Full text: Hessenland (31.1917)

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„In unbekannte Ferne strecke ich eine warme 
Freundeshand nach Dir aus, mein Julius! 
Könnte sie die Deine doch so sreundlich fassen 
und drücken, als es mir in diesem stillen, be 
wegten Augenblick Bedürfniß ist. — Und weißt 
Du, warum? Diese Nacht schied Friese mit 
seinem Thespis-Karren von uns. Julius! Ich 
stand am dunklen Fenster und sah — sie logir- 
ten dicht neben mir — die schlanke, liebe Ge 
stalt") von ehemals in den Wagen steigen, 
weinend, gebückt, und wußte, daß, wenn ich am 
andren Morgen — nämlich heute — aufwachen 
würde, Niemand mehr in meiner Nähe wäre, 
der als Engel in ineine Wüste, in mein Exil 
träte, — wie sie 3 schöne Wochen lang gethan. 
Es ist so. Ich bin allein. Mehr wie je. 
Meine ,Braut' scheint sich von mir losmachen 
zu wollen, — mündlich mehr drüber. Krank 
bin ich auch wieder gewesen, weil ich mich in 
keiner Beziehung hier akklimatisiren kann. Da l 
kam mir der Gedanke an unsere gemeinsame 
Jugend, doppelt belebt durch Lorchens Auge, 
die Erinnerung an die Marburger Bühne, an 
unsere Gießer Nachtfahrten, an meine Epistel re. 
Junge, ich muß Dich sehen! Wo bist Du? 
Noch in Berlin? Noch nicht genug ,approfon- 
dirt' im märkischen Sande? Höre: In der Oster 
woche zieht Friese mit seinen Mimen gen Mar 
burg von Eisenach aus, wohin er sich jetzt 
gewandt. Kannst Du uni die Zeit dort sein? 
Wir feiern Feste der Erinnerung, und wer weiß, 
ob wir nicht sogar wieder Hoffnungen daran 
anknüpfen können? Komm doch, Junge. 
Daß ich ordentl. Lehrer allhier worden bin, 44 ) 
weißt Du? Ich weiß auch, daß ich Dir noch 
25 Thaler ... restire. Gerechter Gott! wirst 
Du's übel nehmen, daß ein Poet kein Geld 
hat, sondern Schulden? 
Willst Du bei uns auscultieren? Wir brau 
chen einen Mathematiker, da Arndt") toll ist. 
In hastiger Erwartung Deiner Antwort, An 
kunft und Anmuth 
Dein F. Dingelstedt. 
Fulda in Kurhessen, 
12. 2. 39." 
Hartmann erwiderte am 25. Februar"): 
„Soeben erreicht mich Deine Bruderhand, und 
wenn auch durch eine papierene Leiter, doch nicht 
minder segnend und erquickend. Daß Du mei 
ner sreundlich gedachtest, als die rosigen Erinne- 13 14 15 16 
13 ) Die Schauspielerin Leonore Treffert. 
14 ) Am 9. Januar 1839. 
15 ) Balthasar Arndt, Professor am Fuldaer Gymna 
sium. 
16 ) Nur im Konzept vorhanden. 
rungen aus schöner Vergangenheit in mildem 
Mondscheinlicht vor Dir auftauchten, macht mich 
nicht stolz, es schmeichelt mir nicht — obgleich 
Du reich im Innern und ein berühmter Mann 
geworden, und mich der Staub des Lebens ver 
graben, bin ich doch auch hochmüthig, wie alle 
armen Seelen. — Aber es that mir doch wohl, 
unendlich wohl. 
Die Liebe habe ich längst abgeschüttelt, mich 
gewöhnt, sie zu entbehren, mich überredet sie zu 
verachten wie der Fuchs die Trauben, aber 
doch ist ,die schlanke liebe Gestalt von ehemals' 
auch mir immer ein freundlicher Stern, kein 
versengender Sonnenstral, eine Rose ohne Dor 
nen im heimlich stillen Bewußtsein geblieben. 
Ich werde kommen. Ich werde sie wieder- 
sehen, mit D i r sehen, und dann wirst Du 
laut schwelgen und mit Engelzungen reden und 
ich werde still lauschen und leise mitbeben, wenn 
Deine Orgelklänge jubelnd und klagend ertönen." 
Hartmann versprach nicht allein Ostern in Mar 
burg zu sein, sondern griff auch den Gedanken 
auf, in Fulda Dingelstedts Kollege zu werden, 
so daß dieser jubelte: 
„Aber, Junge! nämlich liebster Freund! ich 
möchte Dir mit einem Freudensprung über den 
kleinen Hals fahren! Göttlich, Kerlchen! daß 
Du noch mehr verstehst, als Wurzeln ausreißen 
und die Zähne ausreißen zu lassen! Lauter 
Ausrufungszeichen! Juchhe! 
Du bist Ostern jeden Falls in Marburg? 
Ich auch, ich reise vielleicht von Eisenach aus 
auf dem Thespis-Karren mit, um die Filister 
zu ärgern, und eine Lebensfase ä la Wilhelm 
Meister zu durchlaufen. Dann sehen wir uns. 
Und so weiter! Juchhe! 
Aber noch mehr: Du kommst jeden Falls 
hierher. Denn in Fulda findest Du 
1. die Rhön, 
2. mich, 
3. Adolf Vogel,") den ich in hiesige Buchp- 
handlung verschrieben, um ein leichtsinniges 
Element im Leben zu haben; er trifft im März 
ein, 
4. einen braven Direktor,") der gestern' 
schon, als ich ihm kaum das Nöthige aus Dei 
nem Briefe mitgetheilt, nach Cassel geschrieben, 
gesagt, Du kämst ihm sehr gelegen, was um so 
wahrer ist, als er mit Arndt in stetem Unfrieden 
lebt." 
") Gustav Adolf Bogel aus Schmalkalden war schon 
in Rinteln mit Dingelstedt befreundet. Beide studierten 
dann gemeinsam in Marburg. 
18 ) Dr. Nicolaus Bach, vgl. Rodenberg I. S. 165.
	        

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