Full text: Hessenland (33.1919)

Das Vorspiel. 
Erzählung von Lotte Gubalke. 
Theodor Schwendemann war sieben Jahre mit 
Sophie Deuteter verlobt. Sieben lange Jahre. 
Wer wollte es Sophie Deuteler verdenken, als sie 
sich eines Tages entschloß, den verwitweten Kreis 
arzt Mackenrott zu heiraten, anstatt vielleicht noch 
weitere sieben Jahre zu warten, bis Theodor 
Schwendemann in ein Pfarramt gerufen wurde! 
Als Theodor sein Abiturientenexamen bestand, 
war diese Verlobung beschlossen worden. Ihren 
Anfang hatte die Liebe dieser, beiden Nachbars 
kinder in der Konfirmandenstunde genommen. Tn 
der Tanzstunde hatte sie den Gipfel einer ehren 
haften Leidenschaft erreicht. Das war die schöne 
Zeit der rosa Briefe, die nicht durch die Post be 
fördert wlwden, sondern auf abenteuerlichen Um 
wegen in die Hand des Empfängers gelangten. 
Jedermann hätte ihren Inhalt lesen dürfen, und 
sie wurden dennoch so geheim gehalten, als handelte 
es sich um wichtige Staatsdokumente. 
Dann bot das gemeinsame Schlittschuhlaufen 
am gefrorenen Feuerteich, das Stuhlschlittenfahren 
am frühen Abend, dem das Achtuhrläuten stets 
ein jähes Ende bereitete, eine Fülle unschuldiger 
Freuden. Nach dem ersten Examen wurden Ver 
lobungsanzeigen geschickt, nach dem letzten nahm 
man die Wäscheaussteuer in Angriff. Vier Jahre 
lang lag die Wäsche gebrauchsfertig im Kasten- 
schrank aus Hellem Ahornholz. Dann verlor Sophie 
die Geduld und ging zu Mackenrott über. 
Nicht daß Theodor sehr unglücklich gewesen 
wäre. Bestürzt war er. Konnte sich nicht gleich 
mit der Tatsache abfinden, daß alles in der Welt 
seine Zeit habe, auch die Liebe. Wenn er ganz 
ehrlich sein wollte, so mußte er sich eingestehen, 
daß aus einer heißen Liebe eine gleichmäßige, fast 
langweilige Freundschaft geworden war. Aus der 
munteren Sophie ein mißvergnügtes, welkes 
Mädchen, aus ihm ein Mann, der anfing, Ver 
gleiche zu ziehen. ... Ja, man hatte fast alle seine 
Illusionen verloren, konnte nichts mehr erwarten, 
was an Wunder gemahnte. 
Dennoch empfand Theodor eine tiefe Beschä 
mung. Wie war es doch möglich, daß eine Sache, 
die unter blühenden Bäumen mit aufrichtigen Ge 
fühlen und wonneerfüllten Herzen anfing, daß eine 
Verbindung, die für die Ewigkeit beschlossen schien, 
so traurig und nüchtern im grauen Alltag versank? 
Ein zerrissen Band ist eine traurige Angelegenheit, 
die der Tragik nicht entbehrt. Aber dies Band 
war langsam zermürbt und zerfasert, das war 
niederziehend. 
Waren diese innigen Gefühle wie Seifenblasen, 
die im Winde zerflatterten, ohne eine Spur zu 
hinterlassen? Fast gleichzeitig mit dem Absagebrief 
seiner Braut kam Theodors Berufung an die 
Siechenhaus-Kirche. Er hatte das Siechenhaus, 
das draußen vor dem Tor am Ufer des Flusses 
lag, immer mit einem Gefühl angesehen, als sei es 
ein Vorwurf für die gesamte Menschheit. Warum 
sonderte man diejenigen ab von der Gemeinschaft 
der andern, die lahm und siech waren? Im Jahre 
1233 war es gegründet von einem Reichen, der 
sich nach einem lustigen und leichtfertigen Leben 
einen Platz im Himmel sichern wollte. Das statt 
liche, mehr breite als hohe Haus hatte allen Stürmen 
der Jahrhunderte getrotzt. Krieg und Eroberer 
waren achtlos an ihm vorbeigezogen — bei Alten 
und Siechen - war wenig zu holen. Es enthielt 
eine Anzahl gut eingerichteter Kammern und einen 
gemeinsamen Wohnraum für die Alten beiderlei 
Geschlechts. Nicht immer gab es Frieden dort, 
oft genug Streit und Zank; denn Armut und 
Alter machen selten milde und weise. 
Diese Berufung bedeutete für Theodor nicht 
mehr, als daß er ein sehr altes Pfarrhaus, eine 
Kanzel mit berühmten Holzschnitzereien, auf der 
er sonntäglich, von niemand unterbrochen, reden 
durfte, und ein festes Einkommen von jährlich 
200 Talern erhallen sollte, hinzugerechnet den 
Inhalt des Klingelbeutels, der ihm ebenfalls zu 
stand. Außer den Siechen gehörten nur wenig 
Seelen noch zu der Kirche, die waren mit wenig 
Ausnahmen arm oder unkirchlich. Also war auf 
einen Zuwachs durch die Klingelbeutel-Einnahmen 
kaum zu rechnen. Zuweilen sollten Leute, die auf 
der Landstraße daherkamen — fahrend Gesindel — 
die Hilfe des Siechenhauspfarrers in Anspruch ge 
nommen haben. Etwa eine Taufe, so im Vorbei 
gehen, aus Not und Herzensangst und Heimweh 
nach einer verspielten Heimat, oder ein Begräbnis, 
ein letztes Abendmahl — ausgeteilt in einem Wohn 
wagen, der zu einem Karussell gehörte. Das brachte 
nichts ein als ein „Vergelt's Gott" und die Pflicht, 
mit einem Almosen die Not des Augenblicks zu 
sänftigen. 
Das sonntägliche Glockenläuten hatte auch zu 
weilen wandernde Handwerksburschen oder Spazier 
gänger in die Kirche gelockt, die aus einem ge 
heimen, nicht erklärbaren Gefühl ihrem Rufen 
nicht halten widerstehen können. Das hatte ihm 
Valentin Tietz, der Küster, mitgeteilt, den die Alten 
im Siechenhaus den Teufel nannten. Als Theodor
	        

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