Full text: Hessenland (33.1919)

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aber man ging über den Protest des „alten 
Narren", wie Kaiser Ferdinand ihn nannte, zur 
Tagesordnung über. 
Im März 1628 fand noch einmal ein ge 
meinschaftlicher Landtag ganz .Hessens statt, und 
es war für lange Zeit das letzte Mal, daß bei 
dieser Gelegenheit das Haupt der jüngeren Linie 
als Gast am Kasseler Hofe erschien. 
Der 3 0jährige Krieg ging währenddessen 
weiter, und während Georg II. von Darmstadt 
wie sein Vater ein treuer Anhänger des Kaisers 
blieb, warf sich Wilhelm V. von Kassel, durch 
»Tillys Drangsalierungen zur Verzweiflung ge 
trieben, dessen Gegner, dem Schwedenkönig Gustav 
Adolf in die Arme, der wie er ein Urenkel Phi 
lipps des Großmütigen war. Vom Kaiser geächtet, 
wurde Wilhelm völlig zum soldatischen Partei 
gänger der Schweden und Franzosen, erbeutete 
die Stifter Fulda, Paderborn und Corvey, ohne 
sie jedoch halten zu können, durchzog als Eroberer 
Westfalen und Ostfriesland und starb dort 1637 
fern von der Heimat, in der in diesem Jahre die 
Kriegsfurie maßlos hauste. Georg II. von Darm 
stadt, vom Kaiser schon vorher zum Administrator 
von Niederhessen ernannt, beanspruchte mm die 
vormundschaftliche Regierung für Wilhelms un 
mündigen Sohn, aber dessen tapfere Mutter, die 
Hanauerin A m e l ia Elisabeth, ließ sich nicht 
aus der Regentschaft verdrängen, schloß sich noch 
enger an Schweden und Frankreich an, legte den 
Grund zur Erwerbung von Schaumburg und Hanau 
und fand die Unterstützung ihrer Verbündeten bei 
ihrem Beinühen, den Marburger Erbschaftsstreit zu 
Gunsten Kassels wieder aufzurollen. Nach heftigem 
Federstreite zwischen beiden Linien kam es in den 
letzten Jahren des großen Krieges zu dem bluti- 
!gen Bruderkampf des H e s s e n k r i e g s. Mar 
burg wurde 1646 den Darmstädtern entrissen und 
der Kopf seines unglücklichen greisen Komman- 
danten fiel auf dem Marktplatze zu Gießen unter 
Henkershand, während Amelia Elisabeth für die 
Eroberung Oberhessens durch den tapferen Geyso 
ein Dankfest feiern ließ. Die übrigen Haupt 
orte des Landes gingen bei wechselndem Kriegs 
glück aus einer Hand in die andere, aber ver 
gebens versuchte Melander, einst Feldherr Wil 
helms V., mit den Kaiserlichen die Geburtsstadt 
Philipps des Großmütigen wieder zu nehmen. 
Die Schale hatte sich zu Gunsten der Kasseler 
gesenkt, und als beide Parteien, des langen Haders 
müde, endlich die Vermittlung Ernst des Frommen 
von Gotha annahmen und dieser das Gottesgericht 
des blutigen Zweikampfs für geschlossen erklärte, 
da wurden die Originalurkunden des Hauptakkordes 
von 1627 zerschnitten und Hessen-Kassel erhielt 
in dem Friedens vertrag vom 24. April 
1648 die Hälfte der Marburger Erbschaft, die 
Niedergrafschaft Katzenellnbogen und Schmalkal 
den zurück, während das Hinterland mit Itter 
und Vöhl darmstädtisch blieb. 
Es war ein Kompromiß/ das beide Teile nicht 
recht befriedigte. Zuerst zeigte sich das in der 
Universitätsfrage. Die Marburger Hochschule sollte 
nach dem Frieden gemeinschaftlich bleiben, aber 
die konfessionellen Schwierigkeiten führten schon 
bald wieder zu einer Scheidung. Landgraf Georg 
errichtete 1650 die lutherische Universität G i e - 
ß e n aufs neue, und Amelia Elisabeth und ihr 
Sohn ließen die 1629 zu Kassel begründete und 
seitdem dort nur dürftig vegetierende Hochschule 
eingehu, um 1653 die reformierte Universität 
Marburg in der lutherisch gebliebenen Lahn 
stadt wieder herzustellen. Gemeinsam blieben nach 
dieser Spaltung der Universität nur noch das 
Samthofgericht (für das noch 1673 eine neue Ord 
nung erschien), das Samtarchiv zu Ziegenhain, 
die adeligen Stifter und Hospitäler und die be 
scheidenen Rheinzölle. Zu einem gemeinsamen 
Landtag, wie er im Frieden vorgesehen war, 
kanr es nicht mehr. Der letzte war 1637 zu 
Treysa gehalten worden. 
Abgesehen von der Wiedergewinnung Marburgs 
hatte Hessen-Kassel im Westfälischen Frie 
den seinen territorialen Umfang durch Hersfeld 
und Schaumburg nicht unwesentlich erweitert, wäh- 
rend Hessen-Darmstadt die im 30 jährigen Kriege 
durch kaiserliche Gunst errungenen Landesvorteile 
wie Isenburg nicht behaupten konnte und wieder 
zu einem unbedeutenden Kleinstaat geworden war. 
Da außerdem Kassel durch unverhältnismäßige 
Steigerung und Entwicklung seiner Militärmacht 
sich eine seinen äußeren Umfang weit überragende 
politische Stellung zu verschaffen wußte, so wurde 
die jüngere Linie durch die ältere mehr und mehr 
in den Hintergrund gedrängt. Wenn auch seit dem 
Bruderfrieden die Präzedenz auf den Reichstagen 
alternierte, so fehlte es doch nicht an Reibungs 
punkten und Eifersüchteleien, und ein Streit um 
das Kondirektorium des Oberrheinischen Kreises 
veranlaßte 1702 den Landgrafen E r n st Ludwig 
von Darmstadt sogar zum Austritt aus dem 
Kreise. 
So blieb das Verhältnis zwischen beiden Höfen 
kühl, und seitdem der Erbprinz, spätere Land 
graf Ludwig VI. zur Unterzeichnung des Frie 
densvertrags 1648 in Kassel gewesen war, dauerte 
es lauge Zeit, bis der Verkehr unter den Gliedern 
beider Häuser (als solche fing man an sich zu be 
trachten) wieder zu gegenseitigen Besuchen führte. 
Daran änderte auch die 1720 zustande gekommene
	        

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