Full text: Hessenland (32.1918)

gemeindet wurde, war er auch bis zum Jahre 
1912 als Stadtrat int Kasseler Magistrat tätig. 
Neben seiner umfangreichen Berufsarbeit fand 
Schwiening noch die Zeit zu schriftstellerischer Be 
tätigung. Um 1900 erschienen mehrere Bro 
schüren von ihm über die Zündholzindustrie und 
die Frauenfrage (z. B. „Die Dienstpflicht der 
Frauen"). Auf poetischem Gebiet Pflegte er be 
sonders das lyrisch-didaktische Gedicht und die 
Ballade; eine Reiche seiner Gedichte wurde von 
Lewalter, Albin Müller und Meyer vertont. 
Seinen Freunden schickte er alljährlich zur Jahres 
wende ein launiges gedrucktes Liedlein ins Haus. 
In längeren Abhandlungen würdigte er das Schaf 
fen Wilhelm Hauffs und seines Freundes Wil 
helm Raabe, mit dem er bis zu Raabes Tod im 
Briefwechsel stand. Wie gut er in das Schaffen 
anderer einzudringen verstand, erweisen die Nach 
rufe, die er Wilhelm Bennecke und Emil Jacobi 
in unsrer Zeitschrift schrieb. Sehr viele literarische 
Schöpfungen Schwienings, unter ihnen ein Trauer 
spiel und zahlreiche Erzählungen, darunter die in 
Ellenbach lokalisierte „Teufelsscheune", liegen noch 
ungedruckt. Fast sämtliche Aufsätze der von ihm 
81/2 Jahre hindurch geleiteten deutschen Zünd 
warenzeitung sind von ihm selbst geschrieben, wie 
er auch in anderen Zeitschriften zahlreiche fach- 
wissenschaftliche Artikel veröffentlichte. 
Georg Schwiening war ein prächtiger Mensch, 
einer jener Idealisten, wie sie in unserer Zeit 
immer seltener werden. Hilfreich und gut, war er 
immer bereit, nach besten Kräften zu helfen, wo es 
not tat. Mit ihm, dem allzeit frohgemuten Ge 
sellschafter, nach des Tages Arbeit beim Glase 
Wein zu plaudern, war ein Genuß, ein noch 
größerer Genuß, ihm, der seinen Horaz und Homer 
so gut im Kopfe hatte wie die deutschen Klassiker, 
im Freundeskreis als Redner zu lauschen. Auch 
als das Leben ihn unverschuldetermaßen hart an 
packte, ließ er sich nicht unterkriegen. Noch im 
Mai dieses Jahres schrieb er es nieder : 
Kopf hoch zu allen Stunden, 
Kopf hoch zu jeder Zeit, 
Dann fühlst du kaum die Wunden, 
Dann zwingst du alles Leid, 
Dann ist die Furcht geschwunden, 
Du bist zum Kampf bereit. 
Und doch hatte den Leidenden schon Wochen 
vorher Todesahnen erfaßt, wie aus seinem Ge 
dicht „Frühling" vom 16. März 1918 hervor 
geht. 
Der Frühling. 
Der Frühling kam auf leisen Füßen 
Still in den Garten über Nacht, 
Es ist von seinem jungen Grüßen 
Die Erde aus dem Schlaf erwacht. 
Er kam mit seinem Zauberstabe, 
Mit seinen Augen sonnenklar, 
Der wunderholde, frische Knabe, 
Den Kranz von Knospen in dem Haar. 
Er küßt mit seinem warmen Hauche 
Weich jeden zarten jungen Trieb 
An jedem Baum, auf jedem Strauche, 
Daß keiner in dem Schlafe blieb. 
Ich sah ihn durch den Garten gehen 
Und sehnsuchtsvoll schaut' ich hinaus, 
Doch blieb er vor dem Fenster stehen, 
Kam nicht zu mir ins trübe Haus. 
Daß ich mein Herz mir jung erhalten, 
Und warm es schlägt noch für die Welt, 
Das sieht er nicht, grüßt nicht den Alten, 
Nur mit der Jugend er es hält. 
Ob ich noch einen Frühling habe, 
Kehrt er im nächsten Jahre ein? 
Wer weiß — er igrüßt auf meinem Grabe 
Vielleicht ein welkes Kränzelein. 
Sein Ahnen hat sich nur zu bald erfüllt. Und 
mit den Seinen, die er in herzlicher Liebe um 
schloß, empfinden viele, die ihm im Leben nahe 
stehen dursten, die klaffende Lücke, die sein Schei 
den hinterließ. Niemand, der diesen kernigen deut 
schen Mann von niedersächsischem Stamm mit 
seinem goldenen Herzen, seinem urdeutschen Humor 
und seiner innigen Vaterlands- und Heimatsliebe 
kennen lernte, wird seiner vergessen können, und 
manch einer wird auf ihn selbst die Empfindungen 
übertragen, denen er noch vor wenigen Wochen 
Ausdruck gab: 
Ging, was wir geliebt mit Herz uyd Sinnen, 
Läßt es niemals wieder sich gewinnen. 
Unersetzlich ist für den, der liebt. 
Was ihm keine Zähre wiedergibt. 
Sit illi terra levis! 
H. 
Ieierslunde. 
Geh' aus der Well ein Stündlein nur 
Und greife träumend in die Leier; 
Von deines Friedens stillen Feier 
Hatt' sorglich ferne Zeit und Uhr. 
Heb' aus des Herzens tiefstem Schrein 
Dein schönstes Bi!o, dein reinstes Leben; 
Entfliehend Sorge, Hast und Beben, 
Versenke liebend dich darein. 
Ein einzig Stündlein, selig leis, 
Mutzt von der Erde du dich lösen. 
In guten Tagen wie in bösen: 
Sonst gibst du deine Seele preis. 
Zurzeit im Lazarett. 
Gottfried Buchmann, 
Leutnant und Kompagnie-Führer.
	        

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