Full text: Hessenland (31.1917)

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Mer auch von bereits entwickeltem Schinuck- 
sinn der Steinzettleute erzählen uns die Funde, 
die nun im Verein mit dem Inhalt einiger neo- 
lithischer Einzelgrabfunde, die aber hier nur aus 
Skelettgräbern, gestreckten wie auch sogenannten 
Hockerleichen, bestehen, während dieser Zeitstufe 
ebenfalls angehörende Brandgrüber bisher noch 
nicht aufgedeckt sind — einen gar köstlichen Besitz 
des Friedberger Lokalmuseums bilden. 
Weit weniger ergiebig ist die Ausbeute aus der 
nun folgenden frühen Metallzeit, sowohl der 
Bronzezeit, etwa 1800—1200 v. Chr., wie auch der 
späteren Hallstadt-Periode oder älteren Eisen 
zeit, 1200—550 v. Chr. Immerhin genügt 
das Wenige, uns das Bild eines, nach Intelli 
genz und Kultur stetig fortschreitenden Volkes 
zu zeichnen. Die geringen Funde entsprechen der 
damaligen spärlichen Besiedlung der Wetterau: 
es scheint, als ob in das friedliche, idyllische Le 
ben der neolithifchen Bauern eine fremde, störende 
Bewegung eingegriffen habe, die sie veranlaßte, 
von den Ebenen zu scheiden und sich auf Höhen, 
in anmutigeren Flnßtäleru und an Flußwänden 
anzusiedeln. 
Mit der nun letzten prähistorischen Zeitstuse: 
der jüngeren, auch reinen Eisen- oder La 
Tene-$eit, 550 vor Christus, findet infolge des 
immer stärkeren Vordringens der kulturell hoch 
stehenden Kelten nach Germanien abermals eine 
wesentliche Verschiebung statt. Wir wandeln auf 
den Spuren dieses intelligenten Volkes vor allem 
da, wo Boden- und Handelsprodukte Anbau und 
Ansiedlung lohnten. Kein Wunder, daß es neben 
Friedberg vorzüglich ins Antlitz des nahen Nau 
heim mit seinen reichen Salzschützen tiefe Spu 
ren gegraben. 
Noch mehr aber wurde, nachdem die keltische 
Invasion längst zurückgedrängt, ein anderes 
staininfremdes Volk, die Römer, mit ihrem siche 
ren agrarischen Kolonialblick von der Fruchtbar 
keit und dem Mineralquellenreichtum der Wetterau 
angelockt, sich hier seßhaft zu machen, und da 
wiederum ist es vor allem Friedberg, das dank 
seiner günstigen Lage unter römischer Herrschaft 
zu einer Bedeutung gelangte, mit der sich die in 
jüngster Zeit so viel genannte Saalburg nicht im 
entferntesten zu messen vermochte. 
Wie die Funde ausweisen, war der Basalt 
felsen, der nach Nord, Ost und West so un 
mittelbar und uneinnehmbar aus der weiten 
grünen Niederung emporsteigt und heute die 
mittelalterliche Burg trägt, bereits unter Kaiser 
Augustus militärisch besetzt, und man vermutet 
wohl nicht fehl, daß hier das von Tacitus er 
wähnte, durch des Augustus Stiefsohn, Drusus, 
angelegte „oa8tsllnir> in rnonia Tauno“ zu suchen ist. 
Als dann nach dem Kattenkriege Domitians, 
(81 bis 96 ii. Chr.), durch den unsere Wetterau 
endgültig dem Römerreiche angegliedert worden, 
dieser Kaiser gegen die unruhigen, kriegerischen 
Kalten 83 nach Chr. den ersten wetterauifchen 
Limes, den „sinus imperii“, anlegte, da wurde 
Friedberg eines der wichtigsten Grenzkastelle, 
schied allerdings aus dieser Stellung aus, als 
Hadrian (117—138) in der ersten .Hälfte des 
2. Jahrhunderts den zweiten Limes schuf, der 
auch noch die nördliche Wetterau umspannte, ge 
wann aber darum nicht weniger Wert als Haupt 
stützpunkt aller unstiegenden Garnisonen und als 
Mittelpunkt eines ausgezeichneten strategischen 
Straßennetzes, dessen Benutzung wir uns zum 
Teil heute noch erfreuen. 
Überaus reich und mannigfaltig, schier uner 
schöpflich find die Funde, die so getreu und an 
schaulich zeugen von jenen verschollenen Tagen, 
da Roms starker Arm hier in der „oivita8 Tau- 
nensium“ blühendes, lachendes, volkreiches Land 
und Leben schuf. Aus den hinterlassenen Legions- 
ziegelstempeln erfahren wir, daß in Friedberg 
rührend der römischen Okkupation die 8., 11., 
14., 21. und 23. Legion, sowie eine Reiterschwa 
dron, die cohor8 I., Flavia Damascenorum milli- 
aria, die cohors I und IV Aquitanorum und die 
cohors II Raetorum gelegen haben. 
Ferner erzählen uns zahlreiche Reste von rö 
mischen Bauten, daß unter dem Schutze der 
Festung auch eine nicht ininder bedeutende römische 
Ortsnnlage erblüht, die sich nach Lage und Um 
fang fast genau mit der späteren mittelalterlichen 
deckt. Für ihre Weihe sprechen noch besonders 
die daselbst aufgefundenen Trümmer eines My- 
thrastempels, von dem einige Jnnenteile: ein 
den Mythus darstellendes Reliefbild und zwei 
kleine Opferaltäre jetzt eine nicht minder starke 
Anziehung des in jeder Hinsicht so interessanten 
Friedberger Museums bilden. Indes erwecken dorr 
auch jene Funde lebhaftes Interesse, die uns be 
lehren, daß schon im provinzial-römischen Fried 
berg — sein damaliger Name ist verschollen — 
eine blühende Industrie, fabrikmäßig betriebene 
Töpfereien und Glasbläsereien, bestanden haben, 
deren mit Fabrikstempeln versehene Erzeugnisse 
weitesten Absatz fanden. 
Versunken, verrauscht, zerstoben Roms stolze 
Macht und Herrlichkeit! Die fremde Welle ward 
zurückgespült durch die immer gewaltiger und un 
aufhaltsam anschwellende heimische Sturmflut. 
Germaniens Söhne, wilde Alemannenreiter be 
reiten hier etwa um die Mitte des 3. nachchrist
	        

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