Full text: Hessenland (32.1918)

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kirche streichen. Nach sechsjähriger Amtstätigkeit in 
Schleswig übernahm er dann in der lutherischen Frei 
kirche in Hannover das Pfarramt Groß-Osingen in der 
Lüneburger Heide, wurde Lehrer und Direktor am 
Predigerseminar zu Kropp bei Schleswig und trat 1892 
in den Dienst der preußischen lutherischen Freikirche als 
Pfarrer in Reinswalde, wo er noch 26 Jahre, seit 1910 
als Superintendent, wirkte. 
Gleichfalls an den Folgen der Grippe verschied am 
30. November zu Kassel der Baugewerkschullehrer a. D. 
Architekt Professor Alfred Schubert. Er wirkte 
13 Jahre lang bis 1911 an der Kasseler Baugewerkschule. 
Schubert war einer der bedeutendsten Praktiker auf dem 
Gebiet des landwirtschaftlichen Bauwesens, schuf mehrere 
hundert Entwürfe zu ländlichen und landwirtschaftlichen 
Gebäuden und Wirtschaftshöfen in Deutschland und gab 
22 Werke über das landwirtschaftliche Bauwesen heraus. 
In Göttingen schied aus Schmerz über die Nieder 
lage des Vaterlandes der dortige Universitätsprofessor 
Geh. Justizrat Dr. Alexander Lei st freiwillig 
aus dem Leben. 1862 zu Jena geboren, dozierte er 
eine Reihe von Jahren in Marburg und wirkte 1895 
bis 1917 in Gießen als Ordinarius und Nachfolger 
von Gustav Kretschmar. Seit 1913 vertrat er die Uni 
versität Gießen in der Ersten Kammer der hessischen 
Stände. 
Generalleutnant z. D. Hugo B e r n d t in Kassel 
wurde am 12 . Dezember durch einen Lastkraftwagen 
so schwer verletzt, daß er bald darauf verschied. Er 
war 1872 zum Leutnant im Kurh. Feldartillerie-Rgt. 
Nr. 11 ernannt worden, wurde 1895 zum Regiments 
stab versetzt und 1897 Major. Nach Abschluß seiner 
militärischen Laufbahn nahm er 1912 seinen Wohnsitz 
wieder in Kassel. 
In Lichtenrade verstarb am 12 ; Dezember die 1857 
zu Darmstadt geborene Malerin und Schriftstellerin 
Hermione v. Preuschen, die Gatitn des Schrift 
stellers Konrad Telmann. Nach großen Auslandsreisen 
gab sie Gedichte, Novellen und Reisebilder heraus und 
malte Stilleben und symbolistische Bilder. Ihre Kunst 
wurzelte in einer phantastischen Modernisierung alt 
indischer Eindrücke. 
Auch der nach kurzer Krankheit verstorbene Direktor 
der Hanauer Oberrealschule Geh. Studienrat Dr. Fer 
dinand Schmidt war schriftstellerisch vielseitig tätig 
und schrieb eine Reihe von pädagogischen Lehrbüchern, 
die zahlreiche Auflagen erlebten. 
Hessische Bücherschau. 
Hessis che Literatur. 
Als zweite Jahresgabe hessischer Künstler gab auch 
diesmal Otto Stückrath seine „Hessen-Hei 
mat 1918" heraus (Marburg, N. G. Elwert. 91 
Seiten. Preis Mark 1.80, in Hess. Original-Einband 
Mark 4.40). Der Band ist mit 40 Bildbeilagen ge 
schmückt, die Wilh. Steinhausen, Heinrich Otto, Hans 
von Kolkmann, Daniel Greiner, Johannes Lippmann, 
Otto Doerbecker st, Peter Halm, Otto Ubbelohde, Ferdi 
nand Koch, Heinrich Giebel, Wilhelm Schefser st u. a. 
beisteuerten. Unter den Dichtern sind Karl Ernst Knodt, 
dessen Andenken dieser Jahrgang gewidmet ist, Neurath, 
Buchmann, Ruppel, Bock, Schwalm, Traudt, Stern 
berg, Bertelmann, Hill, Lang, Helene Christaller, Anna 
Ritter, Helene Brehm, Martha Frohwein und eine 
Reihe bisher unbekannter Beiträger vertreten. An Prosa- 
stücken bringt Fritz Philippi eine packende Skizze, „Der 
Armensarg", Leo Sternberg eine feingeschliffene Erzäh 
lung von der Schönheit, die nicht stirbt, und dem Glück 
der Sekunde, das über tausend Jahre hinaus sein Lächeln 
aus totem Stein in die Menschenherzen strahlt, und 
schließlich Emma Schwab ein recht unbedeutendes Mär 
chen. Auch sonst findet sich noch manches Unreife in dem 
so reichhaltigen Bändchen, aber das Gute überwiegt, 
so daß jeder Leser reichlich auf seine Kosten kommt. 
