Full text: Hessenland (33.1919)

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Widerstand bei der Besetzung Lüttichs. Seitdem 
ich die gewaltigen Straßensperren gesehen habe, 
bin ich anderer Ansicht. Still-und ernst marschiert 
die Truppe dahin. Diese entsetzliche Schwüle! Mit 
Schokolade und Tabletten gegen Hitzschlag suche ich 
die Leute zu erfrischen; und die Kerlchens sind mir 
dankbar, ich sehe es ihnen an. Keiner will um 
fallen und deshalb geht's auch. 
Ein sonderbares Sausen in der Luft — dann ein 
Bumm —. Jetzt etwas näher dasselbe! Die ersten 
Schrapnellgrüße aus dem Fort Boncelles! Ange 
sichts dieser schlagenden Beweise hält mein Major 
an seiner Ansicht mm nicht weiter fest. 
Nach 18 Kilometern erreichen wir das Gehöft 
Beauregard. 
„Gepäck ablegen! Patronen aus dem Tornister 
in die Rocktaschen lind Brotbeutel stecken! Die Pa 
tronenwagen werden nicht herangezogen!" 
Alle Müdigkeit ist vergessen, jeder macht sich 
auf seine Art im Innern für das erste Gefecht 
bereit. Mich hat eine grenzenlose Gleichgültigkeit 
erfaßt; es kann mir ja nichts passieren, von dem 
Gedanken bin ich fest durchdrungen. 
Meine Kompagnie ist am Anfang des Bataillons. 
Langsam und lautlos schiebt sie sich in das nächt 
liche Dunkel des Waldes vor; eine- Artillerieab 
teilung versperrt uns den Weg; in ReilZenkolonne 
vermag ich mit der Kompagnie vorbeizukommen. 
Da! Ein leises Sausen und hartes Aufklatschen. 
Bon rechts und links schießt man vereinzelt von 
den Bäumen auf uns. Der erste Verwundete wird 
die Kolonne entlang zurückgeführt. Armschuß! Bor 
uns lebhaftes Feuer. 
An einer Wegegabel hält der Regimentsführer, 
Major von Winterfeld. Voll vorbildlicher Ruhe 
macht er uns mit der Lage bekannt: Die hanno 
versche Brigade kommt nicht recht vorwärts; man 
weiß vorn nicht, ob man Feind oder Freund be 
schießt; auch das vorderste, schon eingesetzte Ba 
taillon unseres Regiments hat nicht vermocht, die 
Lage zu klären. Das II. Bataillon wird, ebenfalls 
eingesetzt. 
Als erste Kompagnie des Bataillons entwickelt 
sich meine achte. Noch schnell ein kräftiger Schluck 
aus der „Gefechtspulle", wie ich sie später getauft 
habe, und dann bin ich vor der Front, neben mir 
meine Gefechtsordonnanz, Gefreiter Willershäuserü 
Bald haben wir die vordere Linie der anderen 
Brigade und des III/83 erreicht; sie liegt fest. 
Ein langes Überlegen gibt es für mich nicht; nach 
kurzem Halt durchschreite ich sie unter dem Ruf: 
' Willershäuser erhielt für sein tapferes Verhalten nach 
vorausgegangener Wahl durch die Kompagnie das erste 
Eiserne Kreuz 2. Klasse kur 8,83. Seit 4. November 1918 
in englischer Gefangenschaft. 
„8. Kompagnie 83, marsch!" und stürme mit meiner 
braven Kompagnie allein weiter dem Feuer ent 
gegen. Eine seltsame, innere Ruhe beseelt mich, 
und dabei treibt mich eine Berserkerwut vorwärts. 
Ich achte nicht darauf, was rechts und links von 
mir passiert; nur vorwärts, vorwärts! 
Und dann ein Schreckensruf: „Da ist ein Draht 
hindernis !" Hingeworfen, unter den beiden ersten 
Drähten hindurchgekrochen, andere zertreten, mit 
dem Degen zerschlagen, nur durch, durch! 
Ich'bin hindurch, 10 bis 15 Mann find noch bei 
«mir, darunter einer meiner besten Unteroffiziere, 
Thürmann 2 . Ich erhebe mich, um weiter vorzu 
stürzen, als ich einen furchtbaren Schlag gegen den 
linken Oberschenkel erhalte. Der Browning fliegt 
mir aus der Hand, ich stürze hin mit dem Rufe: 
„Ich bin getroffen!" 
„Unser Hauptmann ist gefallen! — Unser.Haupt 
mann ist gefallen!" Jeder meiner Leute schreit es 
in die Nacht hinaus. Fünf Schritte vor mir wer 
fen sie sich alle hin, und jeder sucht sich, so gut 
es geht, durch die gefällten umherliegenden Kiefern 
stämme gegen das mörderische Feuer aus aller 
nächster Nähe zu decken. — „Parole Wörth!" — 
Und so lag ich von 1,15 Uhr bis 3,45 Uhr nachts 
auf 30 kleine Schritte zwischen dem Drahthinder 
nisse und dem belgischen Schützengraben. Zweiein 
halb lange, bange Stunden. Wie habe ich den 
Morgen herbeigesehnt! Wohin ich blickte, Tote, 
stöhnende Verwundete! Parole Wörth! 
Die tapferen Offiziere, die — begleitet immer 
nur von wenigen tapferen Leuten — ebenfalls 
vorzudringen suchten, wurden, bevor oder im Augen 
blick, wo sie meine Höhe erreichten, durch die Kugel 
dahingestreckt. 
' Welch herrliche Charaktere habe ich da kennen 
gelernt! Ob Offizier, Unteroffizier oder Gemeiner, 
jeder Unterschied ist ausgelöscht, hier liegen nur 
Männer. Und einer sucht dem anderen zu helfen 
und dem Ganzen zu dienen. 
Krampfhaft sucht meine Rechte nach dem Re 
volver, vergebens. Mein linkes Bein ist wie ge 
lähmt. Wenn nun die belgischen Hunde sich auf die 
kleine Schar von uns Verwundeten stürzen sollten! 
Und ich ohne Revolver und ohne die letzte Patrone 
für mich! Wenn es doch Tag würde! Heim denke 
ich an meine Frau und an meine Eltern. 
Ein Knacken gegen den Helm ist das Letzte, was 
ich spüre; eine Kugel hat ihn dicht über der Stirn 
gestreift. Dann verliere ich das Bewußtsein.. — 
Aus einer Art von Ohnmacht, in der ich wohl * 
* Thürmann wurde durch drei Jnfanterieschüsse ver 
wundet. Gefallen als Vizefeldwebel 1915 bei der Offen 
sive in Galizien.
	        

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