Full text: Hessenland (32.1918)

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breit eitel Spielerei und Zeitvertreib sei. Von Zeit 
zu Zeit wurde wirklich ein Spiel daraus. Das 
war, wenn die Fürstin irgendwelchen Gästen auf 
der Hofbleiche eine Fete cbampetre gab. Dann 
mischten sich die Hofdamen in der Tracht der Bügel- 
mädchen mit buntbemalten Gießkannen unter das 
Personal der Bleiche, während die Fürstin mit 
ihren Gästen von einer im Schatten des Hauses 
aufgeschlagenen Tafel aus sich an der reizenden 
ländlichen Idylle ersieute. 
Die Schaffnerin blieb hier und da an den 
Plättbrettern stehn. Sie entnahm den fertigen 
Wäschestößen ein oder das andere Stück, um sich 
zu überzeugen, ob nicht ein zu heißes Eisen, von 
unvorsichtiger Hand vorschnell angewendet, das 
reine Weiß häßlich angegilbt habe. Dann nahm 
sie auch einmal selbst das Brenneisen zur Hand 
und zeigte einem Neuling den rechten Handgriff 
beim Fälteln der Besätze. 
„Nanny," wandte sie sich an eines der Mädchen, 
„Ihr habt solch' schöne Blumen im Garten, lauf' 
und hol' einen Strauß für die Herrschaften. Es 
wird ein Empfang gewünscht, hat er ausgerichtet." 
„Er" war der Lakai, der eben die Bleiche ver 
lassen hatte. Wenn die Schaffnerin von einer 
Mannesperson sprach, sagte sie immer nur „Er" 
oder „Der". Sie hatte für die Mannsbilder 
nicht viel übrig, vor allem deshalb, weil sie keinen 
Verstand von der Wäsche hatten. „Die wären 
im Stande und steckten die feine Leibwäsche in 
die Aschenlauge", sagte sie verächtlich, als ihr einmal 
das Ansinnen gestellt worden war, männliche Hilfs 
kräfte zum Heben der schweren Fässer und dergleichen 
zu verwenden. 
„Wer von Euch kann denn noch den Spruch, 
mit dem wir im vergangenen Jahr Gnaden, die 
Fürstin Mutter empfingen?" 
„Ich, ich, ich", schrie es, lachte es, zwitscherte es 
durcheinander. Die Plättbretter standen verlassen, 
alles drängte um die Schaffnerin herum. 
Die hielt sich die Ohren zu. „Eins kann ihn 
doch nur sagen, und wenn die Nanny die Blumen 
holt, hat sie, mein ich, das erste Recht dazu. Wie 
ist's, Nanny?" 
Das rasche Mädchen nahm mit einem Griff 
aus einem der Körbe ein paar Handkrausen, hielt 
sie wie einen Strauß in der Hand, machte vor 
der Schaffnern) einen übertrieben liefen Knix und 
begann: 
„Der Zephyr eilte auf der leichten Schwingen Flaum 
Zu meines stillen Blumengärtleins buntem Raum, 
Um Florens Kindem in das Ghr zu flüstern, 
Daß sie, die holdeste von den Geschwistern, 
In himmlich hoher Huld und voller Gnade 
Den wonnebebenden Gefilden nahte. 
Da drängten Florens Kinder voll Entzücken, 
Und alle baten mich, sie abzupflücken, 
Sie in die gnadenreiche Hand zu legen, 
In der selbst Sterben höchstes Glück und Segen." 
„Gut, gut, Nanny, und nun spute dich, daß 
du rechtzeitig zurück bist. Und ihr anderen, flink 
an die Arbeit, damit noch was geschafft wird. Der 
Vormittag ist eh' bald herum." 
Als Nanny zurückkam, wurden in der Schloß 
allee schon die hohen Herrschaften sichtbar. Fürstin 
Christiane ging würdevoll und gemessen neben dem 
lebhaften, kleinen Vetter aus Frankreich voran, die 
Hofchargen folgten in angemessener Entfernung. 
In dem riesigen Reifrock, der hochaufgebauten 
Perücke und mit den steifen Bewegungen wirkte 
die Fürstin ein wenig wie eine grobgeschnitzte 
hölzerne Figur. Ihr noch junges Gesicht, das die 
derben Züge der Holländerin trug, strahlte in einer 
ganz kindlichen Freude, als sie die Überraschung 
ihres Begleiters beim Anblick der Hofbleiche sah. 
Man konnte sich auch kaum ein reizenderes Bild 
denken, als die grüne Fläche, auf der die bunt 
gekleideten Mädchen zwischen den weißen Wäsche 
stücken hantierten. Der blaue Himmel, über den 
einige weiße, dicke Wolken segelten, schien eigens 
als Hintergrund dafür geschaffen. Der Fürst war 
ein Kunstkenner und die Freude der Fürstin wuchs, 
als er mit begeisterten Worten die Waschküche mit 
den derben Frauen für einen echten Teniers erklärte. 
Unermüdlich war die Fürstin, den Gast mit allen 
Einrichtungen in dem Hause bekannt zu machen. 
Selbst die Wohnung der Schaffnerin im Oberstock 
mußte er in Augenschein nehmen, ebenso die Trocken 
böden und Vorräume. Sogar in das Allerheiligste 
wurde er geführt, eine kleine Kammer, in der die 
Schaffnerin nach einem geheim gehaltenen Rezept, 
das die Fürstin aus der Heimat mitgebracht hatte, 
die Seife herstellte, die zur Behandlung der Leib 
wäsche der höchsten Herrschaften diente. Da roch 
es ganz vertrauenerweckend nach Lavendel, getrock 
neten Rosenblättern und Thymian, was für die 
verwöhnte Nase des Fürsten nach dem beizenden 
Laugenschwaden, der die unteren Räume erfüllte, 
eine wahre Wohltat war. 
Daß die steife Tracht auch Grazie und Beweg 
lichkeit erlaubte, konnte man an dem Hoffräulein 
sehen, das eben hinter dem vorgehaltenen Fächer 
herzhaft gähnte. Wie eine Blume wuchs die über 
zierliche Taille mit dem puppigen Lockenköpfchen 
aus dem ewig schwankenden und wippenden Unter 
bau des Reifrockes hervor. 
„Non äieu!" flüsterte sie, und schickte einen 
anklagenden Blick zu ihrem Kavalier empor, „ist 
das ennuyant!"
	        

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