Full text: Hessenland (32.1918)

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Friedrich Scheel. 
Zu seinem 100. Geburtstage. 
Hundert Jahre waren an, 20. November ver 
strichen, seit der Buchdruckereibesitzer Fried 
rich Scheel in Kassel geboren wurde. Mit 
Ausnahme der Nummern des ersten Halbjahres 
ist das von Ferdinand Zwenger ins Leben ge 
rufene „Hessenland" seit seinem ersten Jahrgang 
(1888) in der von Scheel begründeten Buchdruckerei 
hergestellt worden, und als die Verbreitung der 
Zeitschrift in den ersten Jahren nicht den erwar 
teten Umfang erreichte, da wurde ihre Fortführung 
im wesentlichen durch Scheels Unterstützung er 
möglicht, der mit Beginn des Jahres 1890 auch 
den Verlag übernahm. Ferdinand Zwenger hat 
Scheel im Jahrgang 1892 des „Hessenland" einen 
ausführlichen Nachruf' gewidmet. 
Nach Zwengers Tod im Jahre 
1894 ging das „Hessenland" ganz 
in das Eigentum der Firma Friedr. 
Scheel über. 
Nach dem Besuch der Kasseler 
Bürgerschule trat Scheel in die Ho- 
topsche Offizin in Kassel ein, war 
dann in Leipzig und später bei 
Vieweg in Braunschweig beschäftigt 
und wurde hierauf Faktor in der 
Druckerei des von dem Schriftsteller 
Bertuch, dem Freunde Goethes, 
1791 gegründeten Landes-Indu 
strie-Kontors in Weimar, eines an 
gesehenen Bücherverlags, dem spä 
ter auch ein geographisches In 
stitut, an dem Dr. Heinrich Kie 
pert als Kartograph wirkte, ange 
gliedert wurde. Scheel verbrachte 
hier glückliche Jahre und verlobte 
sich mit der Tochter des Buch 
händlers Förster, des buchhändleri 
schen Leiters des Landes-Jndustrie- 
5riedrich Scheel. 
Kontors. Als das Jahr 1848 für Kurhessen die 
Preßfreiheit brachte und den Konzessionszwang 
beseitigte, beschloß Scheel, in Kassel eine eigene 
Druckerei zu gründen. Diese befand sich in dem 
selben Haus, in dem Dr. Friedrich Oetker, der 
Herausgeber der konstitutionellen „Neuen Hessi 
schen Zeitung" wohnte, die sich unter dem März 
ministerium Eberhard einer großen Verbreitung 
erfreute, und Oetker übertrug Scheel Anfang 1849 
den Druck des Blattes. Gerade damals aber 
wandte sich die Reaktion uöter dem wieder ans 
Ruder gekommenen Hassenpflug gegen die freie 
Presse. Hassenpflug verhängte den Kriegszustand 
über Kurhessen und machte die Herausgabe von 
Zeitungen politischen Inhaltes von der Geneh 
migung des Ministeriums des Innern abhängig. 
Am 7. September 1851 betrat ein Sergeant vom 
Leibregiment mit zwei Musketieren die Druckerei, 
um etwa vorhandene Zeitungen und die Pressen 
zu beschlagnahmen, ein Vorgang, der sich in den 
nächsten Tagen noch verschiedene Male wieder 
holte. Der Verfassungskampf nahm inzwischen 
seinen Fortgang. Nach dem Abschied des Generals 
Bauer ging der neue Oberbefehlshaber, General 
leutnant von Haynau, erneut gegen die Druckerei 
vor, trotzdem das Gericht die Wegnahme von 
Zeitungen als eine Ungesetzlichkeit bezeichnet hatte. 
Am 4. Oktober erbrachen etwa 12 Gardedukorps 
unter Führung eines Premierleutnants, des 
Schwiegersohnes Haynaus, die Druckerei mit Ge 
walt; Oetker, der Scheel zu Hilfe eilte, wurde ins 
Kastell abgeführt und dort einige Wochen festge 
halten, Scheel aber wurde eröff 
net, daß er weiter arbeiten lassen 
könne, aber keine Zeitungen mehr 
drucken dürfe. Trotzdem die Ar 
beitsräume auch an den folgenden 
Tagen ständig von Soldaten be 
setzt blieben/ gelang es, den Zei 
tungssatz zu bewirken und in Kör 
ben zu einem Tabaksfabrikanten in 
der Altstadt zu schaffen, wo er teils 
auf einer sonst nur Tabaksbeutel 
liefernden Holzpresse abgezogen, 
teils mit einer Bürste abgeklopft 
wurde. Vom 9. Oktober an. er 
schien die Zeitung in der Gothaer 
Hofbuchdruckerei, aber schon am 
80. Oktober konnte das Organ 
J der verfassungstreuen Partei wieder 
ungehindert in Kassel gedruckt wer 
den. Mit dein Einrücken des 
österreichisch - bayerischen Bundes- 
exekutionskorps war der Ver 
fassungskampf begraben, und die 
Zeitung hörte nach ^/ffährigem 
Bestehen aus zu erscheinen. Das vorteilhafte An 
sinnen, eine Zeitung in österreichischem Sinne 
herauszugeben, lehnte Scheel mit der Begründung 
ab, er könne sich nicht von gestern auf heute mit 
seiner Überzeugung auf den Kopf stellen. Die Ar 
beit der Druckerei blieb fast nur auf die Quartier 
zettel für die Exekutionstruppen beschränkt. Die 
Verfolgungen hörten indes nicht auf. Am 2. Juli 
1853 fand in der Scheelschen Druckerei eine mehr 
stündige ergebnislose Haussuchung nach revolutio 
nären Schriften statt. Jnr Dezember 1854 erhielt 
Scheel auf Grund des neuen Bundespreßgesetzes 
mit drei anderen Kasseler Buchdruckern die Mit 
teilung, daß ihnen die Erlaubnis zu drucken ent 
zogen sei, und nur durch Vermittlung des Ge 
neraladjutanten von Eschwege beim Kurfürsten 
wurde für ihn nach einigen Wochen das Verbot 
widerruflich zurückgezogen. Jin Verein mit an-
	        

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