Full text: Hessenland (32.1918)

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ist still geworden in den Gassen, die Wächter der öffent 
lichen Ordnung haben ruhige Zeiten bekommen und die 
Stadtkasse schlechte, denn der Posten der Strafgelder für 
nächtliche Ruhestörungen, die für die Stadt immer eine 
gar nicht unerhebliche Einnahme bildeten, hat eine 
starke Einbuße erfahren. Die Stadtmusikanten haben 
sich beizeiten nach einer anderen Beschäftigung umtun 
müssen, dieweil die Tage der Fäßchenpartien einer längst 
entschwundenen Vergangenheit angehören. Ja diese 
Fäßchenpartien! Sie waren eine Marburger Eigen 
tümlichkeit, und im Sommer verging kein Tag, wo nicht 
die eine oder die andere Korporation, eine Musikkapelle 
an der Spitze, nach der Schäferb-uche, der Weintrauts 
eiche oder dem Dammelsberg gezogen wäre zu einem 
Gelage, bec dem man Gast und Wirt zu gleicher Zeit 
war. Am späten Abend, wenn die Fässer geleert waren, 
kehrte die jugendliche Schar im Zug der Fackeln mit 
Musik und Gesang nach der Stadt zurück, wo frischer 
Stoff der Zecher harrte. 
Und dann die Fuchsenschokoladen! Das ist auch so ein 
Brauch, wie er nur in solch liebem alten Nest gedeihen 
kann. Da versammelte man sich zu einer für studentische 
Begriffe unerhört frühen Morgenstunde auf dem Markt 
platz, um sich an gedeckten Tischen Schokolade und 
Kuchen munden zu lassen. Das fröhliche Treiben in 
dem Rahmen des historischen Marktplatzes, die bunten 
Farben der Kneipjacken und Mützen und der Tücher sund 
Mieder der oberhessischen Landmädchen, die originelle 
Tracht der Schwälmerinnen — das alles gab ein gar 
lustiges Bild, unvergeßlich jedem, der es einmal genossen 
hat. Und erst die studentische Maifeier! Da hat einmal, 
es sind schon fast hundert Jahre her, ein Fuchs vom 
Korps Hasso-Nassovia an einem milden Vorabend des 
ersten Maitages den Korpsbrüdern einen ausnahmsweise 
guten Einfall — Füchse haben gewöhnlich nur fade 
Einfälle — mitgeteilt, wie man die Ankunft des Wonne 
monds würdig feiern und den Philistern gleichzeitig eine 
nächtliche Überraschung bereiten könne. Seitdem wieder 
holt diese Maifeier sich Jahr um Jahr. In der zwölften 
Stunde der Walpurgisnacht erscheint nämlich im Schmuck 
seiner grünen Farben, jeder ein gefülltes Seidel in der 
Rechten, das Korps Hasso-Nassovia in feierlich-stillem 
Zug auf dem Marktplatz. Ein Kreis wird gebildet 
und wenn die Rathausuhr zum Schlag der zwölften 
Stunde aushebt und der Hahn auf dem Rathausdach 
sein erstes Kikiriki erschallen läßt, ertönt durch die schla 
fende Stadt der Gesang des Mailicdes. Ist die letzte 
Strophe verklungen, dann steigt, den jungen Mai zu 
ehren, ein „feuriger Salamander" und still wie er ge 
kommen, verliert sich der Zug in den dunklen Gassen. 
Auch bei den anderen Korporationen hat der alte (Brauch 
längst Nachahmung gefunden. Seitdem leuchten in dieser 
Nacht Freudenfeuer vom Gipfel des Schloßberges, und 
von allen Höhen rings um die Stadt ertönt die Weise 
des Mailiedes aus Tausenden junger Kehlen. 
So war es im Frieden. In den letzten Jahren ist 
es immer stiller geworden in den engen Gassen, und 
nur manchmal zur Nachtzeit klingt es darin wie von ver 
schollenen Burschenliedern. Wenn aber der Mai ins 
Land zieht, wird die Erinnerung manches feldgrauen 
Musensohnes zu der alten Stadt an der Lahn wan 
dern, die ihren Dornröschenschlaf schläft unter dem 
Grün ihrer Wälder und dem Duft ihrer blühenden Gär 
ten — bis neuer Friede sie zu neuem Leben wecken wird. 
Aus Heimat und fremde. 
