Full text: Hessenland (33.1919)

g«à Inschriften: „Liebend betrauert von zehn 
KÄdmn, acht Schwiegerkindern und 34 Enkeln." 
>^Hetten Geistes reiste sie zum ewigen Licht! 
Glücklich vor Tausenden und wert es zu sein." 
„Laßt mich spät noch in die Saiten 
Mischen den Naturgesang. 
Laßt die Dichtkunst mich begleiten 
Bis zum letzten Lebensgang." 
Das Wunschbüchlein. 
Von Lotte GubalKe. 
Meme Großmutter soll eine sehr schöne Frau 
gewesen fein. Die Bilder, die von ihr vorhanden 
sind, bestätigen es, obgleich sie nicht von Künstlern 
ersten Ranges gemalt sind. Sie war «ne jener 
liebenswürdigen Frauennaturen, deren Hauptreiz 
darin bestand, daß sich Schönheit mit Anmut und 
Güte vereinten. Großvater, der sie um rin Jahr- 
zchstt überlebte, behauptete stets, daß keine ihrer 
zaWeeichen Enkelinnen, wenn sie auch einigen ihre 
nußbraunen Augen und dicken, dunklen Haarflechten 
vEbt hätte, sich mit ihr messen könnte. 
Cs war wohl damals auch eine ganz andere 
Luft in der Welt. Die Frau konnte ganz nur 
Gattin, Mutter und Hausfrau sein. Siebrauchte 
nicht unmittelbar am harten Lebenskampf teilzu 
nehmen, wie sie es heute tun muß, wenn sie ihre 
Pflicht dem Vaterland gegenüber tun will. Sie 
§$«8 damals ganz im Schatten ihres Mannes — 
hertte muß ste selbständig hervortreten. 
Man schrieb das Jahr 1825, als mein Groß- 
và die Großmutter nahm. Die Nachwehen der 
bösen Fahre der Fremdherrschaft, des Freiheits- 
Krieges mtt seiner Not waren immer noch nicht 
gartz verschmerzt. Es galt für ein junges Paar 
sich einzuschränken, wenn man mit dem karg- 
bemessenen Sold eines Landrichters auskommen 
sollte. Nun stammte aber die schöne Frau Elisabeth 
em einem Hause, in dem aus dem Vollen gewirt- 
schäftet wurde. Der alte Herr Herrmann im Haus 
an der Brücke betrieb eine Kolonialwarenhandlung 
im großen. Aus Bremen kamen auf Frachtkähnen 
die überseeischen Waren und wurden von ihm mit 
Gesparmen weiter ins Land befördert. Die Herr 
manns hatten eine sorglose Art, das Leben auf- 
zufassen. Sie machten sich gern gute Tage. Ver 
schwendeten nicht im üblen Sinn, legten aber nicht 
so viri zurück, daß ihre sieben Kinder Reichtümer 
mtt in ihr eigenes Leben hätten hineinnehmen 
können. Wenigstens keinen Reichtum an Geld 
und Gut. Sie waren allesamt gesund und arbeits- 
freudig, diese vier Herrmanns-Töchter und ihre 
drei stattlichen Brüder. Großvater wußte genau» 
daft aus keine Mitgift in Geld zu rechnen war. 
Sr ließ sich gern daran genügen, daß seine schöne, 
junge Frau eine Aussteuer an Leinen und Sttber 
und gutem Hausrat mitbrachte. Die lusttge Eltfa- 
beth machte sich keine Sorgen wegen des knappen 
Wirtschaftsgeldes, das der Ehegemahl ihr aus- 
händigte, wußte sie doch, daß, wenn sie nicht aus 
kam, ein Wort an ihre Mutter genügte, um den 
Fehlbetrag zu decken. Als der Landrichter zum 
erstenmal hinter diesen Tatbestand kam, da er 
nach dreimonatiger Ehe das Wirtschaftsbuch zum 
erstenmal überrechnete — war er sehr nieder 
geschlagen —. Das Geld hatte gerade bis zum 
siebzehnten des Monats ausgereicht. Run stellte 
sich im Verlauf einer ernsten Aussprache und ge 
nauen Untersuchung heraus, daß feine Frau nicht 
nur Naturalien von den Schwiegerettern empfangen 
hatte: Kaffee, Zucker, Reis und allerlei gutes 
Gewürz, wie Vanille, Zitronen und dergleichen 
Dinge mehr — auch bares Geld war in den land- 
richterlichen Haushalt geflossen — — 
Großmutter war in Tränen ausgebrochen. 
„Wie hätte ich denn sonst gute Kuchen backen 
können und unsere Gaste standesgemäß bewirten 
mögen!" klagte fie. 
Großvater erklärte ernst und streng, wie sie ihn 
nie zuvor gesehen, daß er darauf verzichte, gute 
Kuchen zu essen und Gäste zu bewirten, wenn das 
nicht aus eigenen Mitteln geschehen könne. (Seine 
Frau habe mit seinem Geld auszukommen, er 
lehne jede Beihilfe, auch die der nächsten Ver 
wandten, ab. 
„Wenn ich aber mit dem wenigen nicht aus- 
kommen kann!" hatte Großmutter verzweifelt aus 
gerufen. 
„So wäre das sehr trostlos, denn ich besitze 
kein nennenswertes Vermögen. Die Zinsen eines 
kleinen Kapitals müssen für Not und Krankheit 
und andere, vielleicht sehr glückliche Ereignisse zurück- 
gelegt werden. Du wußtest es, als du zu mir 
kamst als meine Lebensgefährtin, daß ich kein 
reicher Mann bin!" 
Es ist dem Herrn Landrichter nicht leicht ge- 
worden, seiner lebenslusügen Frau klarzumachen, 
daß es seine Ehre erheische, mit dem anzukommen, 
was er besitze, und daß er klare wirtschaftliche
	        

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