Full text: Hessenland (33.1919)

S*8îL- 150 
ligionsstreitigkeiten, und wie schon die Reformation 
ganz Deutschland zu seinem Unglück in die beiden 
feindlichen Lager der Katholiken und Prote 
stanten getrieben hatte, so schuf jetzt der Kon 
fessionshader zwischen Lutheranern und Refor 
mierten den dauernden Riß in Hessen. 
Landgraf Moritz der Gelehrte von Kassel 
neigte zum Calvinismus und hielt es für seine 
Gewissenspflicht, das von Luther nur begonnene 
Reformationswerk zu vollenden. Jahrelang hatte 
er nur behutsam daran gearbeitet, jetzt nach dem 
Tode seines Marburger Oheims trat er rück 
sichtsloser auf. Der alte Ludwig war ein guter 
Lutheraner gewesen, und so fand Moritz, der 
schon in Niederhessen nicht überall Verständnis 
für seine Neuerungen gefunden hatte, in dem 
neu erworbenen Lande an der Lahn wenig Gegen 
liebe dafür. Dhe sog. Verbesserungspunkte galten 
den Lutheranern als calvinistisches Teufelswerk, 
und bei ihrer Einführung kam es in Marburg 
zu einer offenen Revolte, die aber von dem 
glaubenseifrigen Landgrafen rücksichtslos unter 
drückt wurde. Wer sich der Neuerung widersetzte, 
mußte weichen. Die lutherischen Theologen der 
Universität flohen nach Gießen, wo sie mit offnen 
Armen aufgenommen wurden. Denn hier regierte 
Landgraf Ludwig von Darmstadt, der ebenso streng 
lutherisch wie sein Vetter reformsüchtig war. Er 
gründete nun die lutherische Konkurrenzuniver 
sität Gießen, die auch trotz Moritz' Protest, 
daß diese Gründung einen Bruch des Testamentes 
Philipps des Großmütigen bedeute und „zu un- 
zimlicher Aemulation von Marburgk, ja zu Land 
und Leuthen hochschädlicher Dissension, Spalt- und 
Trennung uff und angerichtet" seß doch die kaiser 
liche Bestätigung erhielt. Vor allem aber benutzte 
er die mauritianische Kirchenreform als ein will 
kommenes Argument in dem Prozeß, den er 
jetzt beim Reichshofrat gegen die Entscheidung 
des Austrägalgerichtes anstrengte; denn Ludwig 
Testator (wie man den Äteren Marburger Land 
grafen jetzt nannte) hatte ausdrücklich seinen Erben 
die Beibehaltung der „wahrst Religion" zur Pflicht 
gemacht und denjenigen, der „widrige oder irrige 
Meinung, die werde auch gleich gewarnt, wie sie 
wolle, im Landte einführe" mit Verlust seines 
Erbteils bedroht. Seitdem war es vorbei mit der 
hessischen Gemeinsamkeit, mit der durch den erb 
lichen Brudervergleich von 1568 begründeten ge 
meinsamen Staats- und Landesverfassung, die bis 
dahin durch die Landtage und Synoden sowie 
durch gemeinsame Instruktionen auf den Reichs 
tagen aufrecht erhalten war. Auf dem 1609 von 
Moritz nach Treysa berufenen allgemeinen Land 
tag blieben die Darmstädter weg und versammel 
ten sich 1610 selbständig zu Grünberg ohne Zu 
ziehung der Niederhessen. Beide Parteien standen 
sich von jetzt an als verbissene Prozeßgegner 
gegenüber, und der Ton der von den Marburger 
und Gießer Kampfhähnen ausgehenden Streit 
schriften wurde immer schärfer. Die Darmstädter 
Brüder Ludwig, Philipp und Friedrich bewarben 
sich eifrig um die Gunst des Kaisers, der Kasseler 
Landgraf aber wurde Mitglied der Union, bestand 
eigensinnig auf seinem Schein und berief sich 
darauf, daß nach der hessischen Hausverfassung 
allein das Schiedsgericht zuständig und eine Be 
rufung an den Reichshofrat rechtswidrig sei. 
Noch schwebte der große Prozeß, als der 30- 
jährige Krieg ausbrach, der beide hessischen Linien 
in verschiedenen Lagern sah. Die Stellungnahme 
des kaisertreuen Landgrafen Ludwig von Darm 
stadt blieb nicht ohne Einfluß auf die Entscheidung 
des Reichs ho frais. Am 1. Aprft 1623 fiel 
das Endurteil, das eine vernichtende Nieder 
lage für die durch den Krieg schon schwer be 
troffene ältere Linse bedeutete. Landgraf Moritz 
mußte Oberhessen räumen, und Landgraf Lud 
wig zog als Sieger in Marburg ein, wo er eine 
radikale Restaurationspolitik betrieb und nach Sus 
pension von Gießen die lutherische Universität 
wiederherstellte. Noch schlimmer waren die unge 
heuern finanziellen Entschädigungsforderungen 
Darmstadts, die bei der Zahlungsunfähigkeit des 
durch Tillys Kriegsvölker ausgesaugten Kasseler 
Landes zur zwangsweisen pfandschaftlichen Be 
setzung großer Teile Nfederhessens, Schmalkal 
dens und der Niedergrafschaft Katzenellnbogen 
führten. Landgraf Moritz zog nun die Konsequenz 
aus dem Zusammenbruch seiner verfehlten Politik 
und dankte 1627 ab. Seinem Sohn und Nach 
folger % Kassel, Landgraf Wilhelm V., blieb 
nichts anderes übrig, als in dem Darmstädter 
Hauptakkord vom 24. September 1627 die 
Niederlage anzuerkennen. Er entsagte darin seinen 
-Ansprüchen auf Oberhessen und Nieder-Katzenelln- 
bogen, wogegen fein Vetter Georg II. von 
Darmstadt (der 1626 seinem Vater Ludwig ge 
folgt war) auf die riesige Liquidationssumme und 
die in Niederhessen verpfändeten Ämter verzichtete. 
Wilhelm überließ auch die Universität Marburg 
dem Darmstädter erb- und eigentümlich und verzich 
tete sogar auf das „güldene fus primogeniturae, 
welches uns unsere hochgeehrten Vorfahren auff 
unsere Seel und Genüßen mit angedeutetem schwe 
rem Fluch zu conserviren anbefohlen", wie Landgraf 
Moritz klagte. Der alte Landgraf war außer sich über 
das Abkommen, durch das die ältere Linie auch 
die frühere Präzedenz auf den Reichstagen ein 
büßte, und verweigerte die geforderte Unterschrift,
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.