Full text: Hessenland (31.1917)

1 Vilmar, Hess. Historienbüchlein 3, S. 153. 
2 Mündlich. 
314 smtb 
Schlagring, die früher im Klausturm hing, die 
kleine Hospitalsglocke aus 1746 mit der Inschrift 
§08 mied J. C. Schneidewind in Efnrt (statt Er 
furt) und die Gymnasialglocke aus 1831 mit latei 
nischer Inschrift, alle drei ohne größeres künstleri 
sches Interesse. Sie sind für die Beschlagnahme 
freigegeben worden. 
Die Inschrift der Gymnasialglocke lautet: 
Erste Reihe: In u8um Gymnasii illustris Hers- 
feldensis. 
Zweite Reihe: Fudit Mel. Jac. Bittorf in vico 
Seligenthal Schmalcaldensis 1831. (Zum Ge 
brauch für das berühmte Hersfelder Gymnasium. 
Goß mich Melchior Jakob Bittors im Dorf Seli- 
gental bei Schmalkalden.) 
iAuch die für die Beschlagnahme freigegebenen 
beiden Glocken der hiesigen katholischen Kirche 
aus dem Jahre 1886 firtb ohne bedeutenderes 
Interesse. Sie sind reich geschmückt mit Ornamen 
ten am Hals, zwischen denen sich zwei Spruch 
bänder befinden. Me Henkel fittb verziert. Auf 
der Mitte des äußeren Mantels der kleineren von 
beiden befindet sich folgende lateinische Inschrift: 
Sancte Joseph 
huius ecclesiae tibi commissae 
esto custos et protector 
(Heiliger Joseph, sei dieser dir anvertrauten 
Kirche Schutz und Schirm.) 
Die Inschrift der größeren, in Stil und Guß- 
form gleichen Glocke enthält den englischen Glocken 
gruß und lautet: 
Ave Maria gratia plena 
Dominus tecum benedicta tu in mulieribus 
et benedictus fructus ventris tui. 
(Gegrüßt seist du, Maxia, du bist voller Gnaden, 
der Herr sei mit dir, du bist gebenedeit unter den Wei 
bern, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes.) 
Um die beschlagnahmten Glocken in Wort und 
Bild der Nachwelt zu erhalten, sind sie auf der 
Sammelstelle aufgenommen und Abdrücke der In 
schriften und Verzierungen durch Abreibungen vor 
genommen worden. Sie werden als beredte Zeu 
gen der Opfer, die in dieser eisernen Zeit dem 
Vaterland haben gebracht werden müssen, unserem 
städtischen Museum einverleibt werden und hier 
einen wichtigen Bestandteil in der Abteilung 
„Weltkriegsmuseum" bilden. 
Das ..zweite Gesicht" in Hessen. 
Von Heinrich Franz. 
1. 
Wie das sogenannte „zweite Gesicht", d. h. die 
angebliche Fähigkeit gewisser Menschen, kommende 
Ereignisse, namentlich Unglücks- und Todesfälle, 
im voraus zu fühlen, zu hören, ja zu sehen, gedeutet 
werden soll? Etwa mystisch, indem wir mit dem 
verstorbenen Generalsuperintendenten Kolbe 1 im 
Sinne des Shakespeareschen, Hamlet darauf hin 
weisen, daß es zwischen Himmel und Erde mehr 
Dinge gibt, als die landläufige Schulweisheit sich 
träumen läßt? Oder verstandesmäßig, indem wir 
mit einem meiner naturwissenschaftlich gebildeten 
Freunde die in Frage kommenden Vorgänge einer 
Verlängerung des Bereichs der Naturwissenschaften 
überweisen? Ich glaube, wir brauchen uns für 
keine dieser beiden Deutungen zu entscheiden, ja 
wir haben überhaupt nicht nötig, zu der Tatsäch 
lichkeit der beregten Dinge, ihrer Möglichkeit oder 
Unmöglichkeit, Stellung zu nehmen. Von unserem 
Standpunkt, dem der Volkskunde, werden wir uns 
einfach daran genügen lassen, daß die Möglich 
keit, ja Tatsächlichkeit des zweiten Gesichts — und 
zwar keineswegs bloß von einfachen Leuten aus 
dem „Volk" — überhaupt geglaubt wird, und 
werden ihm schon deshalb ein Interesse nicht 
versagen, das wir anderen Bereichen des hessischen 
Volksglaubens, dem Hexen-, Alp-, Werwolf- usw. 
-Glauben bereitwillig entgegenbringen. Die Auf 
gabe, die die Überschrift dieses Aufsatzes stellt, 
wird sich sonach stark vereinfachen: sie wird im 
wesentlichen auf eine Zusammenstellung der Fälle 
hinauslaufen, die dem Verfasser bezüglich des 
zweiten Gesichts aus der schriftlichen und münd 
lichen Überlieferung des hessischen Stammes be 
kannt geworden sind. 
2 . 
Verhältnismäßig am seltensten kommt, so scheint 
es, das zweite Gesicht gegenüber den Vorkomm 
nissen des Alltags zur Geltung. Wenigstens steht 
mir in bezug darauf nur eine, allerdings ver 
läßliche Quelle 2 zur Verfügung. Nachstehend die 
einschlägigen Fälle: Fräulein Karoline G. aus F. 
träumt, ihr nach den Vereinigten Staaten von 
^Amerika ausgewanderter Bruder Heinrich, von 
dem Nachricht bislang nicht eingegangen, hat einen 
Brief geschrieben. Sie liest den Brief. Ort: Ba 
tavia (in lateinischer Schrift, die ihr sehr wenig
	        

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