Full text: Hessenland (31.1917)

s«^> 84 §^¿6 
üblichen Weise. Er versorgte außerdem nicht 
nur halb Kassel, sondern einen Teil der Um 
gegend der Residenz mit Handkäsen. Aber auch 
er mußte noch die alte Straße bis Kassel damit 
fahren, während jetzt die Butterleute mit diesen 
kleinen flinken Wagen nur die Butter zusammen 
holen. Bergauf half er schieben oder ziehen, bergab 
setzte er sich auf das Butterwägelchen und dann 
ging's heidi! hast du nicht gesehen! durchs Land. 
Sein „Tyrann" leistete im Laufen unglaubliches. 
So flog das flinke Gefährt an Dörfern und Städt 
chen, an Hunderten von leichten und schweren 
Fuhrwerken vorbei, die die belebte Straße fuhren. 
Die Butter war schon höher im Preis. Gegeben 
wurden vom Buttermann 60—70 Pfennig, und 
wenn sich „ein neuer" eindrängen wollte, wohl 
gar 1 M. oder 1,10 M. In Kassel blühte be 
sonders in den siebziger Jahren das Butterge 
schäft, Preise von 1,20—1,50 M. hat der Kö 
nigsplatz nicht selten gesehen. 
Später, als dann schon die Eisenbahn fuhr, 
wurde das Aufsitzen auf die Hundewagen poli 
zeilich verboten. Wollte der Gendarm einmal einen 
Dutzendfang in dieser Hinsicht machen, stellte er sich 
bei Treysa dahin, wo die Straße hinter dem 
Bahnhöfe Ziegenhain zu das Knie macht. Da 
kamen dann die „Buttermänner"' an der Schnur 
an. Alle saßen, stolz des gemachten Gewinnes, 
eine Zigarre dampfend, auf dem Hundewagen. 
Drei Mark Strdfe waren verwirkt. Das hat 
manchen veranlaßt, sich ein Gäulchen zuzulegen, 
das jetzt nicht nur die Butterwecke, sondern auch 
den Buttermann selbst durchs Land zieht. 
So sind wir in unsrer Zeit angekommen. Leer 
liegt die Kasfelstraße. Hunderte von Wirtschaften 
in den Dörfern daran haben ihr Schild einge 
zogen. Der Eisenbahn gehört die Gegenwart, die 
auch den Buttermann mühelos nach Kassel und 
wieder zurück trägt mitsamt seinem ganzen Butter 
kram.*) 
*) Aus Joh. H. Schwalm „Falleppel on Läsreiser“ 
(Geschichten und Bilder aus versunkenen Tagen der 
Schwalm), das bei N. G. Elwert, Marburg, erscheint. 
An der Weser. 
(Eine Plauderei.) 
Trübe zieht ein Wolkenmeer über den Solling 
hin, leise glucksend und gurgelnd fließt die Weser 
zu Tal, die Wälder dampfen nach langen Regen 
güssen und ich stehe aus der Höhe der Krukenburg 
und schaue hinab in den engen Kessel, der dort 
unten die Stadt Karlshafen birgt. Der lastende 
Himmel stimmt eigentlich zu der westfälischen 
Landschaft der Warburger Börde, die ich noch vor 
kurzem durcheilt, und in die hinein die Trümmer 
der Burg auf dem Desenberge wie aus einer 
fremden Welt gegrüßt, — hier aber fehlt mir die 
Sonne, die ihr Blitzen und Gleißen in den Diemel- 
wellen wiedersucht. 
Mit Wehmut blicke ich auf die Gräben, die 
die Ecken der Apsiden an den Trümmern der in 
mitten der Burg aufgeführten Kirche anschneiden: 
angefangene, leider unvollendete Arbeit des fein 
sinnigen Regierungsbaumeisters Lehmgrübner.*) 
Fein prosilierte Sockelsteine des Bauwerkes sind 
da freigelegt, — überall zeigt sich klar der Riß 
des nach dem Vorbilde der heiligen Grabeskirche 
errichteten Rundbaues; — wann wird die hier be 
gonnene Aufnahme vollendet? Wer wird sie fort 
setzen? 
Doch nicht eigentlich der Krukenburg sollte ja 
mein heutiger Besuch gelten. Also weiter, an dem 
alten Vorwerke, der Schäferei, vorüber, auf dem 
Steinplattenwege, der Helmarshausen mit der 
jüngeren Nachbarstadt verbindet, hin. Die An 
lagen über der Stadt sind bald erreicht! Die eben 
*i S. „Hessenland" 1916. S. 265. 
verlassene Ruine blickt noch einmal durch die Hecken 
hindurch, — zur Seite ragen grünübersponnene 
Wände alter Sandsteinbrüche empor; — man be 
trachte nur in all den Weserorten die älteren Ge 
bäude, die hier mit dem dünnplattigen Sand 
steine gedeckt sind, wie an Rhein und Mosel die 
Häuser mit dem ebenso bodenständigen Schiefer. 
Es ist eine wenig schöne Art, unsere Großen zu 
ehren, wie sie eine hoffentlich auf dem Aussterbe 
etat stehende Generation pflegte: nicht ohne inneres 
Widerstreben sieht man hier im Walde sich plötzlich 
einer verunglückten Schillerbüste gegenüber, die 
sehr gut gemeint ist, aber doch nicht allzu gut ge 
lungen. Eigentlicher Parkcharakter fehlt hier dem 
Walde, und dahinein nun die Schillerbüste, — es 
ist ein unschöner Fremdkörper. Die gewiß nicht 
mit größeren Mitteln unternommene Schiller 
ehrung im Marburger Stadtpark ist entschieden 
passender und würdiger! Doch, sei's drum! Gut 
gemeint war es jedenfalls. Und eine zweite wird 
nicht aufgestellt. 
Dort unten aber liegt Karlshafen! Merkwürdig! 
Die Stadt, der zugedacht war, ein Brennpunkt 
des Verkehrs zu werden, ist still, ein Städtchen, 
den: man heute nicht ansieht, welch große Hoff 
nungen vor 200 Jahren seine Jugendtage um 
sponnen! Ein Bild des Lebens! 
Still und verlassen der Hafen! Schilfhalme 
heben sich aus dem flachen Wasser, Knöterich und 
Wasserpest haben sich breit gemacht, — die Kai 
anlagen sind mjt Blumen und Ziersträuchern be 
standen, und man schrickt fast zusammen, wenn
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.