Full text: Hessenland (33.1919)

und bewegen sich gern in den Formen antiken Götter 
kults oder mittelalterlicher Himmelsverehrung. Diese 
oft farbenprächtigen Bilder stehen jedoch den sie vielfach 
ablösenden geheimnisvollen Abstraktionen geistiger Le 
benswerte an sozusagen extatischer Dunkelheit nicht nach, 
in der Gestalten aus unerforschten Dimensionen schatten 
haft auftauchen und von dem dionysisch berauschten, 
mystisch schweifenden Lebensgefühl des Dichters Kunde 
geben. Dieses unbändige Gefühl besiegt oft die künst 
lerische Formenstrenge, zu der sich Wolfskehl, eines 
der ersten und treuesten Mitglieder der „Gesellschaft 
der Blätter für die Kunst" und naher Freund Stefan 
Georges, doch immer hingezogen fühlt. Der Kampf 
zwischen Apoll und Dionysos verleiht darum seinem 
Werk, von dem in den „Gesammelten Gedichten" (Georg 
Bondi, Verlag, Berlin) ein aufschlußreiches Dokument 
vorliegt, eine beständige Lebhaftigkeit. Der in München 
lebende Dichter hat sich auch als Herausgeber betätigt; 
erwähnenswert sind besonders die dreibändige „Deutsche 
Dichtung", bei deren Publikation er Stefan George 
unterstützt hat, und „Älteste deutsche Dichtungen", die 
außer von ihm von dem bekannten Germanisten Friedrich 
von der Lehen gezeichnet sind. Will Scheller. 
Todesfall. Am 10. September entschlief kurz 
nach Vollendung seines 70. Lebensjahres der Kaufmann 
G u st a v P r o t s ch e r in Kassel. Der Verstorbene, 
der lange Jahre Vorsitzender des Großen Kasseler 
Bürgervereins war, war ein Mann von großer Lie 
benswürdigkeit und streng rechtlicher Gesinnung und 
hat in Kassel, das ihm zur zweiten Heimat wurde, seine 
Kraft in selbstloser Weise dem Wohle der Allgemeinheit 
gewidmet. 
Bonifatiusjubiläum in Hofgeismar. 
Anläßlich des 1200 jährigen Bonifatiusjubiläums hielt 
in Hofgeismar Hochschuldozent Dr. Schäfer einen 
stark besuchten Vortrag über die älteste christliche Kul 
tur und die Tätigkeit des Bonifatius in Hessen. Er 
wies vor allem nach, daß nur Hofgeismar für_ die 
Fällung der Donnereiche in Frage komme. Erstens, 
weil damals im sächsischen Hessengau noch viele Heiden 
lebten; sodann, weil Hofgeismar das einzige Geismar 
ist, in dem eine Peterskirche stand, und Bonifatius 
nachweislich eine solche aus dem Holz der gefällten 
Eiche erbaute; ferner, weil Hofgeismar innerhalb der 
Mainzer Diözese des Archidiakonatssitzes einen kirch 
lichen Organisationsmittelpunkt bildete, wie er nur durch 
Bonifatius eingerichtet sein kann, und schließlich, weil 
die mittelalterliche Tradition eben dieses Hofgeismar als 
den Ort der Fällung der Donnereiche bezeichnete. Dem 
Vortrag folgte am Abend ein gleichfalls stark besuchter 
Familienabend, in dem Superintendent Dr. Wisse- 
mann ein Bild vom Leben und Wirken des Boni- 
fatius entwarf, Dr. Schäfer die Fällung der Donner 
eiche schilderte, ein dichterischer Vorspruch des Kan 
tors R o h d e sowie Darbietungen des evangelischen 
und katholischen Kirchenchors vorgetragen wurden. 
Aus Kassel. Bei Henschel und Sohn wurde die 
17 OOO.Maschine, eine Güterzugheißdampfmaschine, fertig-, 
gestellt. ' 
Aus Marburg. Ein alter Marburger, Kauf 
mann Wessel in Leipzig, stiftete dem Kunst- und Al 
tertumsverein 30 000 M, so daß jetzt die Einrichtung 
des Museums in den unteren Räumen des Bückingschen 
Hauses begoimen werden kann. 
