Full text: Hessenland (33.1919)

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Leben hindurch an diesem Entschluß festgehalten 
hat, die Selbstlosigkeit, mit der er Jérôme bis 
Mm letzten Atemzuge gedient hat, das alles spricht 
dafür, daß die Errichtung des Königreichs West 
falen seine Überzeugungen tatsächlich zum Bewußt 
sein und zur Reife gebracht hat. Für einen 
Menschen seines Schlages und seiner Herkunft 
war das ja begreiflich, vertrat doch der neue 
Staat wenigstens aus dem Papier die Idem von 
1789, die dem Bückeburger und Pyrmonter Kosmo 
politismus, dm Idealen des Marburger Tugend 
bundes nahestanden; er brachte die Aufhebung aller 
Frondm, die Gleichheit vor dem Gesetz, die Be 
rechtigung zur Bekleidung aller Stellm im Zivil 
und Militärdimst ohne Ansehung der Geburt und 
der Konfession, er brachte Geschworenen- und 
Friedmsgerichte, der nme Herr nannte sich nicht 
nur „von Gottes Gnaden", sondern auch „durch 
die Verfassung" König von Westfalen — konnte 
man da -nicht tatsächlich geblendet werden? Und 
konnte man nicht selbst in nationaler Beziehung 
gewisse Hoffnungm bewahren, wo der König jung 
und bildungsfähig und die Königin eine Deutsche 
war, wo sich ein"glänzender Stab deutscher Staats 
männer und Gelehrter um den Thron scharte, 
wo in der Zivilverwaltung Männer arbeiteten 
wie Wolfradt, Bülow, Witzleben, Dohm, Strom 
beck, Schmerfeld, Motz, Schmidt-Phiseldeck, wo am 
Hofe die Hessen-Philippsthal, Malsburg, Harden 
berg, Schulenburg, Münchhausen, Pappenheim 
glänzten? Konnte man nicht endlich damit rech 
nen, daß sich hier tatsächlich ein moderner deutscher 
Staat entwickeln würde, der allmählich die frem 
den Elemente wieder ausschied, ein Staat, der 
mindestms ebenso dmtsch war wie die süddmtschm 
Rheinbundstaatm? 
Stölting hat diese Fragm bejaht. Sein bisheriges 
Leben war nur ein Tastm gewesm, ein Suchen 
nach einem großen Gegenstände, dem er sich ganz 
hingeben konnte; Westfalen schim ihm diesen 
Gegenstand zu bietm, und so hat er sich rückhalt 
los dem jungm Königreich zur Verfügung ge 
stellt. Wie es ihn zunächst verwendet hat, steht 
nicht fest. Fulda hat später erzählt, daß sein ehe 
maliger Bundesbruder im Kriegsministerium be- 
gonnm habe; er habe sich da sehr bald unabsicht 
lich dank ferner Sprachkenntnisse zum Posten „eines 
Gmeralsekretärs und luisant konction du mi 
nistes" für die wöchentlichen großen Audienzen 
emporgeschwungen; diese Stellung habe ihn aber 
leider verblendet und zur Übertretung des Tugend- 
vertrages verleitet, der Demut, Bescheidenheit und 
Schonung des Mchsten zur Bedingung machte. 
,Mit Schrecken hörte ich von dieser seiner Über 
hebung, von seiner Anmaßung eines Ministerairs 
und sogar von der Veränderung seines Namens, 
Standes und ganzen Wesens", hat Fulda hin 
zugefügt. „Ich eilte in das Palais des Kriegs 
ministeriums und fragte nach Herrn von Stölting. 
„II n’y a pas de*M. de Stölting: je ne connais 
pas cet homme", erwiderte der Portier. Da, kam 
ein feingalonierter Jäger herbei und berichtigte 
meine Frage mit dm Worten: „Monsieur, vous 
cherchez M. le baron de Stecklenbourg? Je 
vous conduirai auprès de lui, suivez-moi s’il 
vous plaît", und er führte mich hinauf in dm 
prachtvollen Audienzsaal, wo ich meinen Freund 
in eleganter Militäruniform, umgebm von einem 
großen Kreise demütig gebeugter altersgrauer 
Stabsofsiziere und Generale perorierend, mit gnä 
digem Ministerblick sich herablassend, aber auch 
Verweise erteilend, antraf, und in diesem großen 
Kreise sah ich meine bekannten Landsleute, hessische 
Generale und Oberste des Kurfürstm: ich konnte 
mich vor Entrüstung nicht fassen und warf dem 
treulosm Frmnde einm ernstm Blick zu, welchen 
dieser augenblicklich verstand, und worauf er durch 
eine leichte Handbewegung alle die Nachsuchenden 
abtreten ließ. So standen tvir beide einander 
gegenüber, und ich warf dm aus meiner Tasche 
gezogenen schriftlichm Tugendbundvertrag dem 
Treulosm-vor die Füße! — Das war der erste 
Abfall von unserm Bunde. Stölting kam hernach 
zu mir, gestand sein Vergehen ein und verließ 
mit Einwilligung des Königs Jérôme das Mini 
sterium" 2 . 
Was an dieser Erzählung zutrifft, dürfte sich 
auf die Auflösung des ohnehin erledigten Tugend 
bundvertrages beschränkm; Gmeralsekretär des 
Kriegsministeriums ist Stölting jedenfalls nie ge 
wesen, und dm Minister vertreten hat er erst recht 
nicht. Der Kreis altersgrauer Stabsofsiziere und 
Generale, dem er Audimz erteilt haben soll, 
dürfte durch die bei Überlieferungen im allge 
meinen und bei Fulda im besonderen häufig auf 
tretende Neigung zur Vergrößerung zu erklären 
sein, ist doch kaum anzunehmen, daß damals in 
Kassel eine nmnenswerte Anzahl höherer und 
hoher Offiziere des ehemals kurfürstlichen Heeres 
beisammen gewesm seht sollte. Was es mit dem 
„baron de Stecklenbourg" auf sich hat, läßt sich 
aus dm im Berliner Geheimen Staatsarchiv be 
ruhenden Akten der westfälischen Zentralbehörden 
leider nicht feststellm. 
Richtig ist nur, daß Stölting um jme Zeit herum 
dm Titel Baron angenommm hat; ein Borwurf 
ist ihm daraus kaum zu machen, lebte man doch in 
ehter Zeit, die mit Adelstiteln außerordentlich 
2 Hessische Erinnerungen a. a. O. S. 250/51.
	        

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