Full text: Hessenland (33.1919)

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festen und kam gleich nach dem Weinkauf (Sßer* 
lobung), der Hossech (Hochzeit) und Kindkirmes 
(Kindtaufe), wobei die besten Freunde nicht fehlen 
durften. Selbstredend wollte es am Schlachttage 
nicht Tag werden, so daß wohl morgens im Bett 
die Hausfrau, die ihren Eheherrn sich schon eine 
Weile von einer Seite auf die andere wälzen gehört 
hatte, scherzte: „Wenn arme Leute was haben, 
läßt's der liebe Gott nicht Tag werden." Endlich 
war's soweit, der Metzger kam, das arme Tier 
wurde abgestochen oder tot gedrückt. Daß der 
Winterkälte durch Zutrinken entgegengearbeitet 
wurde, braucht nicht besonders erwähnt zu werden. 
Es dauerte nicht lange, da war auch die Reinigung 
durch die erste Brüh besorgt, die Borsten durch 
die ¡Schellen und verschiedenen Schlachtemesser ab- 
geschrappt, und das Schweinchen wurde an das 
Hängholz befördert. Von da wanderte es, mit 
den nötigen Stempeln versehen, in die Waschküche 
oder einen geeigneten Raum in deren Nähe, um 
gewogen zu werden. Nach der Zerlegung wurden 
der Speck und die Sulperknochen eingesulpert 
oder eingesalzen, endlich trat die Hackmaschine in 
Tätigkeit, und man sah schon, was werden sollte. 
Da kamen aber auch bereits die ersten Gäste in 
Gestalt der Nachbarskinder und brachten sich in 
empfehlende Erinnerung. Der Metzger holte natür 
lich gleich einen langen Darm, um die 8chlemper 
anzumessen (d. h. am Kopf das Maß für ein 
kleines Würstchen zu nehmen); die Kinder entzogen 
sich allerdings dieser wichtigen Vorarbeit meistens, 
aber „die 8chlemper" kriegten sie doch, und das 
war ja die Hauptsache. Waren dann Bratwurst, 
Herrnwurst (Hirnwurst = Zervelatwurst) und 
Kesselwurst (Leber- und Blutwurst) gemacht, dann 
rückte auch der Höhepunkt des Festes immer näher, 
der Schlachtekohl. O der Beneidenswerte, der 
von den Kindern der nachbarlichen Einladung folgen 
durfte! Da hörte nun endlich das alltägliche Ducke- 
fett (Speck mit Zwiebeln) auf, und ein herrliches 
Festmahl winkte. Nach der kräftigen Rindfleisch 
suppe kam das dazu gehörige Fleisch mit Meer 
rettich auf den Tisch, diesem Gang folgte der saure 
Kohl mit frischen Knochen, und dann bekam jeder 
als Wegzehrung noch ein Stück frische Bratwurst 
und etwas Papier zum Einwickeln mit. Den Schluß 
des Menüs bildete gekochtes Dörrobst oder auch 
eingemachte Quetschen. Wer dann das nötige Sitz 
fleisch bei dem hernach aufgelegten Fäßchen hatte, 
der bekam auch noch Kaffee und Kreppein, nicht 
etwa den handhohen unvermeidlichen im hellen 
Kett (Rüböl) gebackenen Eisenkuchen, nein Krep- 
peln, die es noch seltener gab als Bitzkuchen (Waf 
feln) und außerdem nur Neujahr und nach dem 
Ausdreschen als 8tauhkreppeln auf den Tisch kamen. 
