Full text: Hessenland (32.1918)

35 §^y_= 
von Dach zu Dach. 
Von Wilhelm Speck. 
(Schluß.) 
Über allen Wolken. 
Der Winter kam mit seinen Schneeflocken, es 
wirbelte und wehte um unser Dach, oft sahen 
wir die Nachbarn vor dem dichten Schleier nicht, 
der zwischen unsern Häusern lag. Dann wurde 
es wieder Frühling, die Eisblumen verschwanden 
von den Scheiben und nun öffneten wir die Fenster, 
um den linden lieben Maiensonnenschein einzulassen, 
den lieben freundlichen Gast der Menschen. Da 
sahen wir denn, daß auch drüben ein Gast an 
gekommen war, der ihnen lieber war als alle 
Maienlust, lieber als alles in der Welt. Mit 
leuchtenden Gesichtern standen unsere Nachbarn 
am Fenster und winkten uns zu. Sie hielten 
einen jungen Mann an den Händen, einen schönen 
stattlichen Mann mit langem blonden Haar, der 
uns ffeundlich grüßte. Das war also der Sohn, 
und stolz waren sie auf ihn, das sah man. Den 
ganzen Tag ging es drüben lebhaft her, sie lachten 
und scherzten um die Wette. Einmal kamen sie 
auch mit Gläsern an das Fenster und tranken 
uns in goldenem Weine zu. Da war es drollig 
anzusehen, wie die kleine glückliche alte Frau einen 
großen Humpen schwenkte und zum Munde führte. 
Sie hatten wohl nur zwei Weingläser und sie hatte 
das größte Glas bescheiden auf sich genommen, 
o, was das betrifft, in dieser Stunde würde das 
frohe Mütterchen mit einem Trinkhorn fertig 
geworden sein, wenn es einer verlangt hätte. Der 
Schreibtisch war bei Seite gerückt worden, und 
der alte Herr saß behaglich am Fenster, eine lang- 
stengelige Zigarre rauchend. Himmel! wie sie ihm 
schmeckte und welche gewaltigen Dampfwolken er 
ausblies, so schwelgt man nur, wenn man über 
allen irdischen Wolken thront, über allen Wolken 
des Lebens. Die Frau nähte unermüdlich, aber 
während ihre Nadel hin und herflog, stand ihre 
Zunge nicht einen Augenblick still, sie war eine 
außerordentliche Frau. Als es Abend wurde 
und der Lärm des Tages unter uns verstummte, 
hörten wir die hellen Stimmen ganz deutlich und 
dazwischen die verrauschenden Klänge einer Guitarre. 
Nachdem der Sohn wieder fortgezogen war, 
nahmen »vir unseren Verkehr wieder auf, aber er 
geriet allmählich in neue Bahnen. Der Erfin 
dungsgeist der beiden Frauen hatte ein Bilder 
rätselspiel künstlich ausgebildet, womit sie sich 
ausgezeichnet verständigten. Mein Frauchen holte 
zum Beispiel den Musikkasten unseres Buben und 
drehte mächtig daran. Der Kasten bedeutete 
natürlich Italien und da wir sonst zu Italien keine 
freundschaftlichen Beziehungen halten, so »neinten 
wir mit dem Lande Italien ein für allemal 
den jungen Künstler, der dort lebte. Dann ergriff 
die alte Dame einen großen struppigen Handbesen 
und vollführte damit einige kühne Bewegungen. 
Das bedeutete selbstverständlich: Nach den neuesten 
Nachrichten malt er ungeheuer fleißig und kommt 
tüchtig vorwärts. Mein Weibchen nickte beifällig 
und hielt darauf einen Geranientopf an ihr Haupt, 
so daß die rauhen grünen Blätter sich an ihr Gold 
haar legten. Das hieß in der Sprache der Menschen: 
In diesem Falle bleibt ihm der Lorbeer sicherlich 
nicht aus, verlassen Sie sich also auf mein Wort. 
Schließlich lachten wir alle herzlich, und dann 
begann ein anderes Spiel, das zumal unseren 
Jungen gewaltig aufregte. Drüben am Fenster 
wurde ein schwarzer Kerl aufgehängt, ein gräß 
licher, schreckenerregender Kobold, es war zum 
fürchten. Aber nun zog man an einem Fädchen 
und der Unhold mußte tanzen und springen, ganz 
wie »vir wollten und so lange es uns beliebte. 
War das eine Lust! G wie tief lagen die Wolken 
unter uns! 
Da drang eines Tages eine Nachricht zu uns, 
die sich wie ein Schatten über unser Herz legte. 
Drüben bei den alten Leuten ist heute große Verstei 
gerung, so erzählte man uns. Wir sprangen 
erschrocken ans Fenster und blickten hinüber. Die 
Zimmer unserer Nachbarn waren voller Leute, es 
ging lebhaft bei ihnen zu. Der alte Herr saß 
am Fenster und hielt den Kopf gestützt, seine Frau 
aber redete eifrig mit den Menschen, die fortwährend 
kamen und gingen. Wir zogen uns bekümmert 
zurück und verhüllten die Fenster, um nichts davon 
zu sehen, aber am späten Nachmittag hielt es uns 
nicht mehr zu Haufe, wir gingen zu ihnen. Es 
war wieder still bei den Leuten geworden, aber 
wie sah es nun bei ihnen aus, wie leer und wüst! 
Der alte Herr stand aus und begrüßte uns mit 
einem wehmütigem Lächeln. 
Sie kommen zu spät, sagte er. 
G nein, rief meine Frau bewegt. Wir wollen 
ja nichts von Ihnen, uns treibt nur die Sorge 
herüber. Wie ist das nur gekommen? Was hat 
das alles zu bedeuten? 
Unsere Nachbarin drückte uns warm die Hand. 
Da ist ja nichts zu sorgen und zu klagen, antwortete 
sie. Uns geht's ja noch nicht wie dem Hasen im 
Monat Dezember, der sich im Schnee die Beine 
erfiiert, wir haben noch genug. Sehen Sie, uns 
beiden Alten war es hier zu enge geworden, wir
	        

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