A u s H e r s f e l d. Am 31. August wurde das 
aus städtischen Mitteln begründete Heimatmuseum der 
Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Aus den Sammlungen 
des früheres Stadtsekretärs und Stadtarchivars Louis 
Demme hervorgegangen, wurde das Museum im Jahre 
1012 aus dem Rathaus durch den früheren Bürger 
meister Strauß in den Erdstock des alten Bezirks 
kommandos verlegt, tvo ein Zimmer für Museums 
zwecke eingerichtet wurde. Infolge des Krieges und 
der Pensionierung des Bürgermeisters Strauß kam die 
Angelegenheit ins Stocken, bis im Jahre 1017 eine 
Museumskommission ins Leben gerufen und die Lei 
tung des Museums und Stadtarchivs Lyzeal-Direktor 
Dr. S ch o o f übertragen wurde. Seinen rastlosen Be 
mühungen ist es zu verdanken, daß das Museum 
mit privater Unterstützung bedeutend erweitert werden 
konnte und nunmehr 6 Räume ümfaßt: ein Sammlungs 
zimmer (Kupfer, Münzen, Porzellan, Urkunden, Truck 
muster der Färbereien usw.), eine Hersfelder Bürger 
stube aus dem Anfang des 10. Jahrhunderts, eine 
Tuchmacherstube, eine Hersfelder Zunftstube, ein Al 
tertumszimmer (Holz- und Steinaltertümer, Waffeu- 
sammlung, alte Fahnen usw.), eine hessische Heimat 
stube (Bauernmöbel). Da die jetzigen Räume beschränkt 
sind, wurde in einer der letzten Stadtverordneten 
sitzungen von dem Führer der Sozialdemokraten der An 
trag gestellt, das aus dem 17. Jahrhundert stam 
mende Rathaus für die Zwecke des Städtischen Mu 
seums zur Verfügung zu stellen und das Rathaus in 
die bisherige Kriegsschule zu verlegen oder ein neues 
Rathaus zu erbauen. — In der letzten Sitzung der 
Museumskommission erstattete der Bezirkskonservator 
Baurat Dr. Holtmcyer ein Gutachten über das 
angeblich älteste Haus Hersfelds am Marktplatz, Ecke 
der .Kaplansgasse, das das älteste Rathaus oder Hoch 
zeitshaus gewesen sein dürfte und jetzt einem Umbau 
im Innern unterzogen wird. In einem weiteren Gut 
achten sprach er sich über die künftige künstlerische 
Gestaltung des Rathausplatzes aus. Man war all 
gemein der Ansicht, daß alles aufgeboten werden müsse, 
um den .Platz in einigen Jahren wieder zu bebauen. 
Aus Fulda. Die Rudolf-Virchow-Stiftung über 
wies dem Fuldaer Geschichtsverein 1000 M für vor 
geschichtliche Forschungen im Fuldaer Land, besonders zur 
Feststellung vorgeschichtlicher Wege, die von Mainz 
und Gießen nach der mittleren Elbe und dem Grab 
feld führten. Außerdem gewährte sie Emil Gerth die 
gleiche Summe für paläolithische Forschungen im Ge 
biet der Fulda und anderer Nüsse. 
Aus Hünfeld. Der Verein zur Fortführung und 
Erhaltung des Hünfelder Heimatmuseums gab für dessen 
geplanten Neubau Anteilscheine zu je 100 M aus. 
M ü n z e n d i e b st a h l. Einer unserer ältesten Leser 
in Leipzig wurde, als er zu Anfang August mit seiner 
Familie verreist war, durch einen Einbruchsdiebstahl 
schwer geschädigt, bei dem insbesondere feine Samm 
lung hessischer Münzen (einschließlich solcher von Isen 
burg, Friedberg, Solms, Hanau, Kurmainz) stark aus 
geraubt wurde: 655 Silber- und Goldmünzen, darunter 
Seltenheiten ersten Ranges, sind entwendet worden. 
Sammler und Händler werden gebeten, hiervon Kennt 
nis zu nehmen und möglichst dazu beizutragen, daß 
dem Dieb seine Beute wieder abgenommen werde. 
(Abdruck erwünscht.)
	        

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