Full text: Hessenland (33.1919)

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man es nicht genau zu nehmen, ganz abgesehen davon, 
das, es kaum möglich sein wird — besonders in diesen 
krausen Zeitläuften —, den Begriff der Lebenswahrheit 
genau zu definieren. Man ist übereingekommen, im 
Schwank alle Unglaublichkeiten für möglich, ja selbst 
die Aufhebung der Naturgesetze für alltäglich zu halten. 
Hier herrschen eigene Kausalitätsgesetze und anders als 
sonst in Menschenköpfen spiegelt in seines Dichters Kopfe 
sich die Welt. 
Die „Drei Zwillinge" von Impekoven und 
Mathern bauen sich auf einer glücklichen Idee auf. 
Ber einem Brande sind zwei Kinder verwechselt worden. 
Der Zwillingssohn des Grafen wächst zu einem gut 
situierten Weinhändler heran, das Bürgerkind ivird 
Erbgraf. Selbstverständlich kommt der junge Wein 
händler ins Schloß. Man entdeckt sofort an'der Ähn 
lichkeit seine Familienzugehörigkeit, er selbst erfährt, 
daß er eigentlich ein blaublütiger Aristokrat ist. Er 
nimmt denn auch sofort den ihm „von Rechtswegen" 
gebührenden Platz ein, läßt- Frau und Schwiegervater 
kommen, empfindet aber die — aus der Bühne — einem 
jungen Grafen obliegenden Pflichten sehr schmerzlich, 
während der bisherige Erbgras, zum Weinreisenden 
degradiert, sich durch den Besitz des. Scheckbuchs der 
Firma getröstet sieht. Schließlich wird alles wieder 
eingerenkt. Herr Knäblein und Graf Eberhard werden, 
was sie früher waren. Ein paar lose hineingewirkte 
Liebesgeschichten nehmen ein gutes Ende. Und da 
das Nachdenken im Schwank verpönt, ist, kann das Publi 
kum zufrieden sein und war es auch. Herr Pape gab 
die Doppelrolle des Erbgrafen und des Weinhändlers 
mit liebenswürdiger Grazie, mit herzerfrischendem Hu 
mor. Herr Sellnik, der auch einen Grafensprossen 
darstellte, zeigte, trotzdem er gute Anlagen besitzt, die 
Merkmale der Anfängerschaft noch überdeutlich, Herr 
Jürgen s e n war ein seinkomisch gezeichneter alter 
Aristokrat, Frau Clever eine sehr wirkungsvolle, dra 
stische Haustante, Herr P i ck e r t konnte als Groß 
schlächtermeister vorzüglich unsre Lachmuskelu reizen, 
Fräulein Stör m übertraf als liebeerfüllte Maid sich 
selbst, Fräulein Hopf und Fräulein D i n g h a u s 
fügten sich dem Ganzen erfreulich ein. Herr B e r c n d 
siel einigermaßen aus dem aristokratischen Milieu heraus. 
Die „BeidenSeehund e" von Karl Rößler er 
wecken zu Beginn Erwartungen, die sie nicht erfüllen. Der 
Kurfürst, der mit dem ihm zum Verwechseln ähnlich sehen 
den Dienstmann für kurze Zeit die Rollen tauscht, 
läßt uns hoffen, daß hier ein Charakterspiel sich auf 
rollen werde, in dem es an politischen Spitzen nicht 
fehlen kann. Aber es wird nichts daraus als ein ein 
facher Schwank. Als Dienstmann seines Amtes waltend, 
erfährt zwar der Fürst manche Wahrheit, die er künftig 
nützen wird. Aber die Sache mutet an wie die Fami 
lienblattnovellen um Weihnachten. Man weiß zu An 
fang, wie herrlich gut sich die Sache machen wird. Es 
ist verwunderlich, daß Rößler, der in den „Fünf Frank 
furtern" sich den Erfordernissen der Bühne so ge 
wachsen zeigte, hier eine gewisse Unbehilflichkeit an den 
Tag legt. Das Stück spielt sich fast nur in Audienzen 
ab. Auch von der Wärme und dem Gemüt, das aus 
jenem Stück zu uns spricht, ist nichts zu spüren. Ihr 
seht einen Schwank wie andre mehr. Herr I ü r g e n - 
s e n gab den Kurfürsten mit köstlichem Humor und 
herzlichem Tone, Herr P i ck e r t war das Musterbild 
eines Dienstmanns, lebensfrisch uitb wirksam, Herr 
Hellbach ein brutaler Streber, wie ihn der Dichter 
sich nur tvünschen konnte, Herr Eberle ließ es 
fernem Leibkammerdiener an charakteristischen Zügen 
nicht fehlen, Frau C l e v e r gab die Lüadthebamme 
mit munterer, draufgängerischer Komik. Die Regie 
hatte es sich ein bißchen zu leicht gemacht und offen 
bar das lai88er aller, laissez faire sich zur Devise ge 
nommen. 
