Full text: Hessenland (33.1919)

MWL. 144 SSiL. 
Ach nie habe ich Liebe gefühtt. Katt und stumm 
werde ich ganz. G, und doch keine Liebe. Keinen 
Freund. Ach ich bin so einsam, so einsam. — 
Schwer war der Tag, zu schwer für mich fast." 
Im Lazarett sind frische Blumen ausgestellt. 
Mt leichten, keuschen Mädchenfüßchen huscht ver 
stohlen lächelnd der Blumendust von Bett zu Bett 
und kosend drückt er sein duftend Gelock an der 
Krieger Mund. Und dort drüben liegt auch einer, 
der Schönheitssucher, der Gralssucher, in weißen 
Linnen liegt er still und totenblaß. Gar bald nach 
jenem schweren Tag hat auch ihn die Liebe geküßt, 
die große Liebe eines Großen. Aber sie hat ihn 
wehe geküßt, weil er nie Freude haben durste, nie. 
Blätter liegen auf den Tischchen, „Tagebuchblätter." 
Eine Schwester sitzt neben ihm und öffnet ihm, 
dessen Hände sich in die Bettdecke Krämpfen, auf 
der die Sonne ihre Frühlingslocken schüttelt, öffnet 
ihm mit tötlicher Langsamkeit, mit zitternden 
Händen die Binde. Jetzt sieht er Schönheit — 
jetzt. — 
Ein Schrei gellt durch die Säle, ein Schrei der 
Seele, schrill wie ein Windstoß, wie eine lodernd 
aus der Glut krachender Flamme, wie ein Blitz, 
fürchterlich, gellend, daß alle Kranken entsetzt zu 
sammenfahren, ein einziger Notschrei eines ärmsten 
Menschenkindes: — „Blind!?" 
Eine Bitte an die hessischen Naturfreunde und Tierkenner. 
Wenn wir auch jetzt endlich „Frieden" haben, 
so hat unser Zustand doch wenig Ähnlichkeit mit 
den Verhältnissen der Vorkriegszeit. Wir werden 
auch weiter noch viel entbehren und auf manches 
Vergnügen, das wir früher hatten, verzichten 
müssen. Aber der Mensch braucht auch Freude und 
soll sie haben. Und da ist es vor allem die Liebe 
zu unserer Heimat und ihrer schönen 
Natur, die uns erfreuen kann. Um aber unser 
teures Hessenland recht lieben und schätzen zu 
können, müssen wir unsere Heimat erst richtig 
kennen lernen, die heimischen Berge, Täler, Flüsse, 
unsere Landsleute in Dorf und Stadt, die Wälder 
und Fluren und was in der Heimat an Pflanzen 
grünt und blüht und von Tieren kreucht und 
fleugt. Vor allem die heimische Natur kann 
uns eine Quelle edler Freude werden. Der rechte 
Naturgenuß ist nicht Schwärmerei, sondern Na 
turbeobachtung; denn aus Büchern allein 
kann man die Natur nicht erkennen, wenn uns 
auch die heimatkundliche Literatur wertvoll ist. Über 
Hessen besitzen wir in Hehlers „Volks- und Landes 
kunde" eine gute allgemeine Darstellung unseres 
Landes. Das ausgezeichnete Gelingen dieses Wer 
kes ist besonders dem Eifer der Mitarbeiter zu ver 
danken. In der Erkenntnis dieser Tatsache wende 
auch ich mich heute an die hessischen Heimatfreunde 
und Naturkenner mit einer Bitte. Ich will eine 
Arbeitüber diein Hessen vorkommen 
den Wirbeltiere schreiben und bedarf dazu 
dringend zuverlässiger Mitarbeiter. Wo sollte ich 
diese besser suchen als unter den Lesern dieser Zeit 
schrift? Die Mitteilungen der Mitarbeiter werden 
natürlick unter Namennennung veröffentlicht wer 
den. Meine Arbeit soll sich auf alle heimi 
schen Säugetiere, Vögel, Kriechtiere, 
Lurche und Fische erstrecken, und mir sind 
Beobachtungen jeder Art an diesen mit genauer 
Orts- und Zeitangabe aus Hessen-Nassau, 
Waldeck, Hessen-Darm st adt, Wetzlar 
und Nachbargebieten (Rhön, Main-, Rhein 
gebiet, Süd-Westfalen und -Hanno 
ver) stets erwünscht. Jede, auch die unscheinbarste 
Beobachtung ist von Wert für mich. Besonders 
bitte ich um Angaben über Brutvögel, im Gebiet 
erlegte oder gefangene Arten, Nagetiere, Fleder 
mäuse, Schlangen, Frösche, Molche, über im Ge 
biet abgehaltene Jagden, Vogelfang, -liebhaberei 
und -schütz, Fischfang, Naturschutzmaßnahmen, ein 
schlägige Zeitungsnotizen und Literatur. Auch die 
Übersendung der genannten Arten 
(lebend oder tot) ist mir willkommen. Vertrauend 
auf die Heimatliebe und das Interesse an der 
vaterländischen Naturkunde richte ich an alle hes 
sischen Naturfreunde und Tierkenner die Bitte, 
durch fleißige Mitarbeit dazu beizutragen, daß die 
von mir geplante Arbeit über die Wirbeltierfauna 
Hessens möglichst vollständig wird, und für sich 
selbst und andere den Weg zur Naturbeobachtung 
und veredeltem Naturgenuß zu finden. 
Werner Sunkel, cand. zool., 
Marburg a. d. L., Frankfurter Straße 55. 
-äMfc 
Aus Heimat und fremde. 
Hessischer Geschichtsverein. Der Ausflug 
des Marburger Vereins am 4. Juli führte zunächst 
nach K i r ch h a i n , wo in der Pfarrkirche Pfarrer 
Fliegenschmidt geschichtliche Angaben über den 
Bau der Kirche mitteilte. Architekt Rumpf machte er 
gänzende Erläuterungen an der Hand von Plänen und 
Zeichnungen. Nach Besichtigung des Rathauses und des 
Happelsche.n Holzhauses „zum blauen Löwen" aus dem 
Jahre 1612 fuhren die zahlreichen Teilnehmer nach der 
Brüüermühle. Hier führte Exzellenz B e ß ein 
gehender aus, wie es zu dem Gefecht am 21. September 
1762 gekommen, wie der Verlauf des erbitterten Kampfes 
nach den kriegsgeschichtlichen Quellen anzunehmen ist, 
und wie es schließlich den Truppen des Herzogs Fer 
dinand von Braunschweig, besonders den hessischen Re 
gimentern Gilsa und Malsburg gelang, den Franzosen
	        

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