Bildnis eines genesenden Mädchens einen sehr 
eigenen, zarten Stimmungszauber; es ist in diesem 
Bilde ein wundervoll reiner Einklang zwischen der 
Sprache der Farbe und dem, was in der Haltung 
und im Gesichtsausdruck der Genesenden zum Ge 
müt des Beschauers spricht. Für das Talent des 
Porträtisten Heine zeugen noch verschiedene andere 
Arbeiten, darunter — um nur eines, das beste 
von allen, hervorzuheben — das Brustbildnis eines 
Herrn in dunkelblauem Rock vor grünen Blättern, 
durch die vereinzelte Sonnenlichter huschen. Eine 
andre Seite der Begabung Heines wurde oben
	        

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