Irgend »velcher literarische Wert kommt beiden Stücken 
nicht zu. Sie sind für den Tag geboren und vergehen 
mit ihm. Andre Schtvänke gleicher Güte werden sie 
ablösen und sie schnell in den Orkus der Theaterbiblio 
thek verweisen. Auch Emil Rosenow's Drama „Die 
im Schatten leben" tvird kaum auf die Nachwelt 
kommen. Dazu ist der Tendenz zuliebe der Aufbau 
und die ganze Durchführung allzu schablonenhaft. Auf 
der einen, der Arbeiterseite, nur finsteres Elend, aus 
der Kapitalistenseite Gesinnungslumperei. Daß so die 
Welt nicht i st, sondern sich in dieser Gestalt nur dem 
zeigt, der sie durch die stark gefärbte Parteibrill« 
schaute, braucht nicht erst betont zu werden. Und man 
hat dem Andenken des Dichters, der uns den „Kater 
Lampe" schenkte, keinen Dienst erwiesen, indem man 
dieses Jugendstück gab, bei dem man wohl mehr die 
Gesinnung als den inneren Gehalt schätzte, als man 
es auf den Spielplan setzte. Fräulein Hopfs „Lisa" 
zeigte tiefe Empfindung und warm pulsierendes Leben, 
Fräulein Stör in war ein leichtblütiges, treu der 
Wirklichkeit nachgebildetes Hannchen, Fräulein Wolfs 
charakterisierte die alte Arbeiterwitwe mit künstlerischer 
Feinheit. Bon den Übrigen seien Herr E b h a r d 
(Docken), Fräulein T a n d a r , Herr U h l i g , Herr 
Bereu d und Herr H e l l b a ch mit Anerkennung er 
wähnt. 
Soll dieses Drama uns die Feit vor zwanzig Jahren 
schildern — so alt ist es schon — so will „ F e m i n a " 
von E. P. v. Rossem und Soesmann hhpermodern sein. 
Man weiß, daß die von Freud in Wien begründete 
psychü-analhtische Schule großen Wert auf die Träume 
legt. Sie glaubt in ihnen unter der Schwelle des 
Beivußtseins gelegene Triebe entdecken zu könneu. Sie 
benutzt diese ihre Deutungskunst zu Heilzwecken bei 
Nervenkranken. Welche Bedeutung der Traum für 
manchen Philosophen hat, ist bekannt. Besonders Scho 
penhauer beschäftigte sich viel und eingehend mit ihni. 
„Das Leben und die Träume sind Blätter eines und 
des nämlichen Buches. Das Lesen im Zusammenhang 
heißt'tvirkliches Leben. Wenn aber die wirkliche Lese 
stunde, der Tag, zu Ende . . ., so blättern ivir noch 
müßig und schlagen bald hier, bald dort ein Blatt 
auf: oft ist es ein schon gelesenes, oft ein noch unbe 
kanntes, aber immer aus demselben Buche." Über 
den Wert der psticho-analhtischen Methode mögen Fach 
leute urteilen. Die beiden Holländer haben offenbar 
einmal das Jahrbuch dieser Schule in die Hand ge 
nommen und fühleit sich veranlaßt, die ihnen offenbar 
töricht vorkommende Lehre zu verulken. Eine junge 
Witwe (von Fräulein Storm mit reizendem Übermut ent 
zückend verkörpert) erzählt ihrem Arzt (dem Herr Pape 
neben der Junggesellensteifheit etwas mehr Gelehrtcu- 
eifer hätte geben können) einen Traum, ans dem dieser 
schließen soll und muß, sie sei in ihn verliebt. Um 
ihn aus seiner Zurückhaltung zu locken, verlobt sie sich 
zum Schein mit ihrem Schwager (der von Herrn Berend 
gespielt ward, ein Lebemann seilt soll, aber absolut 
nicht so erschien) icud erringt nach mannigfachen, im 
'Leben wohl ansgeschlostenen Zivischenspielen den ge 
liebten Doktor. Der letzte Akt mit seiner unbremsbaren 
Redseligkeit ließ manches fröhliche Empfinden vergessen, 
das man in den vorhergehenden Aufzügen gefühlt. Das 
Ganze ist tvohl nur, weil das Thema modern ist, aus 
deut Ausland eingeführt worden. Gleich gute oder gleich
	        

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