Full text: Hessenland (31.1917)

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„Kleiner, Meiner, Reiner! 
Du mußt kommen Ich brauche Dich. 
Bis zum lezten September bin ich wenigstens 
hier. Wann schließt Ihr denn? Ich gebe auch 
bis zum 8., 9. Oktober zu, blos damit ich mich 
an Dir noch einmal erhole. Bei Gott, ich 
bedarf's." 
Er erlebte noch die Einführung des neuen Di 
rektors Dronke: „sehr rührend, Reden, Gedichte, 
Händedrücke", dann am 4. Oktober erhielt er die 
Nachricht, daß sein Entlassungsgesuch bewilligt 
worden sei. Hartmann scheint nicht mehr ge 
kommen zu sein, aber Gegenbaur, sein ehemaliger 
Scküler, der ihn anfangs in der Redaktion des 
„Salon" vertrat, gab ihm das Geleit, als er am 
18. Oktober die alte Bischofsstadt verließ, um 
neue Wege einzuschlagen, die ihn zur Höhe führen 
sollten. 
Ein Brief Dingelstedts an Heinrich Koenig. 
Von vr. Hans K n u d s e n, Berlin-Steglitz. 
In den Briefen H. Koenigs an Varnhagen 
von Ense in Berlin stehen eine Reihe auf Dingel 
stedt gehende Stellen, die ich in der „Hessischen 
Chronik" (Jahrgang 1915, Heft 12, S. 325 ff.) 
mitgeteilt habeT) Diese ablehnenden Äußerungen 
standen in merkwürdigem Gegensatz zu den Dingel 
stedt-Erwähnungen in Koenigs „Stilleben" und 
seinen Briefen an ihn, die Rudolf Göhler dann im 
„Hessenland" (30. Jahrgang 1916, Nr. 2, Seite 
24—27) abgedruckt hat. Ich erkläre mir die ge 
legentlichen unwilligen Bemerkungen Koenigs 
daraus, daß er, der gehaltene, ruhigere, ältere, 
aber doch stets im Kleinstädtischen befangene 
Schriftsteller, dem geistig beweglicheren, drauf 
gängerischen, unruhigen, burschikosen jüngeren Ge 
nossen nicht folgen konnte. Und jene Stellen an 
Varnhagen, der für „Geschichten" viel Sinn hatte, 
betrafen Dingelstedts Beziehungen zu einer der 
Stiftsdamen, denen Koenig nahestand, und seine 
Sucht zu witzeln war so stark, daß sie auch bei 
unpassender Gelegenheit sich betätigen mußte. 
Übrigens ist er auch in den Briefen an Dingelstedt 
nötigenfalls deutlich genug. 
Als mir im Sommer 1915 die Familie v. Butt 
lar in Hanau den ihr gehörenden Nachlaß H. Koe 
nigs mit dankenswerter Bereitwilligkeit zur Ver 
fügung stellte, hoffte ich, auch Schreiben von 
Dingelstedt an Koenig unter den über zweihundert 
Briefen zu finden. Es war indes kein einziger 
vorhanden. Nur jenes bekannte Gedicht, das 
Dingelstedt bei dem frühen Tode von Koenigs 
Sohn diesem gewidmet hatte, lag handschriftlich 
vor. Nun hat sich kürzlich herausgestellt, daß 
einige zwanzig Briefe an Koenig in früheren Jah 
ren in die Autographensammlung der Gräfin * S. 
x ) Ich berichtige bei dieser Gelegenheit, daß der dort 
S. 326 genannte Schlingloff (wie ich von einem Kenner 
hessischer Geschichte belehrt wurde) unter den vielen dieses 
Namens nicht Konrad Georg Sch. ist, sondern Hayn 
Justus aus Hanau, der Verfasser des Trinkliedes in 
Dingelstedts Hessischem Album. 
Oriola geschenkt worden waren, einer Verwandten 
der Familie von Buttlar. Unter diesem Bestände 
fand sich jetzt nach ihrem Tode auch ein Brief von 
Dingelstedt, und zwar derselbe, über den Koenig 
sich Varnhagen gegenüber am 12. Februar 1844 
erregt hatte und den Koenig am 7. Februar be 
antwortet hatte; R. Göhler hat die Antwort im 
„Hessenland", wie erwähnt, Seite 25 mitgeteilt. 
Der Brief lautet: 
„Natürlich ist es eine Bitte, die mich unver 
besserlichen Egoisten nach Jahr und Tag wieder an 
den alten Freund und Zobeljagdgefährten?) heran 
führt. Also kurz und gut, lieber Heinz: 
Ich heurathe, den deutschen Zeitungen zu Ge 
fallen. Dazu brauch' ich — außer anderem, was 
ich besitze, respective nicht besitze, — einen Hei 
matschein .*• Rinteln weist mich an Fulda, Fulda 
vielleicht an Kassel, Kassel wahrscheinlich an 
Marburg. „Loptom urdss eortant äs stirps insig- 
nis Homeri.“: blos umgekehrt, daß ihn keine ge 
boren haben will. Sie sind ein Mann von Fach, 
Heinz, Sie müssen ja wissen, wo ich das Papierle 
finde. Wenn Sie mir's nicht schaffen können oder 
wollen, sagen Sie mir wenigstens, wo und wie ich 
es suche; ob es kürzer und wohlfeiler ist, einen Hei 
matschein oder „Entlassung aus dem jenseitigen 
Unterthanen-Verbande, Behufs Aufnahme in den 
diesseitigen." — schöne Phrase das, gelt? — zu 
erhalten; und so weiter, und so weiter. Wenn 
Sie ein guter Kerl sind, d. h. wenn Sie bei Emp 
fang dieses vortrefflich verdaut und« an der neuen 
Herzenshistorie glücklich gearbeitet haben, so gehen 
Sie als mein Bevollmächtigter an Fondy, Macken 
rodt oder an wen sonst und bestellen Sie mir das 
ganze Ding fix und fertig. Gott wird's Ihnen 
an meinen Kindern vergelten! 
Seit drei 'Wochen schwimm' ich in eitel Tauf-, 
Todes- und sonstigen Scheinen, die „gemischten" 2 
2 j Name für die nach Fulda Strafversetzten, zu denen 
auch Koenig gehörte.
	        

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