Full text: Hessenland (32.1918)

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nete sich ein Fahrtor, durch das man zu einer 
Schwemme für kranke Pferde gelangte. 
Daß Nenndorf unter diesen Umständen keine 
Patina ansetzte und in den Augen mancher Besucher 
vorläufig noch etwas peinlich Neues, Traditions 
loses, wir würden heute sagen: Amerikanisches au 
sich hatte 22 , liegt auf der Hand. Der Vorwurf ließ 
sich aber verschmerzen, wenn die bereits erwähnte 
Steigerung der Frequenz anhielt, und daß das 
der Fall war, lehrt ein Blick in die Bade 
liste. Sie wurde alle Jahre länger, so daß 
immer wieder der Fall eintrat, daß ein Teil 
der Kurgäste in Rodenberg absteigen mußte. 
1791 wies sie beispielsweise über 500 Namen 
aus, der Arkadenbau reichte nicht aus, um alle 
Kurgäste zu fassen; vom 1. Juni bis zum 20. 
September wurden 6257 Bäder verabreicht 23 24 25 . Im 
Frühsommer 1796 hatten sich bereits über 400 
Personen eingefundeu. An Fürstlichkeiten brauch 
ten in jenen Jahren außer dem Landgrafen sein 
Bruder Karl, der dänische Feldmarschall und Frei 
maurer, ferner die Landgräfin mit ihren beiden 
Töchtern, der Erbprinz — später Kurfürst Wil 
helm II. —, die Herzogin von Mecklenburg- 
Schwerin, der Kronprinz Friedrich von Däne 
mark mit seiner Gemahlin, Prinz Emst von Meck- 
lenburg-Strelitz, der Erbprinz von Anhalt-Bern 
bürg die Kur. Die breite Masse der Gäste stammte 
nur zum geringen Teil aus Kurhessen, die meisten 
kamen aus dem Hannoverschen und zwar aus 
Celle, wo der Leibarzt Thaer und der Hofmedikus 
Taube, der letztere selbst ein dankbarer Benutzer 
der Nenndorfer Schwefelquellen, lebhaft für den 
Besuch des nahen Kurortes eingetreten waren M . 
Selbst aus Amerika waren Patienten eingetroffen. 
Mit Recht schrieb denn auch Schröter in jenen 
Jahren, Nenndorf werde immer mehr zu den 
besten Brunnenanstalten Deutschlands erhoben^; 
mit Recht fügte er hinzu, man finde wohl nicht 
leicht einen Kurort in Deutschland, der in kurzer 
Zeit auch in entfernten Gegenden durch so manche 
22 „Allerdings springt die Schnelle in die Augen, 
womit die Häuser gleichsam mit einem gebieterischen 
es werde! aufgestellt wurden." (Kameleon oder 
das Tier mit allen Farben. Eine Zeitschrift für Fürsten 
tugend und Völkerglück. Drittes Heft, Köln 1799, bei 
Peter Hammer.) — Die Gebäude waren „nur in 
Fachwerk ausgeführt, mit Brettern verschalt und nur 
teilweise unterkellert". Winckler a. a. O. S. 11. 
23 Schröter, Nendorfs asphaltische Schwefelquellen . ., 
S. 33. 
24 Zum Dank gewährte ihnen der Landgraf freie 
Wohnung und freies Bad. 
25 Schröter, Über die vorzüglichen Heilkräfte .. ., 
S. 81. 
wichtige Wirkungen so bekannt geworden wäre 
wie Nenndorf 26 . 
Freilich gab es neben diesen Vorzügen auch 
Schattenseiten: sie der Nachwelt überliefert zu ha 
ben, ist das Verdienst der Kölner Zeitschrift „Ka 
meleon", die von dem fränkischen Revolutionär 
Georg Friedrich Rebmann herausgegeben wurde 2 ?. 
„So manches Gute hier vorgefunden wird," heißt 
es darin, „läßt sich jedoch über die Tisch- oder 
Table ä'dots-Anstalt in der Arcade wenig Rühm 
liches sagen. Sei es auch, daß der Traiteur immer 
unmäßigen Pacht zahlen muß, so seh ich nicht ein, 
wie er durch schlechtes Essen und noch schlechtere 
Weine Gewinn hoffen kaun? Der Preis von 
12 Ggr. für drei schlecht gekochte, ohne alle Deli- 
catesse zubereitete Gerichte ist denn doch keine 
Kleinigkeit. Jedermann wiirde ihn willig bezah 
len, wenn die Speisen nur genießbar wären. Noch 
erbärmlicher ist's mit dem Weine bestellt. Die 
Nähe von Bremen und Hamburg läßt keine Ent 
schuldigung übrig, sondern der Beweis ist augen 
scheinlich, daß man glaubt, die Brnunengästc müs 
sen nehmen, was nran ihnen vorsetzt! Der Trai 
teur ist der einzige und ist privilegiert! murren die 
Gäste, so sagt er: seht zu wo ihr was besseres her 
bekommt! Kein anderer darf kochen und speisen, 
also kann er das um so leichter sagen 28 . 
„So emsig auch der Professor Schröter be 
sorgt ist, daß jeder Badegast eine Stube und ge 
hörige Aufwartung im Badhause erhält, so kann 
er doch einer Menge Vorwiirfe nicht Entgehen, 
z. E. einige Röhren im Badehause laufen so schlecht 
an, daß eine starke Viertelstunde zur Erfüllung 
26 Schröter, Merkwürdige Beobachtungen. .., Rinteln 
1798, S. 13. Dieselbe Bemerkung findet sich bereits 
in Schröters Schrift „Einige Worte" usw., Rinteln 
1794, S. II (Vorrede). 
27 Über Rebmann vgl. die Allg. deutsche Biogra 
phie. 
Ähnliche Klagen finden sich auch im „Journal 
des Luxus und der Moden", Oktober 1796, S. 52.1 
und Oktober 1798, S. 592. „Das gesellschaftliche Zu 
sammenkommen bei einem Nachmittagsgetränk", heißt 
es dort, „wurde zehn Tage vor der Abreise des Land 
grafen aufgehoben, durch die Übersetzung (?) des Wirtes, 
der sich den wöchentlichen Gulden, welchen jedermann 
dafür entrichten muß, von einigen in vierzehn Tagen 
viermal bezahlen ließ." Der Abendtisch kostete 6 Ggr.; 
Schröter, Nendorfs asphaltische Schwefelquellen, Rin 
teln 1792, S. 41. — In der ersten Saison des Bades, 
Sommer 1790, lieferte der Traiteur nach Or. Domeiers 
Bericht für einen halben Reichstaler vier Schüsseln und 
einer: Nachtisch, „und nur der, welcher keinen Wein 
trinkt, bezahlt zwei Albus mehr", übrigens hieß der 
erste Pächter des Traiteurmonopols Edel, der zrveite 
Remy; Remy stammte gleichfalls aus Hannover und 
hatte früher das Kaffeehaus in Pyrmont betrieben 
(Gedanken bei der Reise von Nendorf, von F. A. Wep- 
pen; in Schröter, Einige Worte..., Rinteln 1794 
S. 35).
	        

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