Full text: Hessenland (31.1917)

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der Verfasser dieser Zeilen als junger Lehrer viel 
fache Belehrung und- Anregung. 
Im Deutschen lag der Schwerpunkt des 
Unterrichts in der Erklärung der Dichtwerke 
Goethes und Schillers — der Gebildete mußte 
damals „schillerfest" sein, und Schillers Lied von 
der Glocke war auch in einfachen Bürgerhäusern 
bekannt —, in der Kenntnis der deutschen Litera 
turgeschichte und in der Erzielung eines möglichst 
glatten und gewandten Stils. 
Mit dem Abgänge des Dr. Wiß, der 1839 zum 
evangelischen Pfarrer in Fulda und zum Schnl- 
reserenten an der dortigen Regierung berufen 
worden toctr, hörte die bevorzugte Stellung des 
Lateinischen auf. Dagegen wurde mit der gleich 
zeitigen Beseitigung des englischen Unterrichts die 
Stundenzahl des Griechischen vermehrt. Die Be 
sonderheiten der einzelnen kurhessischen Gymna 
sien traten allmählich zurück durch die einheitliche 
Regelung des Unterrichts durch mini 
sterielle Bestimmungen. Besonders segensreich 
hatte die vom Minister Hassenpflug 1833 unter 
nommene Unterrichtsreform gewirkt, die zur He 
bung des wissenschaftlichen Standpunkts an 
deren hessischen Gymnasien den Kopf abschlug, 
d. h. die Prima zur Sekunda herabsetzte infolge 
einer Revision, die der Gymnasiallehrer Dr. Au 
gust Vilmar zu Hersfeld und der Direktor Dr. Wiß 
im Auftrag des Ministeriums ausgeführt hatten. 
Diese Unterrichtsreform hatte für Rinteln nur 
die vorher erwähnte Angliederung der Quinta zur 
Folge, ließ aber das Lehrerkollegium mit seinem 
Direktor unberührt, ein Beweis der Anerkennung 
ihrer Tüchtigkeit. Dagegen erhielten die anderen 
kurhessischen Gymnasien neben manchen neuen 
Lehrkräften fast sämtlich neue sehr tüchUge Direk 
toren.*) — Nach der Einverleibung des Kurstaates 
in das Königreich Preußen wurde der Unterricht 
selbstverständlich durch die allgemeinen Lehrpläne 
bestimmt und durch die Reifeprüfungen unter dem 
Vorsitze eines Kgl. Provinzial-Schulrats auf der 
notwendigen wissenschaftlichen Höhe gehalten. 
Zur Zeit der Gründung des Rinteler Gymna 
siums gab es in Kurhessen noch keine Reife 
prüfungen. Die ersten Witurienten unserer 
Schule aber waren nach dem Urteile ihrer Lehrer 
für die akademischen Studien wohlvorbereitet, ein 
Urteil, das der sogenannte Rinteler Schulrat 
als Aufsichtsbehörde ausdrücklich bestätigt hatte. 
Dr. Wiß hatte das Fehlen der Reifeprüfung als 
einen Mangel von Anfang an erkannt und diesen 
*) Das Lyceum Fridericianum in Kassel Dr. Karl 
Friedr. Weber, das Gymnasium in Hersfeld Dr. Wilh. 
Mnnscher, in Fulda Dr. Nikolaus Bach, in Marburg 
Dr. Aug. Vilmar. 
dadurch auszugleichen gewußt, daß seine Schüler 
bei ihrem Abgänge den Beweis ihrer Reife durch 
eine öffentliche Disputation über eine Streitfrage 
in lateinischer Sprache und durch die Veröffent 
lichung einer. gedruckten kurzen fremdsprachlichen 
Abhandlung erbringen sollten. „Sie sollten zwar 
nicht als Schriftsteller auftreten, wohl aber damit 
vor^ Sachverständigen eine Probe erlangter Kennt 
nisse ablegen." So schrieb der Abiturient Sommer- 
lath 1820 de studio linguae latinae strenue co 
lendo, der Abiturient Kastendick of love of one’s 
country, der Abiturient Windmüller in Versen 
laudes Pyrmonti. Doch schon im Dezember 1819 
und im April 1820 forderte eine Kurfürstliche Ver 
ordnung für die Immatrikulation auf der Landes 
universität Marburg die Vorlage eines Reife 
zeugnisses. Die öffentliche Disputation und die 
Veröffentlichung einer gedruckten Abhandlung der 
Abiturienten konnte deshalb vom Direktor Dr. Wiß 
nicht mehr aufrecht erhalten, werden. An ihre 
Stelle trat die Reifeprüfung, die zweimal jährlich, 
zu Ostern und zu Michaelis, stattfand. 
Die eigentliche Leitung des neuen Gymnasiums 
lag anfangs in der Hand des ober: erwähnten 
Rinteler Schulrats, der dem Oberschul 
rat in Kassel untergeordnet war. Dieser Schul 
rat war zusammengesetzt aus einem Mitgliede der 
Rinteler Regierung, zwei Ortspfarrern und dem 
Bürgermeister. „Weder der Direktor des Gymna 
siums noch sonst ein Schulmann war dann auf 
genommen." Dieser Schulrat hatte über viele 
Dinge zu entscheiden, zu deren Beurteilung eine 
unmittelbare Anschauung und eine genaue Kennt 
nis des Unterrichts und der Personen erforderlich 
war. So hatte er die Entscheidung über bedeu 
tendere Strafen, über die Versetzungen der Schüler, 
die Verteilung des Unterrichts unter die Lehrer, 
über Höhe und Erlaß des Schulgeldes, auch über 
ganz äußerliche Dinge, wie z. B. über die Be 
teiligung der Schule an dem Leichenbegängnis 
eines Schülers. Alles dies wurde schriftlich be 
handelt und erforderte deshalb sehr viele zeit 
raubende Schreiberei. Um diese zu beseitigen, setzte 
der Direktor Dr. Wiß 1827 seine Aufnahme in 
den Schulrat durch. Der Minister Hassenpflug 
schnitt bei seiner wohltätigen Schulreform 1833 
auch diesen lästigen und veralteten Zopf des Schul 
rats ab und übertrug dessen Befugnisse teils dem 
Direktor und dem Lehrerkollegium, teils, wie z. B. 
die Ordnung der Verwaltung, insbesondere die 
Aufstellung des Etats, der neu errichteten Ver 
waltungskommission, die aus dem Direktor und 
dem Landrat (damals Regierungsdirektor) bestand. 
Diese Verwaltungskommission wurde erst 1882 
durch Ministerial-Erlaß vom 4. April aufgehoben.
	        

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