Full text: Hessenland (32.1918)

und zum Dorfe hinaus. Unter der dunkeln Fels 
wand begegnete mir ein Mann zum Troste. Aber 
von den fernabhallenden Schritten zehrte ich nicht 
lange, es kam der weit übersehbare Talweg mit 
seinen Nachtgeheimnissen und Rätseln. Die Erlen 
und Weiden, die dem Flusse Geleit gaben, nahmen 
im fahlen Mondlicht schreckhafte Gestalten an, die 
mit drohender Bewegung mir nah zu rücken schienen. 
Die schwarze Dornhecke, dahinter der alte Lange 
dem Juden aufgelauert, ließ ich nicht aus den 
Augen. Ich nahm mir vor, nicht an die schaurige 
Geschichte zu denken. Aber da stand der alte 
Sawel plötzlich ohne Kopf mitten im Weg, hielt 
mit mir Schritt bis zum Grenzstein und setzte sich 
darauf. Ich spürte deutlich, wie sich mir die Haare 
zu Berge stellten, starrte unausgesetzt auf den Stein, 
bis ich vorbei war, raste, von Angst getrieben, eine 
Strecke fort, um rückwärts schauend mich zu über 
zeugen, ob das Gespenst mir nicht folge. 
Nun mußte ich noch an dem Stück Land vorbei, 
darauf der Hanjürgen mißt, der bei Lebzeiten 
dem Nachbar manche Furche abgeackert hat und 
nun im Grabe keine Ruhe findet. Aber Mitter 
nacht war ja noch weit, tröstete ich mich, und 
Vetter Hanjürgen ließ mich in Ruh. Eine Weg 
biegung, und die Hügel der Lust tauchten still und 
stolz am Nachthimmel auf. 
Der Kantor aus der Liebenau war schuld, daß 
mein Kalif Gestalt gewann. Aus dem Walde 
droben, bedünkte mich, müsse er geschritten kommen. 
Und plötzlich stand er da, leibhaftig und spindel 
dürr. Dort lehnte er sich an einen jungen Baum, 
mir auflauernd. Wie sein eckiger Kopf hin und 
her wackelte! 
Ich mußte vorbei und konnte nicht aus der 
Stelle. Den Lichtern des Dorfes nahe, überlegte 
ich einen Umweg, aber da geriet ich an den Fluß. 
Bange sah ich mich um. Da wurden hinter mir 
Tritte laut, wirkliche Männertritte. Zu meiner 
Freude erkannte ich den langen Matches, der vom 
Handel kam. 
„Na Junge, du wartest wohl auf mich?" 
„Da steht einer!" 
„Ach was!" Das sagte er mit einer göttlichen 
Gewißheit, die mir das letzte Bangen nahm, und 
riß mich mit. Und siehe da, seine mutigen Hände 
nahmen dem Winde und den Dornen ein Papier 
ab, um das sich die beiden gestritten. 
Aber der Kalif war es doch gewesen, soviel 
erkannte ich in der Dunkelheit, denn ich hielt ein 
Notenblatt in den Händen. 
„Sieh an," sagte nun der Matthes, und griff in 
seinen Mantel, „dann gehört dir am End' gar dieses 
Blatt auch? Ich fand es da unten an der Straße." 
So trug ich denn glücklich den Kalifen von Bag 
dad, wenn auch ein wenig beschädigt, wieder heim. 
Die liebe lange Nacht saß ich im Schlitten, und 
der ihn zog, warf seine roten Storchbeine tüchtig 
durcheinander, und die blauen Rockschöße flogen. 
Der dicke Mehlbeutel saß neben mir und drängle 
mich vom Schlitten. Das tat einen Schlag, als 
ich in den Schnee fiel! Und dabei erwachte ich. 
Warum wir Dreiundachtziger 
So stolz mögen sein? 
Wir liefen mit Emmich 
Zu Lüttich hinein. 
Die Bomben, Granaten, 
Die Spieße, die Spaten 
War all unsre Zier, — t 
Dreiundachtziger sind wir! 
Warum wir Dreiundachtziger 
So stolz mögen sein? 
Wir zogen mit Scheffer 
Zu Warschau hinein. 
Marschierten durch Polen, 
Zum Teufel die Sohlen, 
Ghn' Wein und ohn' Bier, — 
Dreiundachtziger sind wir! 
Warum wir Dreiundachtziger 
So stolz mögen sein? 
Wir stießen wie Löwen 
Zu Frankreich hinein. 
Dann ging es zurücke 
Die rheinische Brücke 
Ins deutsche Quartier, — 
Dreiundachtziger sind wir! 
Kassel. 
Warum wir Dreiundachtziger 
So stolz mögen sein? 
Wir nahmen Rumänien 
Mit Mackensen ein. 
Bei Maiskorn und Bohnen, 
Da ließ sich gut wohnen 
Trotz bissigem Getier, — 
Dreiundachtziger sind wir! 
Warum wir Dreiundachtziger 
So stolz mögen sein? 
Wir tranken vorn roten 
Italienschen Wein. 
Isonzo, Piave — 
Wir nahmen's im Trabe 
Aus Lust und Plaisier, — 
Dreiundachtziger sind wir! 
Warum wir Dreiundachtziger 
So stolz mögen sein? 
Wir zogen als Sieger 
Zu Kassel hinein. 
Mein Schatz lacht von ferne, 
Da leuchten die Sterne. 
Wir rufen allhier: 
Dreiundachtziger sind wir! 
Heinrich Bertelmann. 
Dreiundachtziger. 
Warum wir Dreiundachtziger 
So stolz mögen sein? 
Wir brachen mit Oesterreich 
Ins Karpathenholz ein. 
Da winkten ohn' Ende 
Die russischen Hände 
Zu unserm Plaisier, — 
Dreiundachtziger sind wir! 
Warum wir Dreiundachtziger 
So stolz mögen sein? 
Wir sprang'n über die Donau 
Zu Belgrad hinein 
Ghn' Steg und ohn' Brücken, 
Die Trauben zu pflücken 
Im serb'schen Quartier, — 
Dreiundachtziger sind wir!
	        

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