Full text: Hessenland (31.1917)

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geläufig). Datum: 6. Januar usw. Sie diktiert 
am andreren Morgen ihrer älteren Schwester den 
Brief. Nach vierzehn Tagen oder drei Wochen 
der Zeit, die damals ein aus den Vereinigten 
Staaten kommender Brief brauchte — kommt mit 
der Post ein Brief von Dr. Heinrich G., und zwar 
aus Philadelphia (dieser Ortsname lateinisch! ge 
schrieben und daher, wie bemerkt, von der dieser 
Schrift wenig kundigen Schwester in „Batavia" 
verlesen). Datum 6. Januar. Inhalt mit dem 
Mktat sachlich, aber auch im Wortlaut soweit 
übereinstimmend, als man bei vorhergegangenem 
einmaligen Lesen zu erwarten berechtigt ist. Ganz 
wörtliche Übereinstimmung am Schluß: „Meines 
Bleibens ist auch hier nicht, ich gehe mit nächstem 
weiter nach " 
Dieselbe Karoline, nun verheiratete C. und nach 
K. übergesiedelt, träumt, aus F. ist mit der Post 
eine blaue Hutschachtel von ihrer dort wohnenden 
Schwester gekommen. Sie erzählt ihren Ange 
hörigen diesen ihren Traum. Am Nachmittag 
kommt die betreffende Schachtel genau, wie sie 
sie gesehen und ihren Angehörigen beschrieben hatte. 
Dieselbe Dame träumt, ihr Schwager aus Spa. 
fei zu Besuch gekommen und sie habe ihn an 
geredet: „Ei, B., da bist du ja!" An demselben 
Morgen um 9 Uhr erscheint, wie der von ihr 
erzählte Traum verkündete, der Schwager, der 
von niemand erwartet wurde und dm sie, die Tür 
öffnend und plötzlich vor sich sehende auch ganz 
überrascht mit den Worten begrüßt: „Ei, B, da 
bist !du ja!" — Das zweite Gesicht geht hier, 
wie wir sehen, durch das Medium des Traumes. 
Ich zweifle aber keinen Augenblick, daß das Er 
zählte trotzdem dem beregten Gebiet zuzuweisen ist. 
3. 
Außerhalb des Traumlebens i. e. S., auch schon 
jenseits des Alltäglichen liegt das Nachstehende. 
Als die Chaussee von Dillenburg in das Hessische 
angelegt wurde, erinnerte man sich in Dillenburg 
allgemein, daß schon fast ein halbes Jahrhun 
dert vorher ein damals in der Nähe dieser Stadt 
lebender und im Geruch der Prophetie stehender 
(auch noch weiter unten zu erwähnender) Mann 
dies vorausgesagt hätte 3 . 
4. 
Häufiger als bei gewöhnlichen Ereignissen er 
scheint nach der Überlieferung das zweite Gesicht 
bei bevorstehenden Unglücksfällen, Bränden usw. 
So sind in der Schwalm ^ Erzählungen, daß sich 
Unglücksfälle entfernt wohnender Verwandten 
3 Josef Kehrein, Volkssprache und Volkssitte in 
Nassau II, 292. 
* Hessische Landes- und Bolksk. II, 330. 
durch Knarren des Tisches, Schläge im Haus 
und dgl. angemeldet haben, gang und gäbe. Vom 
Lahn gebiet gilt sicher das Gleiche. So wurde dort 5 
Ende der vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts 
ein junger Ehemann nächtlicherweile durch einen 
von starkem Röcheln begleiteten Ohnmachtsanfall 
heimgesucht. Seine ihn laut anrufende und laut 
weinende Frau dachte in ihrer Angst an ihre etwa 
eine Stunde entfernt wohnenden unverheirateten 
Brüder, deren oft erprobte Hilfe ihr jetzt in dieser 
verzweifelten Lage fehlte. Der älteste dieser Brüder 
berichtete ihr später, daß er, in der betreffenden 
Nacht aufwachend, ein starkes Röcheln gehört und 
daraufhin den mit ihm in demselben Zimmer schla 
fenden jüngeren Bruder geweckt habe. Auch im 
nördlichen Amt Dillenburg herrscht allgemein der 
Glaube an Deuteroskopie 6 . In der Nähe Dillen- 
burgs 7 lebte noch zu Anfang des 19. Jahr 
hunderts ein Mann, von dem allgemein geglaubt 
wurde,- er besitze die Gabe, Zukünftiges voraus 
zusehen. Damals wurde das Dillenburg nahe 
gelegene Haiger öfter von Bränden heimgesucht. 
Einen dieser Brände soll jener Mann vorausgesagt 
und dabei namentlich angegeben haben, der da 
malige Beamte in Dillenburg werde auf einem 
Schimmel in Schuhen und seidenen Strümpfen 
zu dem Brande reiten. Auch dem Beamten kam 
diese, Äußerung zu Ohren. Natürlich lachte :r dar 
über. Bald darauf brannte es in Haiger. Der 
Beamte, der sich zufälligerweise in Schuhen und 
seidenen Strümpfen an der Tafel des damals in 
Dillenburg weilenden Prinzen von Oranien be 
fand, sollte zur Brandstätte eilen. Er verlangte 
nach einem Pferde Es waren aber nur zwei in 
bette Marstall befindliche, ein Rappen und ein 
Schimmel, zu bekommen. Der Beamte, dem die 
Weissagung einfiel, befahl: „Bringt mir den 
Rappen!" Da aber mittlerweile der Rappen er 
krankt war, mußte er den Schimmel nehmen. 
Als er auf diesem in Schuhen und seidenen 
Strümpfen, wie er von der Tafel aufgeständen war, 
nach Haiger eilte, stand der Prophet am Tor und 
begrüßte ihn spöttisch lächelnd: „Guten Morgen, 
Herr Justizrat!" So « wird der Vorfall erzählt 
und teilweise noch bis auf diese Stunde geglaubt. 
5 Mündlich (Kreis Marburg). 
6 Kehrein II, 63: „Wann innez (jemand) baal störbt, 
da gött et (gibt es) Leu, de söih de Lache (Leiche) vörher 
oh der Hausthör stih, önn wann baal Feuer ausbrecht, 
honn seit (sie es) aach vörher geseh, grad, tuet wann et 
broit (brennt). Wanner su aut de Moorge früih seut 
(sieht), da passöirt et baal;. seut mert (man es) otvwer 
Owends, da dauert ett länger, böß ett gescheut (ge 
schieht). 
7 Kehrein II, 292/93. Vgl. Anm. 3. 
> 3 sagt Kehreins Berichterstatter, Pfarrer Lex in Caub.
	        

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