Full text: Hessenland (32.1918)

Wie leicht war das Pflücken unter dem Schutze 
der Dunkelheit auszuführen. Nur „Vorsicht" hieß 
die Parole. Feindliche Patrouillen durchschlichen 
wie hungrige hinterlistige Füchse das Zwischen 
gelände. 
Nach der Ablösung pflichteten die Kameraden 
im Unterstände seinem Vorhaben bei. 
Und in der nächsten Nackt schlich der Hessensohn 
hinüber, nur den kurzen Dolch im Stiefelschafle. 
.Schon hatte er das Sträußchen für die Mutter 
gepflückt, nun noch den Blütenzweig für das 
braune Nachbarkind — 
Da traf ein furchtbarer Kolbenschlag den deutschen 
Blondkopf. 
Der konnte nur noch das Messer ziehen und 
einige Male wild um sich stechen. 
Dann brach er zusammen. Der aus dem Hinter 
halt geführte welsche Totschläger hatte gut ge 
troffen. — — 
Als der Posten nach Stunden nicht zurückkehrte, 
schickte der Kompagnieführer eine Patrouille aus. 
Z. Zt. im Felde. 
Der Korporalschaftsführer und zwei Mann fanden 
den jungen Hessensohn erschlagen unter dem 
Bäumchen liegen. 
In dem Blondhaar des Toten klebte dickes 
rotes Blut, überrieselt von vielen kleinen rosa- 
roten Blütmblättchen. Die Linke umklammerte 
eine Blütendolde. 
Das war der Mutier Lenzgruß vom Feindesboden. 
Außer dem toten Kameraden nahm die Patrouille 
noch drei Blütenzweige mit: einen für das liebe 
alte Mütterlein, einen für das ferne braune Nach 
barkind und den dritten für den jüngsten Grab- 
Hügel der Kompagnie. 
Altklug aber pfiff der blankgeputzte Morgenwind 
durch den schmalen Ausguckschlitz des Panzerturmes 
im deutschen Schützengraben die Melodie des letzten 
Verses des Heimatliedes: 
Wenn die Kirschen reifen 
Und der Kuckuck schreit, 
Nornenhände greifen 
In das Hochzeitskleid 
Feldwebel Wilh. Pippart. 
Und dennoch 
Ich fliege zum Sturm; 
Und alle Getreuen brausen mit, 
Die Besten ganz nahe bei mir. 
Und dennoch stürm' ich allein, 
Allein mit meiner Seele, 
Einsam — einsam — 
Zwar trag' ich dein Bild, 
Im Herzen dein Bildnis, süß und rein 
Und trinke dein lauteres Gold. 
Und dennoch bin ich allein, 
Allein mit meiner Seele, 
Einsam — einsam — 
Und träf mich der Tod, 
Ich hörte das Stöhnen um mich her 
Der Leiber, ganz nahe bei mir. 
Und dennoch rang ich allein, 
Allein mit meiner Seele, 
Einsam — einsam —. 
Gottfried Buchmaun, 
Leutnant und Kompagnie-Führer. 
lDer Verfasser, der an der Spitze seiner stürmenden Kompagnie durch Maschinengewrhrschutz verwundet wurde, sandte uns dieses 
Gedicht aus dem Lazarettzug. Die Red.) 
Neuzeitliche Flachsbereitung in Hessen. 
Von Bankassessor W. $ 
Am westlichen Ausgange Hünselds, an der Straße 
nach Fulda, erhebt sich ein schmucker Gebäudekomplex, 
der sich mit seinem hallenartigen Baustile recht gut 
in das landschaftliche Bild einfügt Diese Fabrikanlagen 
entstanden in den Kriegsjahren 1916/1917; alle Schwie 
rigkeiten bei der Materialbeschaffung konnten dank der 
tatkräftigen Unterstützung der Kriegsrohstoffabteilung 
glatt und schnell überwunden werden. Ausreichenden 
Grundbesitz sicherte sich die Gesellschaft für Flachs- 
bereitung auch für die geplanten Weiterungsbauten recht 
zeitig. Sie verfügt über 25000 gm Grundbesitz. Ein Gleis 
anschluß verbindet die Anlage mit dem Bahnhof Hünfeld. 
Beim Betreten des Grundstückes stoßen wir zu 
nächst aus die beiden großen Lagerhallen, die 600- bis 
. Balthasar, Fulda. 
700 000 Kilo Strohflachs aufnehmen können. Als 
Produktionsgebiete sind der Gesellschaft zugewiesen: die 
Provinz Hessen-Nassau, Großherzogtum Hessen, Fürsten 
tum Waldeck-Pyrmont, sowie der Kreis Wetzlar. Da 
die Flachsproduktion dieser Gebiete aber die Anlage 
nicht voll ausnutzen läßt, toerden Flächse aus Schle 
sien und dem russischen besetzten Gebiete noch mit ver 
arbeitet. Der einheimische Flachs wird aus der Wagen 
achse, der auswärtige durch die Eisenbahn herange 
schafft. 
Der Strohflaehs wird entsamt, lufttrocken abgelagert, 
gebündelt angeliefert. In den Lagerhallen wird er 
nach Güte, Feinheit, Farbe lind Länge sortiert. Dann 
wird er aus Feldbahnwagen zum Rösthaus überführt.
	        

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