Hessischer G e s ch i ch t s v e r e i n. Der Mar 
burger Verein unternahm am 19. Juli einen Aus 
flug über sdie hessendarmstädtische Grenze nach dem 
Städtchen Staufenberg. Im Rittersaale der Unter 
burg berichtete Archivrat Dr. K n e t s ch über die 
wechselreiche Geschichte der 1233 zuerst urkundlich ge 
nannten oberen Burg, die 1647 zerstört wurde und 
seitdem verfiel, bis 1844 einiges zur Erhaltung der 
Trümmer geschah. Die Unterburg, in ihrer heutigen 
Gestalt durch Friedrich von Rolshausen errichtet, war 
um 1780 im Besitz eines Pfarrers Busch, dessen Erben 
sie 1801 auf Abbruch verkauften. 1858 ging die Ruine 
in den Besitz der darmstädtischen Prinzen Ludwig und 
Heinrich über, die die Burg durch Professor v. Ritgen 
wiederherstellen ließen. Der Vortragende verweilte 
besonders bet den merkwürdigen Geschicken des Neffen 
des Erbauers, des tapferen Reiterobcrsten und Kasseler 
Hofmarschalls Friedrich v. Rolshausen, des Erbauers 
von Friedelhausen („Klein-Frankreich"), 1564. Vom 
Staufenberg stieg man hinab nach K i r ch b e r g zur 
Besichtigung der schöngewölbten zweischiffigen Kirche 
und fuhr sodann über Lollar nach Marburg zurück. 
H o ch s ch u l n a ch r i ch t e n. Marburg : Für das 
Amtsjahr 1918/19 wurde der Direktor der chirurgischen 
Klinik Geh. Med.-Rat Prof. Dr. König, ein geborener 
Hanauer, zum Rektor gewählt. Dekane sind: Theol. 
Fakultät: Konsistorialrat Prof. D. Born Häuser; 
Jur. Fakultät: Geh. Justizrat Pros. Dr. Apr d r e ; 
Med. Fakultät: Prof. Dr. Zangemeister; Phi 
losophische Fakultät: Prof. Dr. S ch u l z e - I e n a. 
Geh. Rat Prof. Dr. T r o e l t s ch wurde in die Uni 
versitätsdeputation gewählt. — Prof. Dr. jur, Mar 
tin Wolfs, der Nachfolger Prof. Heymanns seit 
1914, nahm einen Ruf an die Universität Bonn an. 
— Dem Privatdozenten für Geburtshilfe und Gynä 
kologie Dr. Fr. K i r st e i n wurde der Titel Pro 
fessor verliehen. — Anläßlich ihrer 50 jährigen Doktor 
jubiläen erneuerte die philosophische Fakultät dem Pro 
fessor Dr. Ludwig F r e y t a g in Bremen und die 
Medizinische Fakultät dem Geh. Med.-Rat Adolf 
Albert in Meisenheim die Doktordiplome. — Vom 
4. bis 8 . August fand hier die 9. Mitgliederversamm 
lung des seit 1906 bestehenden Verbandes der Studen- 
Unnenvereine Deutschlands statt. Gegenstand der Be 
ratungen bildeten neben inneren Verbandsangelegeu- 
heiten die Gründung eines deutschen Studententages 
und die Hilfsdiensttätigkeit der Studentinnen. — Am 30. 
und 31. Julr beging die Marburger Burschenschaft 
Germania die Feier ihres 50 jährigen Bestehens. — 
Gießen: Zum Rektor der Universität wurde der 
Direktor des Anatomischen Instituts Geh. Med.-Rat 
Dr. Hans Strahl gewühlt, der seit 1895 als 
Nachfolger Bonnets dem Lehrkörper angehört. — Dem 
Ordinarius der deutschen Philologie Geh. Hofrat Dr. 
Otto, Behaghel wurde der Charakter als Ge-- 
heimrat verliehen. — Am 7. August fiel der Oberarzt 
an der chirurgischen Klinik Pros. Dr. Anton Thies; 
im Felde einer Fliegerbombe zum Opfer. — Dr. Ern st 
Horneffer, der bekannte Religionsphilosoph und 
Nietzscheforscher, habilitierte sich für das Fach der Phi 
losophie mit einer Arbeit über „Modernen Individua 
lismus". —• Die Universität ernannte Professor Ubbe- 
l o h d e in Goßfelden zum Ehrendoktor der Philo 
sophie. Nach der Urkunde wurde ihm diese Ehrung zu 
teil als „dem künstlerischen Entdecker hessischer Land
	        

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