Full text: Hessenland (31.1917)

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daran, daß der Landgraf dem Fabrikanten Pistor, der 
den 1756 nach England ausrückenden Truppen untaug- 
liche Flinten geliefert hatte, in das gleichfalls im Vor 
trag erwähnte nahe gelegene Kastinal setzen ließ. An 
läßlich des am 17. August 1917 sich zum 100. Male 
jährenden Geburtstages Hermanns von Eschwege verlas 
Direktor Professor vr. Brunner einen von dessen 
Tochter, der Gräfin von der Groeben in Berlin, ver 
faßten Lebensabriß dieses Flügeladjutanten des letzten 
hessischen Kurfürsten. Schön von Angesicht und hoch 
gewachsen, war dieser im Schloß zu Reichensachsen als 
Sohn des Rittmeisters Ferdinand von Eschwege ge 
borene Offizier der Liebling der Kasselaner und volks 
tümlicher als der Kurfürst selbst. Als junger Garde- 
dukorpsleutnant ritt er einmal, indes seine Kameraden 
ihm atemlos zusahen, ans Grund einer Wette die Katzen 
treppen hinunter, was ihm freilich eine zweitägige Arrest 
strafe in der Autorwache eintrug. Als man 1848 auch 
in Kassel Barrikaden baute, schob ihm die Menge, als 
er eine Nachricht ins Palais zu bringen hatte, auf der 
Königsstraße sofort einen umgestürzten Wagen beiseite, 
um ihm Platz zu machen. Eschwege — das bekannte 
Handwerksche Bild zeigt ihn neben Verschuer im Gefolge 
des Kurfürsten — wurde bald Flügeladjutant und dann 
Oberstallmeister. Das Gestüt Beberbeck brachte er hoch, 
und als leidenschaftlicher Jäger weilte er gern und oft 
im Reinhardswald. Nach der Annexion Kurhessens legte 
er sein Amt nieder und lebte in seiner Kasseler Villa 
und seinem Gute in Jestädt; an jedem Geburtstag 
des Kurfürsten besuchte er diesen in Prag, gehörte 
aber nie zu denen, die die neue Regierung bekämpf 
ten. Im Juli 1882 folgten denn auch in dem langen 
Trauergefolge neben den preußischen Generalen die 
Söhne des Kurfürsten dem Sarge des Oberstallmeisters 
von Eschwege. In der sich anschließenden Aussprache 
erinnerte Obervorsteher von B a u m b a ch daran, daß 
im Gegensatz zu Eschwege der Kurfürst weder ein guter 
Schütze noch ein passionierter Jäger gewesen sei. Rech 
nungsdirektor W o r i n g e r brachte im Anschluß an 
eine Untersuchung Professor Or. Eberstadts eine neue 
Deutung für jene Rillen, ivie wir sie, z. B. in Zieren 
berg, Naumburg, Dagobertshausen, auch an hessischen 
Kirchen antreffen. Gegenüber den bisher wenig befrie 
digenden Deutungen erklärt eine neue Theorie diese 
Rillen dadurch, daß man die Steine an der Kirche dazu 
benutzte, um am Charsamstag Feuer zu schlagen und zu 
reiben, mit dem die ewige Lampe in der Kirche und auch 
die Kohlen des Rauchfasses angezündet wurden. Ver 
mutlich ist ein derartiges Feuerwachen, wie es schon im 
8. Jahrhundert in Franken belegt ist, ein altheidnischer 
Rest und drehte sich um das alte Frühlingsfeuer, dem 
eine läuternde Kraft innewohnte: die katholische Kirche 
ging ja stets davon aus, altheidnische Bräuche dadurch zu 
wahren, daß sie ihnen einen christlichen Anstrich gab. 
