Full text: Hessenland (33.1919)

SmUL 118 **KL> 
an, und die Farbe des schneidigsten und selbst 
bewußtesten Referendars wurde um einen Schein 
blasser, wenn der „Geheimschulze" zu den har 
renden sechs Opfern mit den Worten trat: „Der 
Herr Präsident lassen bitten!" Und dann stand 
man vor dem Gewaltigen, Gefürchteten — und 
siehe da: alle Angst und alle Beklemmung waren 
dahin! Man glaubte einen kalten, strengen, un 
erbittlichen Examinator zu finden — und man 
fand einen wohlwollenden, warmherzigen und güti 
gen Mann, der offensichtlich bestrebt war, das 
Vertrauen der jungen Männer zu erwerben, die 
um ihre Zukunft sorgten. Und so war es auch 
im Examen. Stölzel war kein bequemer Exa 
minator. Selbst ein überaus klarer und logischer 
Kopf, verlangte er auch von den Examinanden klare 
Einsicht in die Rechtsgrundlagen und logische An 
ordnung ihrer Arbeiten. Von auswendig gelern 
tem Kram wollte er nichts wissen; er verlangte 
die Betätigung und den Nachweis eigener Ur 
teilsfähigkeit. Mer eins werden selbst diejenigen 
zugeben, die bei Stölzel im Examen gescheitert 
sind: er war ein stets gerechter und wohlwollender 
Richter, auch wo er tadeln und strafen mußte, 
kein verknöcherter Buchjurist, sondern ein Mann, 
der die Bedürfnisse des praktischen Rechtslebens 
Unausgesetzt verfolgte und sie verstand und der 
stets dem Zuge der Zeit zu folgen bereit war. 
Nun hat Stölzel das Amt niedergelegt, dem 
er seit fast zwanzig Jahren mit größter Hin 
gebung und steter Freudigkeit seine staunenswerte 
Arbeitskraft gewidmet hat. Ein herzliches Ge 
denken all der Tausende ist ihm sicher, die ihm 
in dieser langen Zeit im Prüfungssaale des preu 
ßischen Justizministeriums gegenüber gesessen haben 
und die ihn ebenso als Menschen, wie als Ju 
risten zu bewundern Veranlassung hatten. Möge 
ihm ein freundlicher Lebensabend beschieden sein, 
und möge es ihm vergönnt sein, noch viele 
Jahre hindurch zu schauen, wie die Grundsätze, 
die er gelegt, von seinen Schülern und Jüngern 
weiter verfolgt und ausgebildet werden zum 
Nutzen der deutschen Rechtsprechung und zum Heile 
des deutschen Vaterlandes! 
Vale!" 
Neben allen diesen Tätigkeiten konnte Stölzel 
noch zahlreiche kleine schriftstellerische Arbeiten 
nicht nur auf materiellem und formellem 
juristischen Gebiet, sondern auch auf den ver 
schiedensten anderen Gebieten und die Besprechun 
gen zahlreicher Bücher verfassen. Nach einem von 
seiner eigenen Hand herrührenden Verzeichnisse be 
läuft sich die Gesamtzahl der von ihm verfaß 
ten Schriften auf mehrere Hundert. Sie können 
hier nicht alle aufgezählt werden, nur der Bücher, 
die er in dieser Zeit erscheinen ließ, soll hier be 
sondere Erwähnung geschehen. Neben den bereits 
genannten Büchern über die juristische Ausbil 
dung nennen wir ein zweibändiges Werk über 
„Brandenburgisch-Preußische Rechtsverwaltung und 
Rechtsverfassung" (1888), „Vorträge (aus der 
Brandenburgisch - preußischen Rechtsgeschichte" 
(1889), „Das landesherrliche Ehescheidungsrecht" 
(1891), „Rechtslehre und Rechtsprechung" (1899), 
„Entwickelung der gelehrten Rechtsprechung", Bd. I 
„Der Brandenburgische Schöppenstuhl" (1901), 
Band II „Billigkeits- und Rechtspflege der Re 
zeptionszeit" (1910), „Urkundliches Material aus 
den Brandenburger Schöppenstuhlsakten", Band 
I—IV (1901), „Die Verhandlungen über Schillers 
Berufung nach Berlin" (1905), „Staatliches und 
staatenloses Ausland für preußisch-deutsches Straf 
recht" (1910), „Die oporis iiovi nuntiatio als 
Keim der Hanauer Ganggerichte" (1910), „Geding 
und Appellation, Hof, Gericht und Räte, Ab 
schied und Urteil" (1911), „Aufrechnung in der 
Berufungsinstanz" (1911). Im Jahre 1898 schied 
Stölzel aus dem Amte eines vortragenden Rates 
im Justizministerium, behielt aber den Vorsitz in 
der Prüfungskommission bei, bis ihn nach mehr 
als 50 jähriger Beamtenlaufbahn ein körperliches 
Leiden zwang, auch von dieser Stellung zurück 
zu treten. Welche Gefühle darüber die juristischen 
Kreise beherrschte, haben wir bereits aus Heilfrons 
Munde gehört. Seitdem lebte Stölzel nur noch 
den Wissenschaften, und wir haben bereits gesehen, 
daß diese Zeit noch die reichsten Früchte zutage 
förderte. Von einem noch im Druck befindlichen 
umfangreichen Werk werden wir am Schlüsse dieses 
Nachrufs hören. 
An verdienten Anerkennungen und Ehrungen 
hat es Stölzel nicht gefehlt. Er wurde zum Eh 
rendoktor sowohl der Rechtswissenschaften als auch 
der Philosophie ernannt, er war Mitglied des 
preußischen Herrenhauses und Kronsyndikus, und 
es war ihm der Titel eines Wirklichen Geheimrats 
mit dem Prädikat Exzellenz verliehen. Von den 
ihm verliehenen Orden sollen hier nur genannt 
werden das Kreuz der Komture des Hohenzollern- 
schen Hausordens (1883), die ihm zur Feier seines 
50 jährigen Dienstjubiläums am 17. Juni 1903 
verliehenen Brillanten zum Kronenorden 1. Klasse, 
der ihm bei seinem Ausscheiden aus dem Staats 
dienste am 15. Oktober 1904 verliehene Rote Adler 
orden 1. Klasse und die ihm bei Gelegenheit seines 
80. Geburtstages, am 28. Juni 1911 verliehene 
Krone zum Roten Adlerorden 1. Klasse. 
Zu Stölzels Familienverhältnissen sei folgendes 
hervorgehoben. Seine erste Gattin starb bald nach 
seiner. Übersiedelung nach Berlin, am 10. Februar
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.