Full text: Hessenland (32.1918)

136 
kleid er, der gleiche Sarg und Leichenwagen zuteil 
wird, so sehen wir nicht Gräber erster, zweiter oder 
dritter Klasse. Der Reiche ruht neben dem Armen, 
der Gelehrte neben dem Unwissenden, der Führer 
der Gemeinde neben den im Leben Enterbten, der 
Wohltäter neben dem Bettler. 
Bon den früheren Friedhöfen der Kasseler Ge 
meinde haben wir keine sichere Kunde. Es steht 
fest, daß hier schon im 13. Jahrhundert Juden 
wohnten. Das einzige Land, an dessen Erwerb sie 
nicht gehindert wurden, war eben der Friedhof. 
Nun standen die Juden damals unter dem Schutze 
des Ahneberger Klosters, das an der heutigen 
Klosterstraße lag. Es wird nun vermutet, daß der 
Friedhof all der Ecke der jetzigen Weser- und 
Klosterstraße gelegen war, von dem ein Teil den 
Hof der Artilleriekaserne bildet. In späteren Jah 
ren befand sich der Friedhof an der Stelle des 
Königsplatzes, wo jetzt Schölls Kaufhaus steht, 
im 15. und 16. Jahrhundert außerhalb der Stadt 
mauer. Während des 30jährigen Krieges, als 
die Stadtbefestigungen erweitert ivurden, erwarb 
man den jetzigen Friedhof in der Gemarkung 
Bettenhausen, das keineswegs die Stammgemeinde 
von Kassel war, wie man es vielfach hört. In 
der Judenliste von 1650 wird Judith, die Witwe 
des Totengräbers in Bettenhausen, genannt, also 
der Beamte in der Nähe seines Wirkungskreises. 
Für die Anlage in Bettenhausen spricht noch der 
Umstand, daß der Friedhos auch für in Kaufungen, 
Heiligenrode und Waldau verstorbene Juden be 
stimmt war. Ist es doch im Kürhessischen vielfach 
gebräuchlich, daß mehrere Gemeinden einen ge 
rneinsamen Begräbnisplatz besitzen. Heinebach, 
Spangenberg, Morschen, Binsförth und Beise 
förth waren verbunden; Rotenburg ließ die Toten 
aus Baumbach, Bebra und andern Orten dort 
begraben; Jestädt und Eschwege, Frankershausen 
und Abterode haben oder hatten einen gemein 
schaftlichen Begräbnisplatz. Bei der Neuanlage 
in Bettenhausen wurden nun die Reste aus den 
Gräbern des früheren Friedhofes dort aufs neue 
gebettet, wie es vor mehreren Jahrzehnten in 
Posen und Breslau geschah, als der Friedhos durch 
Enteignungsverfahren aufgehoben wurde. Daher 
sehen wir auf dem ältesten Teil des Friedhofs 
keine Leichensteine mehr. Man nimmt auch 
an, daß die Denkmäler von den Anliegern 
gestohlen wurden, um als Bausteine ver 
wendet zu werden. Fand man doch vor Jahres 
frist beim Abbruch einer alten Brücke in Speier 
Leichensteine aus dem Jahre 1415! Keineswegs 
waren die alten Denkmäler sämtlich aus Holz. Es 
wohnten ja hier zu allen Zeiten reiche Leute, die 
ihre Toten nach ihrem Vermögen ehren wollten. 
Dazu war das Holz ein zu billiges Material, und 
wärmn sollte man hier nicht den festen Sandstein 
verwerten, wie in Worms und Frankfurt a. M.? 
Eine Eigenart des alten Friedhofs bedarf noch der 
Erörterung. Es ist die wagerechte Lage der Grab 
steine, die man sonst nirgends findet. Es ist dies 
wohl aus der Absicht zu erklären, dein im Grabe 
Ruhenden eine erhöhte Sicherheit zu geben, denn 
der Friedhof war nicht mit einer Mauer umgeben. 
In vieler: Gemeinden bildete die Friedhofsmauer 
einen Schutz auch für die dem Tode preisgegebene 
Judeufchaft. 
Seit den ältesten Zeiten ist es hier ein geheilig 
ter Gebrauch, daß die Gräber der Eheleute neben 
einander liegen; alleinstehende Personen wurden 
auf einer besonderen Abteilung begraben. Rab 
binern und Gelehrten war eine Ehrenreihe gewid- 
met. Es ist durch Religionsgesetz verboten, ein 
frisches Grab an der Stelle des alten zu errichten. 
Deshalb nimmt der Friedhof der Gemeinde einen 
großen Raum ein, und für die Zukunft haben die 
Gemeindeältesten größere Ländereien — links vom 
Wege nach dem Eichwäldchen — bereits erworben. 
Die Inschriften sind bis zur Mitte des 19. 
Jahrhunderts fast alle in hebräischer Sprache; 
sie verkünden außer dem Todes- und Begräbnistag 
vielfach die Tugenden und das Wirken des Dahin 
geschiedenen oft in poetischem Gewände. Wie in 
Worms, Frankfurt a. M., Hannover und andern 
Orten verwandte man große Sorgfalt aus die Aus 
führung der Inschriften; die Schriftreihen finb in 
breiter, regelmäßiger und klarer Unordnung, wie 
auch die Tiefe und Schärfe der Einmeißelung zu 
beachten sind. Nicht gering ist die Zahl der er 
habenen Aufschriften. Ornamentalen Schmuck fin 
den wir auf dem alten Teile des Friedhofes nur 
wenig, ganz im Gegensatz zu Frankfurt, wo eiu- 
zelne Familien ihre Wappen auf dem Leichen 
stein noch einmeißeln ließen; hier sind nur zwei 
Leichensteine mit Wappen versehen: „Fisch" und 
„Traube". Dagegen sind oft „Leuchter" angebracht, 
besonders bei Frauengräbern, nur der Frauen 
Walten im Hause zu schildern. „Segnende Hände" 
und „Kannen und Teller" weisen die Zugehörig 
keit zunr Priester- und Levitenstamme nach. Für 
die Erhaltung des Friedhofes bringt die Kasseler 
Gemeinde jährlich große Summen auf. Es sei bei 
dieser Gelegenheit erwähnt, daß sämtliche Gräber 
von 1650—1850 erhalten und die Aufschriften 
der noch vorhandenen Denkmäler kopiert sind und 
im Bureau der Verwaltung als Manuskript liegen. 
Dadurch ist viel Material für Familiengeschichte 
gesammelt. In fortgesetzter Reihe sind seit fast zwei 
Jahrhunderten die Gräber der Familien Gans, 
Goldschmidt, Rinald, Feidel, Wallach erhalten,
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.