Full text: Hessenland (32.1918)

konnten wir am Abend nicht ahnen. Am nächsten 
Morgen riß mich Fuhrmann Salzig, der vom Rhein, 
aus meiner Strohecke, stellte sich, mit den mächtigen 
Händen seine Oberschenkel bearbeitend, breitbeinig 
und unmäßig lachend, vor mich hin und rief: 
„Dunnerschlag, Dunnerschlag! Komm! De 
lachst dich kapott! Uns Gäul hon de ganze Stall 
engetrete!" 
Als ich, vorausrennend) schnurstracks in den 
Hof einbiegen wollte, in dem das Bergvolk seine 
nächtliche Ruhestätte hatte — die aber eigentlich 
keine war — hielt er mich bei der Hausecke 
am Rockzipfel zurück und flüsterte grinsend: 
„Guck' erst emol langsam um's Eck! De lachst 
dich kapott!" 
Trotz dem vorausgesagten unheldenhaften Tod 
tat ich also und lachte und lachte, daß mir die 
Tränen an den Backen herabliefen! Man sah 
nichts, als eine hohe bröcklige Steinmauer, in 
dieser zwei große, ausgezackte Löcher und in diesen, 
aber unbehindert vom harten Gemäuer, die zwei 
mächtigen Hinteren Rückenfortsätze, einen schön 
braunen und einen noch schöneren hellen, unserer 
beiden Gefährten. Und in diesen glänzenden 
Polstern wedelten vergnüglich die beiden lustigen 
Roßschweife von Hans und Liese. 
So haben also die beiden Kerle ihren gepreßten 
Herzen Luft gemacht! Dafür standen sie am 
anderen Tage aber auch ruhig und sittsam im 
Schulzimmer des zerschossenen französischen Örtchens 
und fingen da in der Kinderfibel an, wo die kleinen 
Franzosen aufgehört halten. 
Die kleinen, von Kinderhändchen beschmierten 
Büchlein mit den lustigen Bildchen von Baum 
und Strauch, Hahn, Hof nnd Mist lagen sicher 
noch so auf den Bänken, wie sie die Kleinen in 
den auflegenden Tagen des Auswanderns liegen 
gelassen hatten. Doch die Tintenfässer waren 
eingetrocknet, und das war gut, denn sonst hätte 
die neugierige Liese, die beständig an den dunklen 
Fäßlein rumschnupperte, wohl eine schwarze Nase 
bekommen. 
Ich zwängte mich in Erinnerung an alte, längst 
vergangene Zeiten neben dem dicken Rheinländer 
in eine der Bänke und döste so vor mich hin. — 
Zweiter Nachtrag zu dem Aufsah i 
In der Annahme, daß das Interesse, die 
Leser des „Hessenlandes" dem Aufsatz „Das zweite 
Gesicht in Hessen" (31. Jahrg. Nr. 21/22 und 
23/24) sowie dem Nachtrag dazu (32. Jahrg. Nr. 
9/10) entgegengebracht haben, noch lebendig ist, 
bringe ich hier einen zweiten Nachtrag. Er setzt 
Der Dicke saß natürlich nicht auch in der Bank, 
denn dann wäre sie wohl auch, wie der Stall, 
auseinandergeplatzt, sondern er hockte oben auf 
der Tischplatte und schlänkerte, seine Pfeife schmau 
chend, mit dem Hochbestiefelten Beinwerk in der 
Luft herum. 
Es war trotz dem Geräusch von Lieses und 
Hansens Bankbeknappern und dem zeitweise ein 
setzenden des Pferdefüßgeftampfes so still in der 
Stube, daß man das Summen der noch vorhan 
denen wenigen Fliegen und ihr dumpfes Anprallen 
am Fensterglas hören konnte. Salzigs Franz sagte 
nur manchmal: „Dunnerschlag! Dunnerschlag! 
Ja, ja!" und dann langsam: „Dat sin der Zostännl 
Guck nor emol hin, wie dal hei aussieht! Jetzt 
gihn die Gäul in die Schul onn die Kinner liefe 
im Stall!" 
Die Ställe des Dörfleins, die schon im Frieden 
rechtschaffen baufällig gewesen sein mochten, waren 
natürlich nach der englischen Durchlöcherung für 
die noble Gaulsgesellschaft nicht mehr gut genug. 
Nur die Feldgrauen lagen oft drinnen neben den 
nach und nach zurückgekehrten Frauen und Kindern 
des Feindes, denen sie ihr traurig' Los, so gut sie 
es vermochten, erleichterten! Am sichersten zwar 
saß man im Keller, doch nicht luftig genug. 
Die Zeit des Abschieds von meinen drei Freun 
den war herangekommen. Sn aller Morgenfrühe 
mußte ich meine Wanderung antreten. Als ich 
meinem treuen Wagengefährten die Hand gegeben 
hatte und dann dem lieben Hans mein letztes 
Zuckerstückchen zuschob, legte Liese zutraulich ihr 
warmes Gesicht an meine rauhbärtige Wange. 
Sie hätte sicherlich gerne etwas gesagt, wenn sie 
hätte reden können. 
Dann bin ich, oft zurückschauend, in den kleinen 
schmierigen Feldweg eingebogen und zwischen den 
alten, halb verschütteten Schützengräben, zerbroche 
nen Wagenteilen, Uniformfetzen und den kleinen 
stillen, blumengeschmückten Grabhügeln hindurch 
zur Ruhestellung der Frontkameraden und in der 
Nacht darauf mit diesen in den vordersten, nur 
wenige Meter von den Engländern entfernten. 
Graben gegangen. 
er „Das zweite Gesicht in Hessen". 
sich zusammen aus zwei Zusendungen (1 u. 2) und 
der schriftlichen Fassung neuerer mündlicher Mit 
teilungen über den im Hauptaufsatz erwähnten 
„Totenfeher" Johann Conrad Runzheimer ge 
nannt der „Hirtchannkurt" zu Holzhausen bei Fron 
hausen (Lahn).
	        

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