Full text: Hessenland (31.1917)

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nicht, ob Sie es nicht in. der kurzen Zeit, in der 
Sie mit ihm zusammen waren, selbst empfunden 
ihaben. Ist es sein festes und ruhiges Auge 
oder ist es die Sicherheit und Klarheit, mit der 
er seine Entscheidungen trifft, oder das Gefühl, daß 
alles, was er sagt, bis ins kleinste durchdacht und 
vorschauend bedacht ist." 
Zu dieser Organisation gehört nicht nur die Ord 
nung der Führung, die Gliederung der Truppen 
für die Schlacht, sondern auch der ganze gewaltige 
Nachschub von Kriegsmaterial, der oft plötzlich 
auf eine neue Grundlage zu stellen ist. Die 
Meisterhaftigkeit, mit der das geschieht, fühlt jeder 
bis in die letzten Reihen der Armee hinein, 
und der feste Kampfeswille, der in ihnen zum 
Ausdruck kommt, überträgt sich auf jeden Führer 
und Mann. Vollkommen tritt seine Kraft, seine 
schnelle und sichere Entschlußfähigkeit bei aller 
überlegenen Ruhe aber erst an den Großkampftagen 
lhervor. Er beherrscht das Kampfgelände teils 
'aus eigener Erfahrung, teils aus den Karten, 
als ob er darüber schwebte, und trifft danach seine 
Entscheidungen rasch und fest. Me wird er aber 
unnütz eine Truppe in den Kampf werfen, stets 
wägt er, ob der Einsatz dem erreichbaren Erfolge 
entspricht. Freilich ist er hart, wo es notwendig 
ist. Die Lagen, in denen er gerufen wird, zwingen 
ihn, viel von seinen Leuten zu fordern, und er tut 
es in der Art der Männer, die am meisten von 
sich selber fordern. Aber er hat, das sagen mir 
die Seinen ganz besonders, im Grunde ein war 
mes Empfinden für die kämpfende Truppe. Immer 
ist er es, der auch daran denkt, ihr die gebührende 
^Anerkennung zuteil werden zu lassen. Und wenn 
einmal die — seltene — Gelegenheit sich bietet 
zu zwanglosem Zusammensein im Kameraden 
kreise, dann ist dieser Mann von Stahl und Eisen 
der Fröhlichsten einer. Denn er ist eben das, was 
er ist, ganz. Ich selbst saß das letztemal neben 
ihm bei Tische, wenige Stunden vor dem zweiten 
großen Gesamtangriff der Engländer im Dpern- 
bogen, und denke noch mit Staunen an die hei 
tere Ruhe und Gelassenheit, mit der er unmittel 
bar vor so gewaltiger Entscheidung plauderte. 
Einer Ruhe und Sicherheit, die sich in der Tat 
auch mir vollkommen mitteilte. Mögen diese Zei 
len dazu beitragen, sie auch der" Heimat mitzu 
teilen, die nach Flandern hinüberschaut. 
Das «zweite Gesicht" in Hessen. 
Bon Heinrich Franz. 
(Schluß.) 
8 . 
Denn meist ist es doch so, daß nicht der eigene, 
sondern der Tod eines anderen durch Gehör oder 
Gesicht angekündigt wird. So ist es in der 
Schwalm gemeiner Glaube, daß sich Unglücks-, 
vor allem aber Todesfälle entfernt wohnender 
Verwandten durch Knarren des Tisches, Schläge 
im Haus und dgl. anmelden 15 . Dasselbe gilt vom 
oberhessischen Lahngebiet 16 . Einer der hier in 
Frage kommenden Fälle spielt in meiner persön 
lichen Verwandtschaft 17 . Eine Tante, genauer 
Mntterschwester, erzählte mir, sie habe sich Ende 
Dezember 1863 abends um 6 Uhr mit den Glie 
dern ihrer Familie in ihrem Wohnzimmer befun 
den, da habe es laut und vernehmlich auf den Tisch 
»geklopft. Der Klopfende war für sie die Seele 
meines an dem Tage und zu der Stunde sterben 
den Vaters. Ich erinnere mich noch lebhaft des 
tiefen Eindrucks, den dieser Bericht und die tiefe 
Gläubigkeit d^r Erzählerin — einer kleinen, hage 
ren Frau mit ausdrucksvoll glänzenden Augen — 
auf mich, den an dem Erzählten so nahe Beteilig 
15 Hess. Landes- und Volkskunde II, 330. 
Hess. Blätter für Volksk. VI, 114. 
17 im Kr. Marburg. 
ten, machte. Und derselbe Glaube, der damals den 
Zwölfjährigen erregte, begegnete im Sommer 1917 
in ungebrochener Kraft dem Sechzigjährigen in 
dein Lahndorf W. Eine dort wohnende Familie 
wurde nachts dreimal durch starkes Rasseln in 
den an der Giebelseite des Hauses aufgeschichteten 
„Backscheiten" aus dem Schlaf aufgestört. Zwei 
mal waren sie mit der Laterne außer dem Haus, 
ohne die Ursache des erschreckenden. Geräusches 
feststellen zu können.' In derselben Nacht aber 
und zur Zeit des angedeuteten dreimaligen Ge 
räusches rang sich, wie ihnen bald daräuf mitge 
teilt wurde, in einem Feldlazarett im fernen Ru- 
Mianien unter tiefer Heimatsehnsucht die Seele 
ihres einzigen Sohnes von dem heillos zerschosse 
nen Leibe. Was für die aus dem Lahngebiet bei 
gebrachten Fälle, das gilt nach meiner. Überzeu 
gung auch für die drei noch anzuführenden ähn 
lichen: auch sie sind als für die bezüglichen Ge 
biete typisch anzusehen. Frau Karoline C. in 
Kassel 18 hört in der Nacht ihre in Frankenberg 
wohnende Mutter sterben.' Sie redet am Morgen 
darauf in tiefster Unruhe mit einer Verwandten 
iS Mündlich.
	        

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