Erhöht wurde wohl solche Beschaulichkeit noch durch 
lustige Tänze und Sprünge einiger verkleideter 
Dorsburschen und -mädchen, deren Schlußvers „Ich 
hab' gehört, Ihr hätt't geschlacht't und hätt't soviele 
Würst' gemacht, gebt m'r zwei, gebt m'r drei, gebt 
uns auch 'n Stück Speck darbei!" allerhand Lecker 
bissen — wie Bratwurst, Quellfleisch, Wurste- 
brüh — einbrachte, die dann von der Dorfjugend 
gemeinsam vertilgt wurden. — Das war damals, 
als es auch noch genug und billig 8teinöl (Pe 
troleum) gab. Jetzt ruhen alle Wälder. 
Wer solche und ähnliche Bilder aus der Ver 
gangenheit hervorzaubern kann, greife flugs zu Feder 
und Tinte und bringe seine mundartlichen Enü- 
sprechungen der in lateinischer Schrift gegebenen 
Worte, die meiner Heimatmundart angehören, zu 
Papier. Noch größer aber wird unsere Freude sein, 
wenn wir Ergänzungen dazu bekommen, so z. B. 
wie weit der Schwartenmagen einen Bestandteil der 
Hausschlachtung bildet usw. Enthalte uns niemand 
seine mundartlichen Schätze vor! Warum sein Licht 
unter einen Scheffel stellen? 
Marburg (Lahn), 
Hess.-Nass. Wörterbuch, Dr. Witzel. 
Gisselbergerstr. 19. 
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Aus Heimat und fremde. 
Hessischer Geschichtsverein. Am Herren 
abend des Kasseler Vereins am 1. Dezember sprach 
Geheimrat Scheibe über getreue Räte der 
hessischen Landgrafen. Er erinnerte u. a. 
an drei der höchsten Beamten des Landgrafen Moritz, 
die unerschrocken ihre abweichende Meinung zum Aus 
druck brachten und ihre Bestallung zurückerbaten, worauf 
die von ihnen beanstandete Maßregel gegen Volkmarsen 
nicht ausgeführt wurde. Besonders verweilte er sodann 
bei den getreuen Ratgebern Landgraf Wilhelms IV., die 
1580 bei der Einweihung des noch jetzt im Renthos 
erhaltenen Kollegienhofes anwesend waren und mit 
samt dem Fürsten in dem heute noch im Amtszimmer 
des Konsistorialpräsidenten befindlichen großen Wand 
gemälde dargestellt sind. Redner hob die bedeutendsten 
dieser Räte, Hofbeamten und Amtmänner in kurzen 
Lebensabrissen hervor und überreichte dann sämtlichen 
Anwesenden die seinerzeit durch den Geschichtsverein 
veranlaßten 29 Lithographien der auf dem Wandgemälde 
Dargestellten. Studienrat Dr. Fuckel nahm in länge 
ren Ausführungen, die wir an anderer Stelle ver 
öffentlichen, Stellung zur Frage des Standorts der 
Donareiche, worauf Geheimrat Dr. Schantz einige Ka 
pitel aus der Geschichte seiner ursprünglich im Main 
tal ansässig gewesenen Familie behandelte. Sie gehörte 
dem fränkischen Adel an. Um seines lutherischen Glau 
bens verzog ein Hermann Schantz nach Gudensberg. 
Sein Enkel, Melchior Schantz, wohnte in Ziegenhain 
und kam hier 1633 beim Einzug des Kanzlers Oxen- 
stierna durch Zerspringen eines Geschützes um. Während 
sein Vetter Johann Eberhard Schantz Stammvater eines 
geadelten, in Schweden und Finnland verbreiteten Zwei 
ges wurde, studierte sei Sohn Nikolaus auf der Uni 
versität Kassel und war Pfarrer in Dilich, Obergrenze 
bach und Sipperhausen. Einer seiner Söhne war ehr 
samer Schneider in Kassel, ein anderer, Hans Kurt 
Schantz, als Oberst Kommandant der Festung Rhein 
fels. Er starb 1705, sein Leben gibt ein anschauliches 
Bild von den Unruhen der damaligen Zeit. Rechnungs 
direktor W o r i n g e r ging auf einen in der Chikagoer
	        

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