Full text: Hessenland (32.1918)

170 
ich ulich auf die freundliche yJittiuirfuui] des 
Glockengießermeisters Herrn Radler zu Hildesheim 
lind des Herrn Professors Dr. Brandt zu Göttingen 
beziehen darf. Das Gelaicht der Glocken ist oben 
bereits angegeben. 
Die größte Glocke hat einen Durchmesser von 
1,41 m und hat den Hauptton 1), die kleinere hat 
einen Durchmesser von 1,01 m und gibt den Ton 
B an, beide Glocken bilden somit die Sexte zuein 
ander. 
Die größte Glocke ist eine sehr alte, sie wird 
von Sachkennern bis ins 13. Jahrhundert hinaus 
gesetzt, während allerdings von anderer Seite ihr 
Alter wicht ganz so hoch geschätzt wird. Ihre 
Inschrift ist sehr mangelhaft, sie enthält verschie 
dene Schreibfehler, zum Teil sind beim Guß eine 
Anzahl der auf dem Modell aufgesetzten Buch 
staben abgefallen oder verschoben. Soweit man 
die Inschrift der Glocke überhaupt entziffern kann, 
dürfte sie folgendermaßen lauten: 
Dulce Jesu nocturnas extinque flammas. 
Hujus Christe soni virtute tonitrua seda, un- 
dique rura monasterii rogo tuta. 
Danach muß man annehnum, daß die Glocke 
als Feuerglocke gegossen war, deren Geläute die 
zur Nachtzeit ausbrechenden und darum besonders 
gefährlichen Fenersbrünste zn dämpfen, auch! auf 
steigende Gewitter durch ihren Klang unschädlich 
mache» sollte. Wo und für welche istrche die 
Orlocke gegossen ist, entzieht sich unserer Kenntnis. 
Die kleine Glocke ist für die Georgenkirche von 
dem Hildesheimer Glockengießer Christoph 
A u g u st Becker, dein Gliede einer geschätzten 
Glockengießerfamilie, 1757 gegossen. Sie trug fol 
gende Inschrift: 
Herr Johann Julius Melchior Bortmann 
Pastor, Herr R: Johann Heinrich Goeslina, H: 
Lucast Justahl, H: Ludolph Conrad Rurhosf. 
H: Just. Georg Müller. Provisores. Si Deum 
canimus, cantu nil suavius illo, Si Deum 
loquimur, verbis nil dulcius illis. 
Unter dieser Inschrift ist auf der einen Seite 
Christus am Kreuze, auf der andern Seite St. 
Georg, den Drachen tötend, dargestellt. Außerdem 
sind vier Mdrücke alter Taler vorhanden. Weiter 
unten steht: 
Me lecit Christoph August Becker anno 1757. 
Ich schließe diese Mitteilungen mit der Berich 
tigung, daß ich in meinem Buche „Hildesheim und 
Goslar" (Leipzig bei E. A. Seemann 1904) nach 
einer mir früher zugegangenen mündlichen Über 
lieferung gesagt hatte, die Glocken der Elisabeth- 
kirche stammten von der 1809 gleichfalls aufge 
hobenen, 1854 wieder dem (Gottesdienst über 
gebenen Michaeliskirche zu Hildesheim, eine An 
gabe, die nach dem hier Gesagten nicht aufrecht 
zu halten ist. 
Vom Königlichen Hofihealer. 
R i ch a r d D e h m e l steht unter unsern Lyrikern 
zweifellos in erster Reihe. Nicht für das lebendige 
Empfinden des Volkes, dem er fast ein Fremder ge 
blieben ist. Denn was er fühlt, >vas er — mit sich in 
tiefster Seele ringend — schaut und gestaltet, liegt den 
natürlich empfindenden Massen fern. Er 'ist als Poet 
zugleich ein Seher, und er mag sich noch so sehr gegen 
feine Bezeichnung als Mystiker wenden, man wird — bei 
seinem starken metaphysischen Einschlag, trotz aller freu 
digen Lebensbejahung — in vielen seiner Werke 
machtvolle mystische Züge immer wieder hervortreten 
fühlen. Er wandelt seine eigene Straße, und seltsam 
mutet uns manches in seinem Gedanken- und Gefühls 
leben an. Wenn er von Nietzsche sagt: „Er ist ein 
zweifelnder Zergliederer gewohnter Seelenregungen, ich 
bin ein gläubiger Zusammengliederer ungewohnter" — 
so ist das letztere subjektiv zweifellos richtig. Nur, — 
dem, der seine Werke mit ehrlicher Anteilnahme und 
immer wieder durchbrechender Bewunderung liest, wird 
das „Ungewohnte" stärker fühlbar, als das „Zusammen 
gliedern". Er hat das seltsam anmutende Geschick gehabt, 
daß der konsequente Realismus, der den gewohnten 
Vers verabscheute, ihn auf den, Schild erhob, daß 
Liliencron, der dieser Richtung immer mehr sich ge 
nähert hatte, ihn für den berufensten Vertreter unserer 
Gegenwart erklärte. Daß das gerade ihm, der so oft 
als Symbolist, als mystisch sinnender Sentimentaler 
erscheint, begegnen konnte, wäre unbegreiflich, wüßte man 
nicht, wie leicht eine geistige Strömung, die, ins Extreme 
geraten, nicht weiter kann, in ihr Gegenteil umschlägt. 
Auch im Drama hat sich Dehmel mehrfach versucht. 
Bor fast einem Bierteljahrhundert schrieb er die Dra- 
inen „Der Mitmensch" und „Lucifer", dann eine po 
litische Satire „Michel Michael". Die Bühne sich zu 
erobern vermochte er nicht. Nicht einmal als dauernder 
Gast konnte er sich auf ihr behaupten. Und doch hat 
er über „Tragik und Drama" eingehende Untersuchun 
gen angestellt. Aus ihnen und seinen Stücken aber er 
kennen wir immer wieder seine — Theaterfremdheit. 
Für die Erfordernisse der Bühne, für ihre gerechten und 
ästhetisch gerechtfertigten Ansprüche ist er nicht zu haben. 
Und so wird denn auch die Neuheit, die als erste in 
dieser Spielzeit das Hoftheater brachte, D e h m e l s 
„Menschenfreunde", sich schwerlich im Spielplan 
der deutschen Bühnen halten können. 
Diese Theaterfremdheit spricht sich schon in manchem 
Äußerlichen des Stückes aus. Der „Held" des Dramas, 
der dem Publikum alle drei Akte unaufhörlich vor Augen 
ist und sehr viel zu reden hat >— geschehen tut herzlich 
wenig und die Szene, die dramatisch wirksam gewesen 
wäre und künstlerisch hätte ausgestaltet werden können: 
eine Gerichtsverhandlung, spielt sich im Zwischenakt 
ab ■—, dieser „Held" .... stottert. Alle Akte bauen 
sich gleichmäßig auf. Dieselben Leute erscheinen in der 
selben Reihenfolge, und die Reden der meisten unter 
scheiden sich in den einzelnen Akten wenig voneinander.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.