Volltext: Hessenland (32.1918)

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sernzubleiben. Mehr zufällige Anlässe führen dann 
1814 und 1815 wieder zur Annäherung. Den 
Wunsch Savignys und Clemens', die Brüder an 
der Berliner Universität zu sehen, beantwortet 
Wilhelm in einem Brief an Clemens ablehnend ; 
nur die höchste Not könne sie jetzt von Kassel fort 
bringen, mit 300 Talern Gehalt, die er beziehe, 
könne er fast so viel ausrichten wie dort mit 500: 
„wer gibt mir dort eine so schöne Wohnung wie 
hier *), wo ich ganz still wie auf dem Lande lebe, 
für 40 Thaler? Freilich habe ich sie so wohlfeil, 
weil sie kein Philister brauchen kann." — „Ich habe 
Sie niemals vergessen, vergessen Sie mich auch 
nicht", konnte Wilhelm seinen Brief noch schließen. 
Christtag 1815 kam Jacob von seiner Pariser 
Sendung zurück. Im nächsten Jahre erkrankte 
lArnim, und das wurde Anlaß, daß Wilhelm 
Grimm und Cleinens Brentano, die sich seit 1809 
nicht gesehen hatten, bei dem Freunde in Wiepers- 
dorf zusammentrafen. Brentano aber stand schon 
damals vor der großen Wendung seines Lebens; 
er geriet, wie Arnim später einmal schrieb, „ans 
dem ideellen Zauber der höchsten Liebe aller Reli 
gionen in das grauenvolle Hexenwesen des aus 
gearteten Katholizismus hinein, der im Haß und 
Streit seine Blüten treibt". Er hatte die Absicht, 
auf seiner Rückkehr von Dülmen, wo er die wegen 
ihrer ekstatischen Zustände Aufsehen erregende ge 
wesene Nonne Katharina Emmerich aufsuchte, Kas 
sel zu berühren; aber wie schon Wilhelm Grimm 
geschrieben hatte: „Ob Clemens kommen wird, 
ist mir zweifelhaft, ich habe geglaubt, daß er 
eigentlich keine Teilnahme für uns mehr habe", so 
geschah es. Brentano kam nicht. Ebenso lenkte 
er später an den Kasseler Freunden vorbei. Auch 
sonst gab er den Brüdern zur Verstimmung An 
laß. Sein Umgang mit der Nonne von Dülmen 
wurde von den Freunden milde beurteilt, trotzdem 
er damals mit Nichtkatholiken kaum noch Verkehr 
zu Pflegen wünschte. Von allen Seiten erhielten 
die Brüder Nachrichten über Clemens. Immer 
lebhafter empfanden sie den Abstand in religiösen 
Dingen zwischen sich und Brentano, wie sich auch in 
Politischen Dingen eine Kluft zwischen ihm und 
Arnim aufgetan hatte. Noch 1829 freilich beruft 
*) Schon im Vorjahr waren die Brüder aus der 
Marktgasse in das jetzt vom Provinzialschulkollegium 
bewohnte Wachthaus am Wilhelmshöher Tor verzogen. 
sich Clemens in einem Brief an die Brüder, in 
dem er ihnen einen durchreisenden Pariser Prin 
zenerzieher empfiehlt, auf die Haltbarkeit alter 
Hessenfreundschaft; aber als ihn im Herbst 1831 
Jacob in Frankfurt wiedersieht, ist ihm Brentanos 
Erzählung von der Dülmener Nonne, von der er 
nichts wissen will, höchst peinigend. Seitdem haben 
sich Brentanos und der Brüder Lebenswege nicht 
mehr gekreuzt. 
Nun ist es der Maler und Radierer Ludwig 
Grimm, der jüngste der Brüder — der einst als 
angehender Knnstjünger durch die Familie Bren 
tano Förderung erhalten hatte und durch Cle 
mens seinem verehrten Lehrer, dem Professor- 
Heß in München, zugeführt war — der noch 1834 
und dann auf der Reise nach Venedig 1837 den 
alten Gönner in München aufsucht. All die Jahre 
hatte er ihn nicht gesehen. Als er in sein verwahr 
lostes Stübchen trat, sagte Clemens, den Kops 
nach ihm wendend: „Grüß Gott, Ludwig, setz 
Dich neben mich und mach Dir eine Pfeife an! 
Was nracht der Jacob und der Wilhelm.." In 
dieser Münchener Zeit hat Ludwig auch das beste 
Bildnis gezeichnet, das wir von Brentano besitzen 
und das diesem Band vorgeheftet ist; es zeigt ihn, 
wie er im Kittel an seinem Arbeitstisch zwischen 
Büchern sitzt, zur Rechten ein Kruzifix, links das 
Bild einer Nonne. Die Schilderungen Ludwigs 
über den alten Freund erregten auch das Interesse 
der beiden Brüder, wie denn auch an Clemens'Ohr 
der Ruf ihres wachsenden Ruhms und die Kunde 
von ihrer Göttinger Amtsentlassung drang. Bald 
aber kamen schlimme Nachrichten über seinen Zu 
stand, und am 28. Juli 1842 schreibt Wilhelm 
Grimm lakonisch in sein Tagebuch: „An diesem 
Tage starb Clemens Brentano in Aschasfenburq, 
64 Jahre alt." 
Achim von Arnim, Clemens Brentano, Bettina, 
Jacob und Wilhelm Grimm — alles bedeutende 
Menschen, die aus der deutschen Geistesgeschichte 
nicht auszuschalten sind; ihre Beziehungen zu ein 
ander und zu anderen Zeitgenossen, die sie um- 
gebeüde und fördernde romantische Welt, die gei 
stige Strömung, von der sie getragen wurden, 
das ist es, was uns Reinhold Steig in seinem 
Werk, das dieser Band abschließt, zum Bewußt 
sein gebracht hat, und das für die Geschichte der 
jüngeren Romantik ftir alle Zeit grundlegend blei 
ben wird. Heidelbach.
	        

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