Full text: Hessenland (33.1919)

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(170 Seiten, Preis brosch. 1,50 M), das uns mit einer 
Reihe neuer hessischer Schriftsteller bekannt macht. Hessen- 
Nassau und das frühere Großherzogtum umfassend, will 
es eine Beispielsammlung zur hessischen Literaturgeschichte 
sein und enthält auch kurze autobiographische Notizen. 
Diesmal sind vorwiegend die Jungen zu Worte gekom 
men, und so ist es verständlich, daß ein Teil der Bei 
träger sich mit mehr oder weniger Gelingen der expressio 
nistischen Technik bedient. Dora Barnas (geb. in Fried 
berg), die sich als Romantikerin vorstellt, leitet den 
Band mit einer nicht immer ganz verständlichen, das 
Thema der Seelenwanderung streifenden Renaissance 
novelle ein. Ludwig Beil (geb. in Gießen) bringt zwei 
Bruchstücke aus seinem modernen Roman „Martin", 
Otto Damm (geb. in Friedberg) gibt in „Kamilla" 
eine Probe seiner unleugbaren Begabung, der schon 
weiteren Kreisen bekannte Karl Neurath (geb. 1883 in 
Mainz) steuert mit seinem „Gemeindediener Schlotter 
beck" eine köstliche Skizze bei, Friede Reuting (geb. 1878 
in Höchst) eine nicht minder treffliche Dialekterzählung 
voll feiner Beobachtung. Robert Schäfer (geb. 1892 in 
Worms) hat im Schützengraben von St. Quentin Er 
innerungen an die Wälder seiner Jugend zur phan 
tastisch poetischen Erzählung verdichtet. Will Scheller 
(geb. 1890 in Kassel) erzählt in treffsicherer Knappheit 
die widerwärtige Geschichte einer eingefangenen Schlange. 
Walter Schwerer (geb. 1879 in Oberlahnstein) weiß an 
schaulich aus den Tagen der Kindheit die Erinnerung 
an einen originellen Waldläufer zu wecken. Die Be 
gabung des unglücklichen, geistig umnachteten Wilhelm 
Walther (geb. 1889 in Grebenau, Kreis Alsfeld), zeigt 
zum Schluß die Novelle „Aus dem Ghetto von Worms". 
Auch diesmal liegt der Schwerpunkt im einstigen Groß 
herzogtum. Vielleicht verlohnt es sich doch, für einen 
der nächsten Bände auch einmal im alten Kurfürstentum 
nach jungen Talenten auf die Suche zu gehen, damit 
die verdienstvolle Absicht des Verlegers nicht gar zu 
einseitige Erfüllung findet. Der Band als Ganzes 
gibt ein erfreuliches Bild von tüchtigem Können und 
Streben. — Eine unterhaltsame Lektüre verschaffen 
die von vr. Karl E s s e l b o r n herausgegebenen 
Landgrafeng es chichten. (138 Seiten mit 12 
Tafeln, Preis 4,30 M.) Es sind 45 Anekdoten, 
Schwänke und Erzählungen, in deren Mittelpunkt die 
hesfen-darmstädtischen Landgrafen des 18. Jahrhunderts 
(Ernst Ludwig, Ludwig VIII. und Ludwig IX.) standen. 
Erst vier dieser, von dem 1783 in Darmstadt geborenen 
Friedrich Hill nach mündlicher Überlieferung auf 
gezeichneten Geschichten waren bisher veröffentlicht. Von 
Geistersehern und spukhaften Erlebnissen in einsamen 
Jagdschlössern, von unheimlichen Rauchgesellschaften und 
weißen Frauen, von verschmitzten Feldscherern uno 
kecken Antworten schnauzbärtiger Schildwachen, von 
grotesken Wettläufen und schelmisch beantworteten Bitt 
gesuchen, von seltsamen Hasenjagden geistlicher Herren 
und bestrafter Unterwürfigkeit, von Kapuzinern, die preu 
ßische Grenadierdienste tun und von vielem anderen 
ist darin die Rede. Romanhaft mutet uns heute das 
Schicksal der schönen Helene Martini, der Tante Hills, 
an, die 16 jährig, mit einer Bittschrift ins fürstliche 
Jagdschloß geschickt, gewaltsam zurückgehalten und des 
Landgrafen einflußreiche Geliebte wird. Die Geschichte 
vom „Pfarrer zu Pferd" zeigt, daß der bekannte Wal 
dauer Pfarrer, von dem ähnlrches berichtet wird, bereits 
einen Vorgänger hatte. Diese kleinen Rokokobilder, die 
uns die Fürsten jener Zeit in der Vorstellung des 
Volkes widerspiegeln, gewähren aber mehr als eine 
unterhaltende Stunde; sie können auch als Kultur- 
dokumente, die das Zeitkolorit unverwischt festgehalten 
haben, angelegentlich empfohlen werden. Zahlreiche An 
merkungen und Erklärungen zu den Abbildungen geben 
jeden gewünschten Ausschluß. Die Kopfleisten und Vi 
gnetten stammen von Amalie Schaedel. 
