Full text: Hessenland (32.1918)

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scheu Arbeiten Teilnahme bezeigt. Später wurde 
sie Patin bei Wilhelms Töchterchen Auguste und 
hat auch tätigen Anteil an den Märchensammlun 
gen der Brüder genommen. Auch diese Mitarbeit 
hat Steig in einem Anhang des vorliegenden 
Bandes in ihrem Umfang nachgewiesen. 
Clemens Brentano, der nach Verlust von Weib 
und Kind in Fritzlar jene übereilte Ehe mit der 
jugendlichen Auguste Busmann schloß, hatte sich 
1807 mit dieser gleichfalls in Kassel niedergelassen, 
wo er alsbald den Verkehr mit den Grimms wieder 
aufnahm. Kassel, schreibt er an Arnim, sei der 
geeignetste Ort zur Weiterführung des Wunder- 
horn. „Denn ich habe hier zwei sehr liebe, liebe 
altteutsche vertraute Freunde, Grimm genannt, 
welche ich früher für die alte Poesie interessiert 
hatte, und die ich nun nach zwei Jahre langem 
fleißigem, sehr consequentem Studium so gelehrt 
und so reich an Notizen, Erfahrungen und den 
vielseitigsten Ansichten der ganzere romantischer! 
Poesie wiedergefunden habe, daß ich bei ihrer Be 
scheidenheit über den Schatz, den sie besitzen, er 
schrocken bin. Sie wissen bei weitem mehr als 
Tieck vore allere den Snchere, und ihre Frömmigkeit 
ist rührend, mit welcher sie sich alle die gedruckten 
alten Gedichte, die sie aus Armuth reicht kaufen 
konntere, so auch das Heldenbuch und viele Manu 
skripte äußerst zierlich abgeschrieben haben. Ihr 
jüngerer Bruder (Ferdinand), der sehr schön 
schreibt, wird uns die Lieder abschreiben. Sie selbst 
werderr uns alles, was sie besitzen, noch mitteilen, 
und das ist viel! Du rvirst diese trefflichen Men- 
scherr, welche ruhig arbeiten, um einst eine tüchtige 
teutsche poetische Geschichte zu schreiben, sehr lieb 
gewinnen." Ein von Jacob Grimm geleiteter 
Lesezirkel uruschloß damals außer Paul Wigand, 
dem Architekten Engelhard, dem Maler Ruhl und 
Bildhauer Herrsche! auch Bettina Brentano, den 
Kapellmeister Reichardt rnit Faurilie und Achim 
von Arnim, die noch im selben Jahre gleichfalls 
nach.Kassel übergesiedelt waren. Unter lebhafter 
literarischer Teilnahme der Brüder Grimm und 
unter Benutzung ihrer Sammlungen wurde jetzt 
der zrveite und dritte Band des Wunderhorns 
druckfertig, und Ludwig Grimm, urn dessen künst 
lerische Ausbildung sämtliche Brentanos mit Ar 
nim und Savigny bemüht waren und der ja auch 
den von Clemens Brentano modernisierten „Gold 
faden" des alten Jörg Wickrarn rnit 2:1 Kupfern 
zierte, zeichnete die Titelbilder dazu. Bon Kassel 
aus war im November 1807 auch eine Voranzeige 
des Werkes in den gelesensten Zeitschriften Deutsch 
lands veröffentlicht worden. 1808 geht dann Ar 
nim nach Heidelberg, um den Druck des Wunder 
ho ru zu leiten, während die in Kassel zurückgeblie 
benen Freunde die von ihrn seit April 1808 in 
Heidelberg herausgegebene Einsiedlerzeitung mit 
Beiträgen versahen. 
Durch Reichardt war Clemens auch irr nahe 
Berührung mit dem Kasseler Theater gekommen. 
Da seine Ehe sich so unerquicklich gestaltete, daß 
Auguste zu dem mit den Grimms befreundeten 
Pfarrer Manuel in Allendors an der Landsburg 
zog, reiste auch Clemens nach Heidelberg. Doch 
schon Ende 1808 löst sich dort die Freundesgruppe 
auf. Arnim geht nach Berlin, Clemens mit seiner 
jungen Frau nach der bayerischen Hochschule 
Landshut, der neuen Wirkungsstätte Savignys. 
Mer wieder ist ein Zusammenleben der Gatten 
rmmöglich; Auguste kehrt nach Allendors zurück 
Und hat schließlich ihr freudarmes Dasein frei 
willig geendet. 1809 finden wir Clemens mit der 
Familie Reichardt und Wilhelm Grimrn, der Hei 
lung seines Herzleidens sucht, in Halle, rrnd Wil 
helm berichtete über das Zusammensein in einem 
Brief, der Jacobs mangelndes Vertrauen gegen 
Clemens brach, so daß Jacob antwortete: „Wenn 
ich Dich nicht hätte, so gibt es nur ihn und beit 
Savigny, an den ich vertrauen könnte." Nach 
sechswöchentlichem Aufenthalt in Halle fährt Cle 
mens rnit Wilhelm Grimm im September 1809 
nach Berlin zu Arnirn. Wilhelm, der von dort 
seiner Tante Zimmer schreibt: „Berlin ist die 
schönste Stadt, die ich gesehen", macht dort wert 
volle Bekanntschaften, so rnit Charnisso, Schlcier- 
rnacher, Adam Müller, Hitzig, dem Hanauer Ma 
ler Bury und von der Hagen, dem hauptsächlichsten 
Vertreter der älteren deutschen Literatur in Berlin. 
Nur zu rasch strichen die Berliner Wochen dahin; 
während Clemens noch zurückblieb, reiste Wil 
helm schon im November über Weimar, ivo er 
von Goethe liebreich aufgenommen wurde, nach 
Kassel zurück, von wo er den Berliner Freunden 
einen großen Reisebericht sandte. Auch an Luise 
Reichardt gab er eine ergötzliche Schilderung des 
Berliner Bohemelebens. Fast zwei Jahre ver 
bringt Clemens in Berlin und bleibt wie Arnirn 
in stetem Briefwechsel mit den Kasseler Freunden, 
der den munteren Ton des Berliner Zusammen 
lebens beibehält. Schwere Mühe macht es den 
Brüdern, Clemens ein Verzeichnis der von ihm 
in Kassel zurückgelassenen Bücher. aufzustellen. 
Diese Zusammenstellung ist vermutlich die Grund 
lage des Auktionskatalogs von 1819, nach dem 
Brentano seine Sammlung in Berlin versteigern 
ließ. Endlich ist der Katalog fertig, Wilhelm kann 
ihn an Clemens abschicken und schildert dabei die 
gegen Berlin so veränderten Lebensverhältnisse: 
„Hier geht es still zu, wir haben kaunr mit ein 
paar Orgellenten, einem Kirchendiener, der jeder-
	        

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