Full text: Hessenland (32.1918)

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gehen wir durchs Dorf; eine ganze lange Reihe 
Mädchen voran und dahinter die Burschen. Dann 
singen wir. Wir wissen so viele Lieder, frohe und 
traurige, wies gerade kommt." Leise summte sie 
vor sich hin: 
Da drunten in dem Tale 
Da geht der Morgenstern auf. 
Da sitzet die Maria 
Und Jesus alleine. 
„Ihr habt gut singen! Selbst wenn Ihr was 
Trauriges singt, seid Ihr vergnügt. Wenn ich mal 
einen Ton hören lasse, dann heißt's: ,Vögel, die 
am Morgen singen, kriegt am Abend die Katz* 
und ,Unser Herrgott sorgt schon, daß die Bäume 
nicht in den Himmel wachsend Seit uns alles 
verbrannt ist, ist der Vater närrisch worden und 
die Jungfer Tante eine Betschwester. Hätt' die 
Frau Fürstin uns nicht das lustige Habit verordnet, 
ich müßte wohl in Sack und Asche gehn. Geh, 
sei gut, bleib' heut' Nacht und morgen bei mir, 
dann können wir uns eins erzählen und der Tag 
laust eher hin." 
Margret, die schon oft in der Stadt genächtigt 
hatte, wenn die Arbeit auf der Bleiche drängte, 
ließ sich bereden. 
Das Haus, das Nanny mit Vater und Tante 
bewohnte, lag in einem großen, verwilderten Garten 
vor der Stadt, inmitten anderer Torgärten. Ur 
sprünglich war es ein Gartenhaus gewesen, wie es 
den wohlhabenden Bürgern in den der Stadt ent 
fernteren Gärten zum Schutz bei Regenfällen Bedürf 
nis war. Doch war es letzlich in Aufnahme ge 
kommen, ganze Tage in der Einsamkeit, „am Herzen 
der Natur", wie man es nannte, zuzubringen. So 
hatten diese Hütten mehr und mehr den Charakter 
von Wohnhäusern angenommen, deren Räume aller 
dings beschränkt und von bescheidensten Größen 
verhältnissen waren. Nannys Vater hatte bei einem 
Brand, der vor einigen Jahren sein Anwesen ein 
äscherte, den einzigen Sohn und die Frau verloren. 
Dies sowie der Verlust seines beträchtlichen Ver 
mögens hatte ihn um den Verstand gebracht. Der 
vordem so rührige Kaufherr war nicht zu bewegen, 
das Gartenhaus, das er als ersten Unterschlupf 
hatte benützen müssen, wieder zu verlassen. Er 
dämmerte hin zwischen Zeilen totenähnlicher Starre 
und Teilnahmlosigkeit und Angstzuständen, wäh 
rend deren er überall Brandgeruch wahrzunehmen 
glaubte und die ihn Tage und Nächte nicht zur 
Ruhe kommen ließen. 
Seine Schwester, ein säuerliches altes Iüngfer- 
chen, führte so gut wie möglich den Haushalt, wenn 
von einem Haushaltführen die Rede sein konnte. 
Die beiden Ziegen, die bald hier, bald da in 
der Gartenwildnis angepflockt weideten, ein Volk 
Hühner und der Garten selbst mußten für die täg 
lichen Bedürfnisse aufkommen. Was die Tante 
Susette mit Spitzenknüpfeln verdiente sowie Nannys 
Erwerb auf der Hofbleiche war das einzige Bargeld, 
das ins Haus kam, und Das langte gerade für das 
Allernotwendigste. 
Die Mädchen schlüpften nach dem spärlichen 
Abendbrot in den Garten und wandelten engum 
schlungen auf und ab. Nur in dem Teil, der dem 
Hause zunächst lag, konnte man die Spuren arbei 
tender Hände wahrnehmen. Zwar steckten die 
Bohnenstangen windschief und wenig sicher in den 
Beeten, wie sie eben eine schwächliche Frauenhand 
einzurammen vermocht hatte, das Unkraut machte 
sich in den Wegen breit, und nur der unentbehrlichste 
Bestand von Gemüsebeeten war vorhanden. Dafür 
breiteten sich die perennierender: Stauden in Fülle 
aus. Eisenhut und Aklei, tränende Herzen, Stock 
rosen, Verbenen und Phlox in allen Farben. Die 
Luft war voller Resedenduft, und der Nachtwind 
trug manchmal in raschem Stoß eine Welle des 
Geruchs der Zentifolien her, die hinten im Garten 
in verwilderten Büschen wuchsen. Dort war von 
gebahnten Wegen kaum mehr etwas wahrzunehmen. 
Schierling und wilde Möhre in Manneshöhe ver 
sperrten den Durchgang, die Gbstbäume wucherten 
unbeschnitten, wie es ihnen gefiel, und der schmale 
Bach verschwand fast hinter dem Gestrüpp der 
Weiden. Hier und da blitzte es im Monde auf, 
als lägen funkelnde Geschmeide auf seinem Grund, 
sonst aber blickte er unter den breiten Klettenblättern 
hervor dunkel und glanzlos wie das Auge eines 
Toten. 
Nanny nahm einen Strauß weißer Lilien, Reseden 
und Rosen mit in ihr Kämmerchen und stellte ihn 
neben das schmale Bett, das sie heute Nacht mit 
der Freundin teilen mußte. 
„Das darfst du nicht," wehrte Margret, „weißt 
du nicht, daß man vom Blumenduft sterben kann? 
Da ist einmal ein Mädchen gewesen, das stellte 
auch alle Nacht einen Blumenstrauß neben sich. 
Nun, eines Morgens lag es tot im Bett. Die 
Leute sagten, der Blumenduft habe es getötet. 
Aber meine Godel meint, das wären die Blumen 
geister gewesen. Am Tage können sie einem nichts 
anhaben, aber um Mitternacht, da find die Geister 
los." 
„Ach, wenn du wüßtest, wie schön mir träumt, 
wenn mein Kämmerchen voll Duft und Mondschein 
ist. Vielleicht flüstern mir die Geister die Träume 
zu. Wenn sie mich mit solchen Träumen einschlafen 
lassen, mögen sie mich nur töten." 
Margret lag schon in der Bettstatt an der Wand. 
Mit einemmal richtete sie sich empor, daß das Stroh 
knisterte, und horchte nach dem Fenster hin, an dem
	        

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