In den meist neben dem Haupteingang angebrachten 
Rillen würde also nach dieser neuen Erklärung das 
Feuer geschlagen sein, während in den runden Vertie 
fungen durch Drehen eines Holzes Feuer aus diesem 
geweckt wurde. Auch diese Ausführungen veranlaßten 
eine lebhafte Aussprache. Nachdem Direktor Brun 
ner noch das bemerkenswerte, etwa 1778 begonnene 
und zahlreiche Lebensdaten und Silhouetten bekannter 
hessischer Persönlichkeiten enthaltende Stammbuch des 
späteren Steuerrats Joh. Ludwig Rohde vorgezeigt 
hatte, gab er einen Lebensabriß eines Mannes, der auf 
den ersten hessischen Kurfürsten einen unheilvollen Ein 
fluß ausgeübt hat, des Kriegszahlamtsdirektors Karl 
Friedrich Buderus von Carlshausen. Er war als Sohn 
eines Präzeptors in Hanau geboren, wurde Oberein 
nehmer bei der Steuerdirektion in Hanau, kam 1792 als 
Kammerzahlmeister nach Kassel und leitete später als 
maßgebender Berater des Kurfürsten dessen Finanz 
operationen, bediente sich ihrer aber zur Ansammlung 
des eigenen Vermögens. Seine eigentliche unheilvolle 
Tätigkeit begann er bei der Rückkehr des Kurfürsten 
aus dem Exil. Ihm wurde u. a. zur Last gelegt, 
dem Lande gegenüber die Auflage drückender Kriegs 
zulagen zu rechtfertigen. Es verbreitete sich, wie Wipper 
mann mitteilt, die Meinung, daß Carlshausen bei der 
Verwaltung der Kabinettskasse die Staatskapitalien in 
Gemeinschaft mit dem Hause Rothschild zu eignem Ge 
winn benutze, und er hatte einen Haß des Volkes auf 
sich geladen, den die Scheiben seiner Fenster schon 
empfunden hatten. Das Schärfste gegen ihn schrieb 
Wilhelm Grimm im „Rheinischen Merkur" vom April 
und Mai 1815. Er war später am Bundestag tätig 
und dann Gesandter in Darmstadt und starb 1818, ein 
Vermögen von mehr als einer Million Talern hinter 
lassend. Rechnungsdirektor Woringer erinnerte noch 
daran, daß Buderus es war, der dem Kurfürsten den 
Rat gab, den Unterhalt seiner Nebenkinder dadurch zu 
bestreiten, daß er auf jeden in Nauheim gewonnenen 
Scheffel Salz einen Kreuzer als Aufschlag erheben ließ. 
Dieser Nauheimer Salzkreuzer ist noch 1866 im Friedens 
regreß zwischen Preußen und Hessen-Darmstadt zur 
Abrechnung gekommen. (Vgl. „Hessenland" 1914, S. 145 ff.) 
8 . 
Todesfälle. Am 8. Januar verschied 78jährig 
der Stadtälteste Andreas Schmidt in Kassel, ein 
um das Gemeinwohl und die Verschönerung seiner 
Vaterstadt sehr verdienter Bürger. 
Am 15. Januar verstarb zu Hanau im Alter von 
70 Jahren der Stadtälteste Geh. Sanitätsrat Or. 
Eisenach. Zu Rotenburg als Sohn des dortigen 
Sanitätsrats Eisenach geboren, kam er 1870 nach Hanau, 
Ivo er zwanzig Jahre hindurch seine Kräfte dem städti 
schen Gemeinwohl gewidmet hat. 1893 in den ständigen 
Ausschuß gewählt, gehörte er dieser Körperschaft bis 
zur Einführung der neuen Städteordnung (1898) an. 
Er wurde nun in die Stadtverordnetenversammlung 
und im gleichen Jahre in den Magistrat gewählt; 1901 
bis 1913 war er als unbesoldeter zweiter Beigeord 
neter tätig. In der städtischen Verwaltung hat er sich 
hauptsächlich um das Schulwesen verdient gemacht. Er 
war ein guter Hesse, ein trefflicher Kenner der Hanauer 
Geschichte und eifriger Sammler von Hanauer Literatur 
und Altertümern. Auch war er ein Mitarbeiter des 
„Hessenland"; so entstammte z. B. der Aufsatz über 
den Grafen Philipp Ludwig II. von Hanau, Jahr 
gang 1897, Nr. 10—12, seiner Feder. Geheimrat 
vr. Eisenach bewohnte mehrere Jahrzehnte hindurch 
den ersten Stock der in unserer letzten Nummer ab 
gebildeten, ihm gehörenden Schwanenapotheke. 
Hessische Totenschau 1916 (Nachtrag). 
A u g u st. Pfarrer Heinrich Barchfeld in 
Wolfsanger, 56 I. alt.
	        

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