Full text: Hessenland (33.1919)

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Ein anderes schönes Stück der Kirche ist der 
Sakristeischrank, den Magister Sefridns i. I. 1494 
ausführen ließ, und der heute wieder, nach der 
Wiederherstellung durch den Darmstädter Museums- 
tischler Bey, mit seinem reichen Ornamentenwerk 
aus jeden Beschauer einen tiefen Eindruck macht. 
Am unteren Ende der Stadt liegt dann noch 
das Schloß. Ein kleiner Bau, der nach der Zer 
störung i. I. 1382 durch Hermann von Liß- 
berg in 1400 neu errichtet ward, und dessen 
Hauptgebäude heute das Amtsgericht beherbergt. 
nachdevl anno 1852 noch einmal em gewaltiger 
Brand das ganze Innere vernichtet. Deutlich ist 
die wehrhafte Bestimmung des Platzes noch zu 
erkennen, und namentlich von Westen her bietet 
das Städtchen mit dem Schlosse, dessen nordwest 
liche Ecke ein kleiner Turm mit Kegeldach be 
herrscht, ein reizvolles Bild, ob nun die Blüten 
der Obstbäume rings aus allen Gärten leuchten 
oder gilbende Wälder von den Höhen zur Stadt 
grüßen und zu der nach der Wetterau hinab 
eilenden Nidda. 
— 
©fío Höger-Ausstellung. 
Zur Zeit ist im Kunstvereinshause am Stände 
platz das Lebenswerk des im Dezember vorigen 
Jahres verstorbenen Malers und Bildhauers Otto 
Höger ausgestellt. Da es fast lückenlos zusammen 
gebracht ist, kann man die Entwicklung des Künst 
lers von ihren Anfängen an verfolgen. Dieses 
seltenen Genusses wegen sei es gestattet, hier aus 
führlicher auf die Ausstellung einzugehen, als sie 
ihrer Bedeutung nach verdienen würde. 
Bei Höger kann freilich nur in beschränktem 
Sinne von Entwicklung gesprochen werden; schon 
eine flüchtige Betrachtung seiner Leistungen zeigt, 
daß er seinen Stil früh gefunden hat. 
Er war Norddeutscher von Geburt, auch seinem 
Äußern und seiner ganzen Veranlagung nach: 
zurückhaltend, schweigsam, verschlossen, ruhig, fast 
phlegmatisch und nüchtern — er blieb ohne Er 
regung vor dem, was anderen höchstes Erleben 
bringt: Natur und Leben. Nicht aus dem über 
vollen Herzen, nicht aus der Qual und Seligkeit 
des Erlebens strömte seine Kunst, nicht Bruch 
stücke „einer Konfession" wollten seine Werke sein 
— er war ein rein formal empfindender, einzig 
)ie Harmonie der Formen, den Rhythmus der 
Naumverhältnisse, den Zusammenklang der Farb- 
üne suchender Künstler. Seine Lust war das 
Zchwingen und Klingen der Linien, Farben und 
Räume. Das Unsagbare des physisch-psychischen 
Äefühls, das uns vor dem Harmonischen, dem 
,Schönen", überkommt, das Beseligende, Befrei 
ende, Erhebende in Bild und Stein zu gestalten, 
war sein künstlerisches Bemühen. Nicht das Ein 
zelne lebte ihm, nicht die Seele suchte er in allem, 
was er als Künstler erfaßte — sein Auge sah die 
Form, das Gestaltete als „für sich seiend", nicht 
als Ausdruck eines Gehalts, nicht als von innen 
her gebildet. • ’ . 
■ So veranlagt, ist er sich früh über seinen Weg 
klar gewesen und hat fast vom Beginn seiner 
künstlerischen Entwicklung an alles abgewiesen, was 
ihm nicht durchaus gemäß war. Er war bereits 
25 Jahre alt, als er die Akademie in Weimar 
bezog, als Künstler noch ohne Ziel und Stil, 
wie seine Versuche aus dieser Zeit zeigen (Nr. 13, 
35, 39). Damals beherrschte noch der Impres 
sionismus unser Kunstleben völlig, und Höger malt , 
denn auch in Weimar zunächst reine, figurenfreie 
Landschaften mit den farbigen Mitteln dieser Kunst 
richtung (Nr. 20, 19, 48, 47, 48). Aber da ihm 
die Natur innerlich immer fremd geblieben ist, ge 
lingt ihm nur selten ein Bild wie die „Land 
schaft mit Bach" (Nr. ¡20), das die lebensschwangere 
Stimmung des Vorfrühlings, seinen durchsonnten, 
feuchten Duft zu geben versucht. Bei aller tech 
nischen Bezwingung des Formalen fehlt seinen 
Landschaften meist das Beseelte und Intime (Nr. 
18, 19). 
Nach Olde ist Ludwig von Hofmann sein Lehrer. 
Ihm kommt bald zum Bewußtsein, daß er nun 
auf dem rechten Wege ist, und er ■ malt wie der 
Meister schöne Menschen in einer heitern, sonni 
gen Welt, die Gestalten in Form und Bewegung 
in jugendlicher Anmut, die Töne locker und duftig, 
die Farben schimmernd und leuchtend (Nr. 3, 4, 
11). Er entwickelt sein Gefühl für den Bildauf 
bau und sucht Landschaft und Figur harmonisch 
zu vereinigen. Aber mehr und mehr wird die 
Landschaft zum Bildraum, zum Kompositionsgliede, 
und man merkt, daß seine Liebe der Menschen 
gestalt, der Schönheit des Jünglings gehört. 
' 1909 erlebt er die Marses-Ausstellung in Berlin 
und hat nun endlich völlige Klarheit über sich 
selbst. 1911 und 12 ist er in Italien, sieht in 
Florenz die großen Bildhauerwerke der Renais 
sance und in Neapel die Bronzen der Antike und 
kommt unter ihrem Eindruck zur Beschäftigung 
mit der Plastik. Seine von Haus aus auf das 
Einfache, Weite und Geräumige gerichtete Kunst 
strebt fortan im Bilde nach Monumentalität und 
dem unmittelbaren Eindruck des Körperhaften, 
und wie er sich längst von der Landschaft abgewandt 
bat, vernachlässigt er' nun auch die Farbe als 
Ausdrucksmittel und wird schwer, erdig und grau. 
Seine Gestalten verlieren mehr und mehr das 
Formal-Schöne und werden anatomisch richtiger 
und damit eckiger und härter. Niemals ist es ihm 
bei ihnen um das Persönliche zu tun, immer sind 
sie nur Träger von Haltung, Bewegungen und ana 
tomisch-künstlerischen Formen. 
Damit ist seine Entwicklung als Maler zu 
ihrem Abschluß gekommen. Seit 1912 ist er Lehrer 
an der Kasseler Akademie. Als er wieder nach
	        

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