Full text: Hessenland (33.1919)

120 WK4L 
Briefe von Charlotte Diede. 
(Zum 150. Geburtstag von Wilhelm von Humboldts Freundin.) 
Von Paul Heidelbach. 
(Schluß.) 
3. 
Große Verluste machen uns gleich 
gültig gegen das, was die Welt Glück und Ehre 
nennt, und bringen uns erst in das richtige 
Gleichgewicht — wie sie uns über den Zweck 
unsres Daseins berichtigen. Mer, noch ein 
mal, Liebe, erheben Sie mich nicht, wenn Sie 
hier und da mehr Reife in mir zu erkennen 
glauben, wie in andren meiner Zeit Genossen. 
Die Natur gab mir die ernste Richtung der Seele 
und den Durst nach Wahrheit und Erkenntniß — 
meine Verhängnisse gingen aus meinem Innern 
hervor und wirkten wieder auf mein Inneres 
zurück. Eine gewiß seltene, von aller Sinnlich 
keit freie Liebe eines ungewöhnlich tief empfin 
denden Herzens war indessen die Basis meines 
Wesens — so konnten kaum ungewöhnliche 
Schicksale ausbleiben, wie diese geistige An 
lage mich früh in schöne, bildende Verhältnisse 
brachte und mir hier und da den Antheil edler 
Menschen und ihre Liebe gewann, aber das 
alles haben viele andre auch, wie viele Tausende 
Erden Glück und Erden Güter besitzen, aber was 
mir Gott gab, als mein zugewogenes Glück, 
gewährt er unter Millionen nur Einem. Einen 
Freund voll himmlischer Weisheit, voll des treu 
sten Antheils, der Liebreichsten Güte. Er leitete 
mich seit 21 Jahren mit Liebevoller Geduld, er 
wußte mich über das Leben zu erheben, ihm 
lag mein ganzes Inner, und äußeres Leben dar, 
hingegeben seinem höheren Einfluß — und wie 
er mich würdigte, mir seine wahrhaft große, 
der Gottheit verwandte Seele zu entfalten, zog 
er mich zu sich empor — welcher Vorwurf träfe 
mich, wäre eine so hohe, seltene Gnade ohne 
Einfluß auf mich geblieben! Aus meiner frühe 
sten Jugend stammle dies hohe Verhältniß der 
seltensten Art, und trat dann nach langen 
Jahren wieder für mich ins Leben, um mein 
Alter zu verschönern. Arm stehe ich nun da, 
nicht allein, auch reich an Freundschaft und 
Liebe — aber das Verlohrene kann mir nicht 
ersetzt werden. So nehmen Sie mich, Theure. 
Adiö! Ihre 
Charlotte. 
Wie geht es wohl Merle 8 ? ich bin um ihn be 
sorgt, den treuen Freund. 
8 Charlottes Karlshafener Freund, der sie in geschäft 
lichen Dingen beriet. 
4. 
Mitte veoemd 37. 
Theure, geliebte Freunde! 
ich greife endlich zur Feder, ob ich es un 
gern thue, da Augen und Hand mir weh thun 
und mir das Schreiben so sauer wird als Ihnen 
das Lesen der undeutl. Schrift — aber ich muß 
Ihnen durchaus etwas von dem sagen, was seit 
Ihrem letzten Lieben Besuch in mir bewegt, an 
Liebe und Dank an Theilnahme und . . . täglich 
und stündlich habe ich an Sie gedacht 
Geheimnißvoll und dunkel führte mein schmerz 
licher Weg durch's Leben. War es auch nicht 
ohne eigne Schuld, so ist das lange verjährt, 
traf die unerfahrene Jugend und liegt auf der 
Waage des ewigen Richters, der nicht unsre 
Handlungen, sondern den Sinn wäägt, aus dem 
sie fließen. Daß keine Schuld mich drückt, ob 
ich gefehlt haben mag, beweißt mein ruhiger 
Gemüths Zustand. Verzeihung für diese Ein 
schaltung 
5. 
den 28ten Februar 1838 
Theure Freundin! 
Das Jahr fängt so schön, in lange entbehrter, 
milder Frühlingsluft und freundlichem Sonnen 
schein an, daß es Sie mit rechter Zuversicht 
erfüllen wird. Gottes Segen sey mit Jhnm, 
Gott erhalte Ihnen Ihre Lieben und — was 
er Ihnen vor Tausenden verlieh, den edlen 
Mann in Gesundheit, an dessen Seite Sie einem 
höheren Leben entgegen reifen. Dann wird 
Ihrem frommen Gemüth der höhere himmlische 
Frieden nicht fehlen, den ich vor Allem An 
dern denen wünsche, die ich liebe, dann erschreckt 
unser Herz nicht und fürchtet sich! nicht — dann 
fehlt auch nie der höhere Segen zu Ihrem 
Thun und Lassen. Das irrdische Gute wird 
Ihnen als Zugabe gewiß werden, da Sie Ihr 
Pfund so treu verwalten! Herzlichen Dank für 
die unverdiente Liebe, die sich mir im ver 
gangenem Jahre, wie früher, so rührend be 
thätigt hat; ich vertraue, ja ich bin gewiß, daß 
das bis an mein Ende so bleibt. 
Hier, meine beiden theuren, verehrten Freunde, 
ist der liebe Teppich, an dm sich so viele Emp 
findungen von Schmerz und Liebe knüpfen, und 
den ich niemand so gern gebe als Ihnen. Reh-
	        

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