Full text: Hessenland (32.1918)

daß seines Wissens noch kein Pfarrer angenommen 
sei, aber sowohl am vergangenen wie am selben 
Sonntag hätte ein Pfarrer aus dem Herzberg ge 
predigt. Der eine sei von Hersfeld, der andere 
sei bisher in Blankenheim oder Mecklar Pfarrer 
gewesen. Inzwischen war auch der Sohn des 
Heimbürgen, Velten Wettlanfer, hinzugekommen. 
Um weitere unheilvolle Bemerkungen seines Va 
ters unmöglich zu machen, schickte er ihn mit ben 
Worten ins Haus: „Vater, Ihr seid voll. Legt 
Euch schlafen!" und hieß dann den Schultheißen 
höflich willkominen. Dieser wollte nun noch wissen, 
ob bisher die Junker oder die Gemeinde in 
Breitenbach die Pfarrer bestellt hätten. Aus diese 
Frage konnte der hinzugekommene Velten die Ant 
wort geben, daß bisher die Junker die Pfarrbe- 
stellung ausgeübt. Aber offenbar war auch Velten 
in seiner Artung von seinem Vater nicht sehr 
verschieden. Er konnte die spitze Bemerkung nicht 
unterdrücken, wen ihnen die Junker zum Pfarrer 
gesetzt hätten, der wäre ihnen auch gut gewesen. 
Mir scheint es aber beinahe, als wäre Velten 
Wettlaufer über die Art der damaligen Pfarrbe- 
setzung nicht recht unterrichtet gewesen. Es war 
vielleicht doch kein Zufall, daß an diesem Sonn 
tag, da ein Pfarrer auf dem Herzberg seine 
Probepredigt hielt, der Opfermann Widekindt und 
noch ein anderer Breitenbacher Einwohner, Hans 
Mosbach, auf dem Herzberg frei den Junkern 
waren. Vielleicht räumten diese in damaliger Zeit 
der Gemeinde ein gewisses Mitwirkungsrecht bei 
der Pfarrbestellung ein. Doch das läßt sich nicht 
mehr entscheiden. 
Wir können uns die sonntägliche Szene vor dem 
Wirtshaus noch recht lebendig ausmalen. Der 
Schultheiß hatte sich auf ein „dischelgen“ gesetzt, 
sein Schwert auf die Knie gelegt, eine Schreibtasel 
hervorgezogen und notierte nun die Aussagen von 
Speckheinz und Velten Wettlaufer. Dazu hatten 
sich noch einige Neugierige eingefunden. Einer, 
Landmichel, hatte es sich auf einem Holzklotz be 
quem gemacht. Der lahme Gerlachs Heun hinkte 
hinzu und fand auf bem Klotz auch noch ein Plätz 
chen. Mer auch bei den Gästen in der Wirtsstube 
war der Vorgang draußen nicht unbeobachtet ge 
blieben. Unglücklicherweise war unter ihnen ein 
Reitknecht des Junkers Johann Adrian von Dörn 
berg, der beim Zechen mit zwei Schustern von Als 
feld und dem Bender Enders von Grebenau schon 
gehörig mutig geworden war. Hans Waldecker, 
so hieß er, fühlte sich nun berufen, für seine Junker 
einzutreten. So lief er in Hosen und Wams aus 
der Stube, pflanzte sich patzig vor dem Schultheißen 
auf und blickte ihm in die Schreibtafel. Als ihn 
der Schultheiß wohl etwas höhnisch fragte, ob er 
denn lesen könne, gab er die freche Antwort: „Was 
geht das dich an, du Hundssott? Was hast du 
in meiner Junker Dorf zu suchen?" Was half es 
dem Bezechten gegenüber, daß ihm der Schultheiß 
bedeutete, er sei in des Landgrafen Auftrag hier. 
Und als ihm des Schultheißen Knecht die Büchse 
unter die Nase hielt und der Schultheiß selber nach 
seinem Schwert griff, war es vollends um die 
Besinnung Reitknecht Hansens geschehen. Glück 
licherweise trug er keine Waffe in der Scheide. 
Aber er stürzte ins Haus und erwischte eine Axt. 
Speckheinz und Velten Wettlaufer, die ihm ins 
Haus gefolgt waren, konnten sie ihm noch ent 
winden. Nochmals springt der Reitknecht in die 
Wirtsstube und bekommt die Wehr eines Gastes 
in die Hand. Aber er wird wieder aufgehalten und 
auch diese Waffe ihm abgenommen. Nun stürzt 
er ohne Waffe vor die Tür. Inzwischen waren die 
beiden Landgräflichen wieder aufgesessen und ritten 
das Dorf hinauf. Der Reitknecht hinter ihnen 
her mit dem Ruf: „beidett!“ (wartet!) Hinter 
dem Reichtknecht liefen^ wieder Landmichel und 
Speckheinz her und mahnten ihn: „Hans, wend 
um! Tu's nicht! Es sind des Landgrafen Diener." 
Ebenso bemühten sich die Zechkumpane des Reit 
knechts, die Schuster von Msfeld, ihn einzu 
holen und von seinem Vorhaben abzubringen. 
B alz er Lauffer aber kam in der Aussicht auf eine 
schöne Sonntagsrauferei mit einem Zaunpfahl in 
der Hand hinter den Gärten hervor. Als er freilich 
von Henn Ruppel, der Nachbarm Flurschütz, die 
Namen der Reiter erfuhr, meinte er verständiger 
weise: „Das sind des Landgrafen Leute. Die 
wollen wir zufrieden lassen." Diese ritten jetzt 
den Weg zum langen Loh hinauf, der Reitknecht 
noch immer hinter ihnen her. Da wendet sich des 
Schultheißen Knecht und schießt seine Büchse auf 
ihn ab. Der Reitknecht, obwohl nicht getroffen, 
fällt auf den Rücken und streckt die Beine in die 
Höhe. Freilich weiß derjenige, der diese Szene 
schildert, nicht, ob vor Schrecken oder aus Schalk 
heit. Jedenfalls hält er es nun für geraten, seine 
Verfolgung aufzugeben. Er schlägt sich seitwärts 
vom Wege ab, dem Herzberg zu. 
Wir würden von diesem ganzen Ereignis heute 
nichts mehr wissen, wenn nicht der Landgraf Wil 
helm IV. in dem Benehmen der Breitenbacher 
und des Dörnbergschen Dieners einen neuen Be 
weis der widerspenstigen Gesinnung gesehen hätte, 
die von den Adligen in ihren Gebieten gegen die 
Landesherrschaft genährt wurde. Er ließ deshalb 
die Angelegenheit verfolgen, und aus den Schrift 
stücken, die sich daraus ergaben und die im Mar- 
burger Staatsarchiv (Ortsrepositur Breitenbach am 
Herzberg) aufbewahrt sind, schöpfen wir unsere
	        

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