Den Literatursreund würde sich der Herausgeber, der 
so manchen domo novu 8 hier einführt, zu Dank ver 
pflichten, wenn er in Zukunft diesen Bänden, die 
er wohl zu einer ständigen Erscheinung zu machen ge 
denkt, einen ganz knappen biographischen Teil anhängt. 
— Wie ernst der Herausgeber, Otto Stückrath, 
mit eigenen Sachen genommen sein will, zeigt er in 
seinen dem Volksleben des Westerwaldes entnommenen 
zwölf Skizzen „Unsers Herrgotts Kostgän- 
g e r" (Marburg, Elwert, 1918, 112 Seiten, Preis 
2 .— M). Mit derber Realistik und scharfer Beobach 
tungsgabe werden uns hier allerhand originelle Dorf- 
typen vorgeführt, schlichte, einfache Menschen, deren 
Seelenleben ein wirklicher Dichter und Kenner des bäuer 
lichen Lebens aufgedeckt hat — ein ganz vortreffliches 
Buch. — In der Schilderung des bürgerlichen Klein 
stadtlebens bleibt nach wie vor Alfred Bock ein 
Meister. Seine Kunst, Wirklichkeitsmenschen der hessi 
schen Kleinstadt in ihren folgerecht entwickelten Schick 
salen darzustellen, sein prägnanter Stil, bei dem kein 
Wort zu viel und jedes an seinem Platze steht, seine 
verblüffende Vertrautheit mit dem Volkstum, sein rest 
loses Versenken in das Wesen der bürgerlichen Psyche, 
die plastische Kraft seiner Komposition, das alles find 
Vorzüge, die er auch in seinem neusten Roman „Grete 
Fillunger" (Berlin, Egon Fleische! & Co., 188 
Seiten, Preis 3.50 M.) offenbart. Grete Fillunger, 
die einfache Spenglerstochter, die, gegen allen Klein 
stadtklatsch gefeit, nach harten Erfahrungen doch noch 
über alle Heimsuchungen hinauswächst und mit einem 
Mut, der das Recht nicht beugen läßt, den Weg zum 
Glück findet, ist wieder eine jener Bockschen Schöpfun 
gen, die sich dem erschütterten Leser unvergeßlich ein 
prägen. — Gleichzeitig erschienen von Alfred Bock 
als '64. Band der Handbücherei der deutschen Dichter- 
Gedächtnis-Stiftung die sechs Erzählungen „ Schick - 
salund Schelme" (Hamburg-Großborstel 1918, 144 
Seiten, Preis 2.20 M) mit einer Einleitung von Paul 
Wittko, dem Bildnis des Verfassers und 17 Zeichnungen 
von Otto Ubbelohde. Dieser Band enthält eine Auswahl 
der besten Erzählungen Bocks aus seinen früheren Wer 
ken und sei besonders allen denen empfohlen, denen die 
starke Erzählungskunst dieses hervorragenden hessischen 
Dichters noch unbekannt ist. Wer einmal Bocksche Ge 
stalten liebgewonnen hat, wird auch zu den anderen 
Werken des Dichters greifen und an ihnen erlesenen 
Genuß in stillen Stunden der Muße finden. — Soeben 
erschien noch im Elwertschen Verlag (Marburg) das 
von Dr. R. Strecker herausgegebene „Hessen- 
buch 19 18" (197 Seiten. Preis 3.50 M, geb. 
5.— Mark). Wie die im gleichen Verlag erscheinende 
„ H e s s e n k u n st" auf dem Gebiet der Kunst- und 
Denkmalpflege Heimatkunst pflegen will, so beabsichtigt 
das „Hessenbuch" Proben aus der Feder angesehe 
ner Autoren zu bringen. Sind die meisten der Beiträge 
auch schon anderwärts erschienen, so bleibt eine der 
artige Beispielsammlung zur hessischen Literaturgeschichte
	        

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