Heidelbach. 
Scherls Jungmädchen-Buch. Herausgegeben 
von Lotte Gubalke. Berlin (Aug. Scherl G. 
m. b. H.) 1920. 6. Band. 336 Seiten. Preis geb. 
10 M und 10 Prozent Teuerungszuschlag. 
Auch dieser neue Band des zu den Lieblingsbüchern 
unserer deutschen Mädchen gehörenden Jungmädchenbuches 
stellt sich wieder als eine wertvolle Gabe der diesjährigen 
Jugendliteratur dar. Erzählungen, Märchen, Gedichte, 
Bühnenspiele und belehrende Aussätze, alles von Meistern 
des Stifts künstlerisch illustriert, füllen den stattlichen 
Band, für dessen Gediegenheit neben der Herausgeberin 
Lotte Gubalke u. a. Sophie Hochstetter, Martha 
Renate Fischer, Agnes Harder, Marie von Bunsen, 
.Helene Lange, Meister Guntram von Augsburg, Frieda 
Schanz und Adelheid Stier bürgen. Die vornehme und 
edle Art, in der drxses Buch unterhält, anlegt und be 
lehrt, gibt ihm seinen Wert. Der gesunde Geist, in dem 
es auf das junge Geschlecht einzuwirken sucht, spricht 
sich gleich zu Anfang schon in dem prächtigen Ruf 
aus, den die hessische Schriftstellerin Marie Martin 
an Herz und Willen der deutschen Jungmädchen richtet, 
deren Willensstärke Hilfe gleich denjenigen der jungen 
Männer zur Erlösung des Vaterlandes mithelfen muß. 
8b. 
Lüttebrandt, Willem. Mä honn's, mä 
k u n n ' s. En bißchen was us vergehnen Zieden. 
Kassel (Karl Victor) 1919. 144 S. Preis 3,30 M. 
Was uns der Verfasser hier auf den Weihnachtstisch 
gelegt hat, ist — mit einem Wort gesagt — vortreff 
lich. Das ganze Bändchen, dem seine erste Erzählung 
den Namen gegeben hat (die beiden übrigen tragen die 
Überschrift: Kaduffelpannkuchen un Lusejungen, wie ein 
Spätzbuwe den annern hüls), bietet eine Sammlung 
lieber Erinnerungen aus der Zeit, als die Butter noch 
sieben Groschen kostete und der Weg nach der Neuen 
Mühle noch von Schwarzpappeln beschattet wurde. Daß 
darin ein wehmütiger Unterton nicht fehlt, wird uns 
nicht wundern. Wir hören nicht nur von so manchem 
Genuß der guten alten Zeit, der jetzt dem Normal 
städter vorenthalten und nur dem Selbstversorger und 
Kriegsgewinnler erreichbar ist, wir müßen u. a. auch 
die traurige Wahrnehmung machen, daß unsere Zeit 
nicht ärmer an Windbeuteln ist, die zielbewußt das 
väterliche Erbe durchbringen, und daß es trotz neuster 
Erziehungsmethoden ebensolche Galgenstricke auf der 
Schulbank wie vor 50 Jahren gibt. — Wer Sinn für 
Humor mit zuweilen kräftigen Volksausdrücken hat, 
wird reichlich auf seine Rechnung kommen, vr. W. 
‘ Gedichte. 
„Vom Herzschlag der Stunden" betitelt 
sich der neue Gedichtband, den uns Graf Karl von 
Berlepsch nach seiner Rückkehr aus dem Felde 
vorlegt (Bielefeld und Leipzig, Belhagen & Kl asina, 
1919. 103 Seiten), und wieder ist es eine reiche Gabe 
seines starken Könnens, die wir in diesen Versen voll 
Leidenschaft, innigem Naturempfinden, stolzem Kraft 
bewußtsein, tiefer Menschenliebe und starker Zuver 
sichtshoffnung begrüßen. Der strahlenden Schönheit herber 
Frühlingsmorgen, sonnendurchglühten goldenen Som 
mertagen, friedlosem Leid wie zartestem Glück der Liebe
	        

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