Full text: Hessenland (31.1917)

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Nach den Weimarer Tagen, die in ihm von 
neuem die Hoffnung erweckt hatten, den Lehrberuf 
aufgeben und ein freies Literatenleben führen zu 
können, nach Fulda zurückgekehrt, sehnte sich 
Dingelstedt mehr denn je nach dem Freunde, er 
sollte ihm fein graues Dasein vergolden. 
„Hier bin ich, — welche wicht'ge Frage! Du 
kennst das Lied schon, nicht wahr, Kleiner, Lie 
ber, Gütigster? Mein, angehender Knaben 
lehrer! warum erscheinst Du nicht ebenfalls hier, 
wo man mit dem Lehrplan auf Dich warten 
zu wollen scheint? Wie? Komm, je eher, je 
besser, natürlich gleich zu mir, wenn Du mir 
nur vorher anzeigen wolltest, wann? Komm, ehe 
Du und der Lenz obrigkeitlich hier eingestellt 
werden; denn sonst sehe sichj Dich vielleicht 
nicht mehr. Ich gehe mit dem Gedanken um, 
mein Haus über Nacht in Brand zu stecken, 
natürlich nur in bildlichen, und mich aus der 
trägen, nur den Steiß (anderer Leute) rühren 
den Schulmeisterpuppe in einen dichterischen 
Nachtfalter, spscies „Lumpacivagabundus" 2 ^, 
zu entwickeln. 
Ich habe viel gelebt und geliebt in den 14 
Freiheiten. Alle Zügel los, alle Schranken 
übersprungen, und nun so recht rasch und wild 
in's Leben hinein. Attische Nächte, heiß von 
Champagner und von den Küssen nackter Tän 
zerinnen des W'scheu Hoftheaters, Schauspieler, 
Litteraten par cxcsllcncs, :c. re. Nun bin 
ich matt, denke an Auguste, *an Lorchen, an 
zu bezahlende Schulden (Kleiner! rechne nicht 
ab mit mir!) an versprochene litterarische Pro- 
dukzionen, zu denen mir izzo alle Kraft abgeht 
— o pfui! 
Komm doch, Kleiner! Noch bist Du frei! 
Dr. Laube ist in Kissingen, den zitirt ich auch 
her, er käme sicher und wir improvisirten hier 
Reisenovellen! Was? 
Grüße Deine Mutter, Wohlgeboren sollt' ich 
hinzusetzen, — Leonoren — ach nein! Ich sage 
nichts. Du könntest dem Auge Gottes gegen 
über wohl noch weniger lügen, als ich! 
Nicht mit getheiltem, nicht mit geheiltem, 
sondern nur mit geeiltem Herzen (bravo!!) 
Dein 
Duläas, nonis April. Simplicissimus. 
MDCCCXXXIX. 
Hartmann war inzwischen wieder schwankend 
geworden und hatte wegen einer anderen Stellung 
Verhandlungen angeknüpft, worüber Dingelstedt, 
25 ) „Der döse Geist Lumpacivagabundus oder das 
liederliche Kleeblatt", eine Wiener Zauberposse von 
Nestroy. 
auch in des Freundes Interesse, sehr ungehalten 
war?b) Dennoch entschied sich sein Schicksal kurz 
darauf für Fulda, und Dingelstedt konnte ihn am 
23. April befriedigt in seine Arme schließen. So 
trugen sie nun geraume Zeit wieder gemeinsam 
Freud und Leid. Am nächsten Geburtstage des 
Freundes begrüßte der Dichter ihn mit folgenden 
charakteristischen Versen, die neben tiefempfunde 
nen Freundschaftsbezeugungen rührende Selbst 
bekenntnisse enthalten: 
An Julius Hartmann. 
— 4. März 1840 — 
Ein Gruß, mein Freund, zum Morgen Deines 
Festes 
Von einer Harfe, der Du oft gelauscht, 
Die — leider! — Dein nicht würdig, weil ihr 
Bestes 
Zu viel für leichte Liebelei gerauscht; 
Dabei ein Strauß, wie er der Fulder Erde, 
Dem kargen Jahr gewaltsam abgenommen, — 
Nimm Strauß und Gruß, und denk' dabei, es 
werde 
Aus beiden Dir ein Herz entgegenkommen! 
O daß die Hand der Liebe sie Dir brächte 
Und ihren Dank von Deinen Lippen fände, 
Daß sie des Glückes Traum in Deine Nächte, 
In Deinen Tag des Glückes Wahrheit wände! 
Ein Herz, wie Deins, wie muß es lieben können, 
Wenn es für einen Freund so treu kann schlagen? 
Sprich, wird denn nie die Flamme wieder brennen, 
Die einst Dich wärmte, ach! in beß'ren Tagen? 
Tu stehst allein. Du weißt das zu empfinden. 
O bleib' es nicht, verstein're nicht im Harren! 
Warum der einzig Sehende bei Blinden, 
Der einzig Kluge sein bei eitel Narren? 
Stürz' Dich hinein, versuch's, Dich zu betäuben, 
Wirf weg den Ernst im eitlen Weltgetriebe, 
Was frommt es, todte Bücher auszustäuben, — 
Die Wissenschaft ist eine kalte Liebe! 
Schau um Dich, Kleiner! Wir sind alt * 27 ) geworden, 
Und messen unser Bündnis schon an Jahren, 
Weit hinter uns in lustigen Akkorden 
Verklingen uns'rer Burschenzeit Fanfaren, 
Der Mond der Blüten welkte und der Träume, 
Und statt im Grünen stehn wir schon im Gelben, 
Die Menschen um uns wechselten, die Räume, 
Doch wir — nicht wahr? — wir sind uns noch 
dieselben! 
2 6) Brief von Dingelstedt an Hartmann vom 14. 
April 1839. 
27 ) Dingelstedt zählte damals noch nicht 26 Jahre!
	        

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