Full text: Hessenland (31.1917)

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Trotz der , sehr erheblichen Gehaltsverhesserung, 
die mir dort zuteil gew-orden wäre, hatte ich abge 
lehnt, weil ich mich nicht von meinem Heimat- 
lande trennen wollte. Dies war bekannt geworden 
und der Minister machte es zu meinen Gunsten 
beim Kurfürsten geltend'. Es ist nicht unwahr 
scheinlich, daß dies auf ihn einigen Eindruck ge 
macht hat. 
Bald darauf hatte ich aber wieder die persön 
liche Ungunst des Kurfürsten zu empfinden. Be 
kanntlich war von den deutschen Staaten (mit 
Ausnahme Preußens) eine Kommission zum Ent 
wurf einer deutschen Zivilprozeßordnung nach Han 
nover berufen worden. Auch vom Kurfürsten sollte 
diese beschickt werden. Der Minister beantragte, 
mich dorthin zu senden. Der Kurfürst schlug es ab 
und bestimmte den Oberappellationsgerichtsrat 
Büsf dazu. Als Büff bei denk Kurfürsten seine 
Abschiedsaudienz hatte, sagte dieser ihm, er habe 
bei der Sache nur das Interesse, daß seinen 
Kindern (aus morganatischer Ehe) ein privile 
gierter Gerichtsstand Vorbehalten werde. „Aber 
so etwas Bären und Wölfen nicht sagen könne!" 
fiigte er in der ihm eigentümlichen Art scher 
zend hinzu. 
Um jene Zeit hatte ich eine kleine publizistische 
Schrift ausgearbeitet, die ich unter dem Titel „Der 
Rechtsstaat" im Sommer 1864 herausgab. Es war 
eine etwas idealistisch angelegte Durchführung des 
Gedankens, daß überall im Staate das Recht zu 
seinem Schutz einen Richterspruch finden müsse. 
Teilweise sind ja die darin vertretenen Gedanken 
verwirklicht worden in der später in vielen deut 
schen Ländern geschaffenen Verwaltungsjustiz. 
Gleichwohl sehe ich nur mit geringer Befriedigung 
auf jene Arbeit zurück. Sie hatte eine gewisse Be 
rechtigung in den, kleinstaatlichen Verhältnissen, 
in denen ich aufgewachsen war, und in der Zeit, 
jn der sie entstand. In den langen Friedensjahren 
war uns Deutschen, zumal in den kleinen Län 
dern, ganz die Anschauung, dafür entschwunden, 
daß in der Tat nicht das Recht, sondern die 
Macht die Welt regiert, und daß der Rechts 
gedanke nur eine der treibenden Kräfte ist, von der 
hie Macht getragen wird. Auch noch in einer 
anderen Beziehung habe ich seitdem veränderte An 
schauungen gewonnen: Ich habe den deutschen 
Juristenstand ganz anders kennen gelernt, als ich 
ihn bei jener Schrift vor Augen hatte. 
Nachdem das neue Prozeßverfahren ins Leben 
getreten, war es wiederum mein Streben, dieses 
möglichst zu einer günstigen Entwickelung zu brin 
gen, namentlich die mündlichen Anwaltsvorträge 
zu ihrer vollen Bedeutung gelangen zu lassen. Ich 
schrieb deshalb wiederholt Aufsätze, die ich als 
„aphoristische Bemerkungen" in den Annalen ver 
öffentlichte. Meine erste Mahnung richtete ich an 
die Richter, und zwar dahin, daß sie den mit 
unter noch unvollkommenen Vorträgen der An 
wälte gegenüber Geduld üben und nicht durch un- 
zeitiges Eingreifen die natürliche Entwickelung der 
Sache stören sollten. 
Nach einiger Zeit aber fühlte ich mich ge 
drungen, eine Mahnung an die Anwälte zu richten. 
Obgleich wir recht gute Anwälte hatten, war doch 
deren Vortrag oft wenig befriedigend. Ich -suchte 
ihnen nun anschaulich zu machen, wie es Aufgabe 
des Anwalts sei, nicht die Akten, sondern die Sache 
vorzutragen, und daß nur bei einer solchen freien 
Zusammenfassung des Stosses die Mündlichkeit zu 
ihrer Bedeutung gelange. Indessen kann ich nicht 
sagen, daß meine Mahnung sonderlich gefruchtet 
hätte. Und als das Oberappellationsgericht am 
1. September 1867 seine Tätigkeit schloß, .ich mit 
hin 3 Jahre und 8 Monate hindurch volle Au 
waltsvorträge gehört hatte, schied ich mit der ge 
wonnenen Überzeugung, daß die Frage, ob Richter 
vortrag oder Anwaltsvortrag ein besseres Bild von 
der Sache gebe, lediglich eine Frage der indi 
viduellen Befähigung des Vortragenden sei, und 
daß die ganze Lobpreisung der vollen Mündlichkeit 
auf Schwindel beruhe. Ich will hier noch bemer 
ken, daß nach dem kurhessischen Gesetz dem Richter 
die Pflicht oblag, dasjenige, was bei der münd 
lichen Verhandlung von den Schriften Abweichen 
des vorkam, sofort kurz im Protokolle festzustellen; 
wodurch allerdings eine Mündlichkeit, die völlig in 
der Luft steht, vermieden wurde. 
Gegen Ende des Jahres 1866 war auch die 
erste Auflage der „Anerkennungen" vergriffen. Ich 
benutzte die mir angebotene zweite Auflage zu einer 
neuen Bearbeitung, bei der ich die Lehre in manchen 
Beziehungen erweiterte und Einwendungen dagegen 
zurückwies. Die neue Auflage erschien im Mai 
1867. 
Das Jahr 1866 hatte die Katastrophe gebracht, 
die der hessischen Justiz als einer selbständigen ihr 
Ende bereitete. Man hatte gehofft, daß bei dem 
großen Wert, den das Land auf seine Justiz legte, 
einigermaßen schonend mit ihr werde vorgegangen 
werden. 
Diese Hoffnung sollte sich nicht verwirklichen. 
Schon im März hatte ich an einer Beratung int 
preußischen landwirtschaftlichen Ministerium über 
ein für Kurhessen zu erlassendes Verkoppelungs 
gesetz teilgenommen und dabei die überraschende 
Schnelligkeit und Unbedenklichkeit kennen gelernt, 
mit der man in Preußen auch für Länder, deren 
Verhältnisse man ggr nicht kannte, tiefgreifende 
Gesetze zustande brachte. Nun war ich im Mai auch
	        

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