Full text: Hessenland (32.1918)

Heffenlan- 
Hessisches Heim als dl alt 
Zeitschrift sür hessische Geschichte. Volks- und Heimatkunde. Literatur und Kunst 
Nr. 15/16, 32. Jahrgang. August Doppelheft 1918. 
Die „Kasseler Bilder" in der Ermitage-Galerie. > 
Offener Brief an Maximilian Harden. 
Von Georg Gronau. 
Sehr geehrter Herr! 
In der Nr. 36 der „Zukunft" vom 3. August 
haben Sie sich auch! zu der Frage der Rückgabe 
der Kasseler Gemälde, die sich feit 1815 in der 
Ermitage in St. Petersburg befinden, geäußert; 
Sie rechnen diese zu den „unklugen Forderungen". 
Ich lvill über die Frage der Klugheit oder Unklug 
heit nicht mit Ihnen streiten, aber die Art, wie 
Sie das Recht der anderen Seite gegen unsere For 
derung vertreten, fordert ebenso, wie die Gründe, 
mit den err Sie Ihre Ansicht stützen, zum Wider 
spruch heraus. 
Zunächst sind diese Bilder — es handelt sich um 
21 oder 22, die wir als unser Eigentum in An 
spruch nehmen — in durchaus ungesetzlicher Weise 
aus Kassel fortgenommen worden. Nicht Jsrome 
war es, der, aus anderer Leute Kosten großmütig, 
seinem Bruder mit den Bildern ein Geschenk 
lnachte; das würde sich vielleicht aus den Anschau 
ungen der Zeit heraus rechtfertigen lassen. Viel 
mehr sind die Dinge so verlaufen, daß der General- 
gouverneur Lagrange im Laufe des November 
1806 eine Reihe von Gemälden, es lvaren im 
ganzen 48, die der hessische Kurfürst als die kost ¬ *) 
barsten Stücke seiner vom Ahn vermachten (wie 
der sie erwarb, will ich Ihnen später erzählen) 
Sammlung in Sicherheit hatte bringen lassen, 
fortnahm. Sie könnten hier einwenden: das galt 
damals als erlaubt; aber die Tatsachen sprechen 
gegen Sie. Jene Form der Beraubung, die die 
Franzosen mit dem Aufwand reicher Phraseologie 
der Welt als erlaubt darstellen, und die die Ent 
stehung des einzigartigen Nuses Napoleon bewirkt 
hat, erfolgte später, im Januar 1807. Damals 
erschien, durch eine Käbinettsordre des Kaisers 
vom 24. November 1806 bevollmächtigt, Napo 
leons Vertrauensmann Denon in Kassel und 
wühlte aus den Beständen der Sammlung 299 
Bilder sür die kaiserliche Galerie aus. Hier voll 
zogen sich die Dinge in einer Form, die man im 
Sinne der damaligen Zeit vielleicht als legal be 
zeichnen darf; die französischen Delegierten haben 
ein Inventar der ausgewählten Bilder anfertigen 
lassen und haben durch ihre Unterschrift deren 
Empfang bescheinigt. In derselben Form sind 
diese Kunstschätze fast ohne jeden Verlust 1815 nach 
der zweiten Einnahme von Paris zurückgegeben 
worden. 
*) Wie inzwischen durch die Tagespresse bekanntgemacht worden, hat die Räteregicrung die Rechtmiitzigkeit unsrer Forderung 
anerkannt und die Rückgabe der Bilder zugestanden. 
Z. XI
	        

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