Full text: Hessenland (32.1918)

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Aber so verhielt es sich mit jenen 48 Bildern 
'nicht. Generalgouverneur eines okkupierten, neu 
tralen Staates, der bislang weder dem französi 
schen Kaiserreich, noch dem Königreich Westfalen 
angegliedert war, lag Lagrange die Verpflichtung 
ob, als Treuhänder dem rechtmäßigen Eigentiimer 
(dem hessischen Kurfürsten) sein Rechtsgut zu be 
wahren, so wie es in diesem Kriege seitens der 
deutschen Generalgouverneure in Belgien und Po 
len geschehen ist; er hat aber nicht daran gedacht, 
in diesem Geist seine Pflicht zu tun. Er hatte 
auch keine Vollmacht des Kaisers, auf die er sich 
bei der Fortnähme der Bilder berufen konnte, und 
hat es wohlweislich versäumt, über diese und noch 
weitere 50 bis 60 Bilder, die unter seiner Statt 
halterschaft aus den kurfürstlichen Sammlungen 
verschwanden, zu quittieren. Das Ungesetzliche 
seiner Handlung geht wohl am besten aus dein 
Umstand hervor, daß er nicht alle Bilder, die er 
beschlagnahmte, an den Kaiser nach Mainz, sandte, 
wo dieser sich damals aufhielt, sondern nur 36 
Stück, die übrigen 12 aber für sich behielt. Jose 
phine, der Napoleon die Kasseler Bilder schenkte, 
hat stets erklärt, daß sie nie mehr als 36 erhalten 
habe. Es war also nichts weiter, als daß La 
grange ohne jede Ermächtigung des Monarchen, 
der ihn zuin Generalgouverneur von Hessen er 
nannt hatte, völlig willkürlich Bilder raubte und 
davon nur, was er für gut befand, dem Kaiser 
übermittelte. Raub schlechthin, dem jeder Schein 
des Rechts fehlr. 
Die weitere Geschichte der Bilder ist bekannt. 
Josephine stellt sie im Schloß Malinaison auf und 
betrachtet sie kraft der Schenkung Napoleons als 
ihr persönliches Eigentum, das sie auch bei der er 
folgten Ehescheidung nicht herausgibt. Sie verfügt 
über diesen Besitz völlig frei, macht gelegentlich mit 
diesen Bildern Geschenke und plant später sie zu 
verkaufen. Sie selbst stirbt am Tage vor dem Ab 
schluß des ersten Pariser Friedens; ihre beiden 
Kinder erben mit Schloß Malmaison die Bilder. 
Als bei der erneuten Einnahme von Paris durch 
die Verbündeten die Gefahr einer durch Waffen 
unterstützten Rückforderung drohend wird — Blü 
chers Energie schaffte endlich den Beraubten ihr 
Recht —, schließen sie schnell den Handel mit 
Rußland ab, kraft dessen 38 Bilder nebst 3 Statuen 
Canovas für 400 000 Rubel (diese Summe gibt 
Waagen an) in kaiserlichen Besitz übergehen. Der 
russische Gesandte in Paris, Pozzo di Borgo, war 
gegen den Handel gewesen, andere russische Staats- 
mäuuer waren dafür, indem sich Frauenintrigen 
zugunsten von Hortense Beauharnais betätigten. 
Was war bis dahin nach irgend einer Ausfassung 
legal gewesen? Nicht der Erwerb, folglich auch 
nicht der Besitz, und ebensowenig der Verkauf an 
"inen Tritten. Oder darf man wirklich behaupten, 
daß der russische Zar durch den Kauf rechtmäßiger 
Eigentümer wurde, daß dessen Nachfolger je diese 
Bilder zu Recht besaßen? Sie machen sich zunr 
Verteidiger des russischen Besitztitels und führen 
drei Paragraphen des Bürgerlichen Gesetzbuches 
für das Deutsche Reich an, die nach Ihrer An 
sicht die Rechtmäßigkeit dieses Besitzes und damit 
die Unrechtmäßigkeit unserer Forderung beweisen 
sollen. Glauben Sie wirklich, daß Ihnen viele 
auf diesen: Wege der Beweisführung folgen werden, 
zugeben, daß das Bürgerliche Gesetzbuch über 
haupt für diese Frage, die nach ganz anderen 
Gesichtspunkten entschieden werden muß, als maß 
gebend herangezogen werden kann? 
Sie werfen die Frage auf: „Wer beweist, daß 
Zar Alexander I. bei dem Erwerb, dem Kauf der 
Bilder, nicht in gutem Glauben war oder später 
aus diesem Glauben geworfen wurde?" Dieser 
Beweis ist natürlich schlüssig nicht zu erbringen. 
Jedoch besitzt man die Abschrift des Schreibens, 
das Jacob Grimm am 29. September 1815 als 
Bevollmächtigter seines kurfürstlichen Herrn in 
Paris an den Zaren richtete, und in dem er unter 
genauer Darlegung der Verhältnisse den Beauhar- 
nais das Recht absprach, über das unrechtmäßig 
erworbene Gut zugunsten eines Dritten zu ver 
fügen, zugleich an die „Generosität" Alexanders, 
die ihm „den Beifall der ganzen Welt" eingetra 
gen habe, appellierte. Wohl ist zweifelhaft, ob 
dieses Schreiben dem Adressaten je zu Gesicht ge 
kommen ist. Als sicher aber muß angenonnnen 
werden, daß seine Bevollmächtigten wenigstens 
durch dieses Schreiben über das Unrecht, das der 
Zar an dem Besitztitel eines anderen Souveräns 
durch seinen Ankauf begangen hatte, unterrichtet 
wurden, wenn man schon das Unwahrscheinliche 
glauben soll, daß diejenigen Personen, die für 
den Kaiser den Kauf abschlössen, in Paris nichts 
von der Herkunft erfahren hatten, die dort aller 
Welt bekannt war. Es liegen ferner nicht kon 
trollierbare Nachrichten vor, daß der Kurfürst 
einige Jahre später durch einen Mittelsmann 
Schritte zur Wiedererlangung seiner Bilder getan 
habe, die erfolglos blieben. Bei dieser Gelegen 
heit müßte Alexander unbedingt erfahren haben, 
wo die Malmaison-Bilder herstammten; wenigstens 
damals hätte er also „aus diesem guten Glauben 
geworfen" werden müssen. Ganz gewiß aber kann 
die bona kickos seinen späteren Nachfolgern nicht 
mehr zugestanden werden. Nicht nur in dem aus 
Grund eiues speziellen kaiserlichen Auftrages ent 
standenen Werk von Waagen über die Ermitage- 
Galerie (1864), sondern auch in dem großen of
	        

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