Full text: Hessenland (32.1918)

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steht in Schutz und Schirm! Menschenkind, du 
wandelst in hehrer Hut! Richte Blick und Herz 
empor! Klebe nicht an der Erde und schwinge 
dich auf mit mir! 
Werde rein! Rein und edel wie meine singende 
Seele! 
Nachbars Karl ist Läutejunge und weiß von 
seinen Glocken unzählige Geschichten; er kennt 
ihr Herz und versieht ihre Sprache. Sie haben 
schon den dreißigjährigen Krieg überdauert und 
sind den Kaiserlichen damals entgangen, denen 
die Schweden so hart auf den Fersen folgten. 
Schon waren schwere Wagen gerüstet gewesen. 
Auch die Schweden haben sie im Gestühl gelassen; 
denn der alte Schwedenobrist wußte silberne Will 
kommbecher richtig einzuschätzen. In der Chronik 
des Städtchen heißt es, der Rat der Stadt „mußte" 
ihm zwei silberne Becher verehren. Von dem 
Turm kann man den grünen Streifen einer fernen 
Au erblicken. Dort Pfiffen im Krieg, den der 
alte Fritz sieben Jahre führen mußte, die Fran 
zosenkugeln, und die Pfarrherrn haben an jenem 
Tage über die Wälder hin gelauscht und gebetet, 
bis die friedliche Nacht kam. 
Ich stand mit dem Lehrer unter der Turmlinde. 
Die Kirche war aus; aber die Kirchgänger schritten 
nicht gleich, wie es sonst ihre Gewohnheit war, 
zur wartenden Suppe heim. Sie standen in der 
blanken Sonne und waren reich an lebhaften 
Worten. Unten im Tal rauschten die Wasser am 
Wehr und oben am Berg sangen die Kiefern 
ein Lied. 
„Ja," sagte der Lehrer bewegt, „bald werden 
sich die Stare in der Lindenkrone wmidern und 
die Raben im Tann — — — wenn wenn 
unsere Glocken — — schweigen." 
»Ach ja." 
In dem Augenblick kam der Läutejunge mt$> 
dem Turm und gesellte sich uns zu und sah mit 
aufmerksamen Augen an uns empor. 
„Der Krieg wird die Glocken verschlingen." 
„Weiß man schon Näheres?" 
Aber da fiel der Junge mit der Frage ein: 
„Womit wollen wir aber den Frieden einläuten?" 
„Den Frieden?" 
Der Lehrer sagte das mit einem Ton, der 
ungläubig und merkwürdig erdfern klang. Der 
Bube merkte das auch und fragte: „Ja, gibt's 
denn keinen Frieden mehr? Wann Krieg ist, 
dann gibt's auch wieder einmal Frieden. Meine 
Glocken will ich behalten." 
„Das wird, glaub ich, nicht die Möglichkeit sein." 
Und der Lehrer fuhr dem Knaben leicht über 
das wehende Haar. 
„Warum nicht?" 
„Sie sollen siegen helfen. Die sollen mitsprechen 
im Weltkamps." 
„Im Wellkampf? — Dann sind sie ja auch 
für den Sieg da." 
Und damit ging der Läutejunge, blitzende Lichter 
in den stahlgrauen Augen, davon. Er schritt lang 
sam, und sein Tritt klang gemessen und fest, bis er 
von dem gepflasterten Kirchweg in eine Seiten 
gasse bog. 
Ich beredete mit dem alten Herrn noch dies 
und das, und wir verließen als die Letzten den 
stillen Friedhof. 
Der Kirchenjunge hatte allabendlich auch das 
Siebenuhrläuten zu besorgen. Eines Abends 
höre ich nun den Nachbar ganz gegen feine Gewöhn 
heit hart mit Karl reden. „Ja," sagte er, als 
ich ihn nachher über die Hofmauer hin anredete, 
„ja, er bleibt mir nach dem Läuten so merkwürdig 
lange aus." 
Und seine Frau wußte, daß der Bengel stets 
einen Hammer und einen kleinen Küchenmeiße! 
in den Taschen umherschleppe. „Und jetzt ist doch 
die Zeit für die Huppen und Pfeifen und Wald 
hörner." 
„Na, er wird sich wieder mal als Handwerks 
meister fühlen. Erinnern Sie sich noch, wie er 
in allen Häusern die Türen ausmaß imt) behauptete, 
er sei ein Zimmermann? Und wissen Sie noch, 
wie er vier Wochen lang dem Postillon die Pferde 
wechseln half und Postknecht werden wollte? Das 
wird mit dem Hammer und dem langen Aus 
bleiben wieder so sein." 
Damit war die Sache abgetan. 
Eines Tages ließ der Lehrer mich und den 
Nachbar rufen und führte uns mit geheimnisvollem 
Lächeln zum Turm des Kirchleins. Wir stiegen 
langsam die dunkle ächzende Treppe hinan, an 
dem gemessen tickenden Uhrwerk vorüber, an dem 
Turmfenster vorbei, in dessen tiefer Mauerhöhlung 
brütende Tauben gurrten, und kamen zum Glocken- 
stuhl. Der alte Lehrer wies mit der Hand über 
die grünenden Täler und sagte mit ergreifender 
Betonung: „Wir können Gott nicht genug danken, 
daß er unsere Fluren vor den Feinden bewahrte. 
Und es wird auch in Zukunft geschehen." 
„Das gebe ein gütiger Himmel." 
„Er wird es. — Schallen sie her." 
Der Alte wandte sich um und zeigte mit der 
Hand nach der größten Glocke. 
„Da!" 
Wir folgten mit den Augen seinem allsgereckten 
Arm und gewahrten im Innern des Glockenmantels 
eine neue Inschrift. Die Reihen waren etwas 
bogig und die Buchstaben schienen wenig Kunst 
gerecht.
	        

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