Full text: Hessenland (33.1919)

?«s«l 199 
Das Vorspiel. 
Erzählung von Lotte Gubalke. 
(Fortsetzung.) 
An einem Sonntag im Juni — im Pfarrgarten 
blühte Flieder, und im Rasen standen süß duftende 
Büschel wilder Narzissen — geschah es, daß der 
Pfarrer, nach dem Gottesdienst in der offene,: 
Kirchtür stehend, wartete, bis der „Teufel" den 
Klingelbeutelinhalt gezählt und abgeliefert habe. 
Er beobachtete den kleinen beweglichen Mann 
und meinte, das Geldzählen sei das Widerwärtigste 
an den vielen Unebenheiten, die sein Amt begleiteten. 
Er für seine Person hätte gern diesen Klingelbeutel 
inhalt ungezählt in die Armenkasse gleiten lassen — 
aber die Behörde wünschte, daß Rechenschaft abge 
legt werde, auch von diesen Bettelpfennigen. 
Plötzlich winkte der „Teufe!" und hielt einen 
blinkenden Gegenstand hoch. 
Er hatte einen Taler unter den Kupfermünzen 
gefunden: Segen des Mansfelder Bergbaues. — 
Das merkwürdige fei, daß er, der „Teufel", 
gar nicht bemerkt habe, wie das Fräulein das 
Geldstück habe in den Beutel fallen lassen. 
„Das Fräulein?" 
Nun ja, während des Vorspiels, das an diesem 
Morgen besonders lange gedauert habe, sei ein 
schlankes, sehr schönes Fräulein eingetreten, habe 
im Schutze eines Pfeilers Platz genommen, sei 
sich mehrfach mit dem Nastuch über die Augen 
gefahren, um dann unmittelbar nach der Predigt 
zu verschwinden. Während der Pfarrer verstimmt 
und gedemütigt überlegte, welche Bewandtnis es 
mit dem Taler haben möge, der ihm wie eine 
persönliche Beleidigung erschien, erzählte Valentin 
mit gelenker Zunge, daß er schon einmal einen 
Knopf und einmal einen Ring im Klingelbeutel 
gefunden habe. Der Knopf stammte von einem 
Handwerksburschen, der Ring von einer Seiltänzerin 
und sei bei näherer Betrachtung unecht gewesen. 
Der alte Pfarrer, Gott hab ihn selig, habe ihn 
aufbewahrt und behauptet, es sei eine Gabe, die 
Gott wohlgefälliger sei als ein Demant. Der 
„Teufel" lächelte überlegen und fuhr fort: „Die 
meisten aber, die im Vorbeigehen eintreten, nicke::, 
wenn ich ihnen den Beutel hinreiche. Soll heißen: 
,Ich bete ein Vaterunser für den, der das Geld 
haben soll/" Das Lächeln artete in ein Meckern 
aus: „Sie geben nichts und beten nicht! Wie 
kämen sie auch dazu!" 
Theodor war noch nie so elend zumute gewesen. 
Wie anders hatte er sich sein Amt vorgestellt. — 
Wie hieß doch das Wort: Gehilfe eurer Freude. — 
Er ordnete an: „Wickeln Sie das Geld ein und 
schreiben Sie das Datum darauf. Kann sein, 
daß ein Irrtum vorliegt, daß »um ihn aufklären 
und das Geld zurückgeben kann." Er ging lang 
sam durch den Garten in sein Haus. Der „Teufel" 
sah ihm verächtlich nach. „Als ob er ein wohl 
habender Herr wäre, so geht er dahin! Und hat 
einen blankgebürsteten Rock und Stiefel mit 
Riestern!" Aber ihm sollte es gleichgültig fein, 
was aus den: Taler wurde! Er schrieb mit Blei 
stift auf das Papier: 18. Juni 1856 und legte 
ihn auf den Zinnteller zu dem übrigen Gelde, um 
es dem Pfarrer nachzutragen. Plötzlich legte er 
den Finger an die Nase und sagte: „Wie Ist nur 
denn? Sollte etwa? —" 
Der Pfarrer saß vor seiner Sonntagssuppe 
und hatte nicht übel Lust, den Gpferteller aus 
seinem Gesicktskreis zu bannen, — faßte sich aber 
und ließ ihn auf der Tischecke stehen. Der „Teufel" 
rieb sich die Hände und trat von einem Bein aufs 
andere. Er hätte gern noch einige Randbemer 
kungen über den Taler gemacht. Da aber der 
Pfarrer über ihn hinwegsah, verließ er übelgelaunt, 
wie jemand, dem ein Brocken im Halse stecken 
geblieben ist, das Zimmer. 
„Ich kenne sie nämlich", sagteer, untenange 
kommen, zu seiner Frau, die wartend am gedeckten 
Tisch saß. 
„Wen kennst du?" 
„Das Fräulein, das den Taler geopfert hat. 
Aber man möchte gefragt sein, ehe man redet." 
„Guter Gott und Vater, war sie bei Verstand? 
Einen Taler?" 
„Leichtfertig ist sie. Es kann dich nicht wundern, 
wenn ich dir sage, daß es die Luise llricl vom 
Schloß war, die in die Welt lief, als es sich nach 
des alten Majors Tode herausstellte, daß sie den 
Pflegesohn des Alten heiraten solle, wenn sie im 
Schloß bleiben wolle." 
„Die war doch arn: wie ein nackter Spatz!" 
„Ich sagte schon: Leichtfertig war sie und blieb 
sie. So etwas liegt im Blut. Wenn der Vater- 
Tausende herauswarf, um das Fliegen zu erfinden, 
warum soll sie nicht einen Taler hinauswerfen?" 
„Aber was wollte sie gerade in unserer 
Kirche?" 
„Das kann ich dir sagen. Das fiel nur ein, 
als ich das Datum auf das Papier schrieb, in das 
ich den Taler wickeln mußte. Der achtzehnte Juni! 
Es ist ihr Tauftag. Ihre Mutter, des alten Majors 
Schwester, kam, nachdem sich ihr Herr^Gemahl 
' aus dem Staube gemacht hatte, halb tot und elend 
auf dem Schlosse an. Im Mai wurde das Kind
	        

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